INTERFILM AKADEMIE: 25 Jahre
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Auf dieser Seite werden demnächst zwei Jubiläen dargestellt.

1. 25jähriges Bestehen der Interfilm-Akademie
2. 50jähriges Bestehen von Interfilm

1 Gründung der Interfilm-Akademie
Dr. Konietzka Wann wurde die Interfilm-Akademie gegründet?
 
Pfr. Bruchner Die Interfilm-Akademie hat eine Vorgeschichte. Als mein Vorgänger Dr. Gerd Albrecht, Filmbeauftragter der EKD zum Direktor an das Institut für deutsche Filmkunde in Frankfurt berufen wurde, habe ich 1980 die Leitung der Interfilm-Akademie übernommen. Im Mai 1985 wurde ich auf der Generalversammlung in Paris zum Direktor der Interfilm-Akademie ernannt. Durch meinen Wohnort in München haben sich viele Aktivitäten auch in Süddeutschland entfaltet.

Dr. Konietzka Warum wurde überhaupt die Akademie für den Film gegründet?
 
Pfr. Bruchner Die Organisation "Interfilm", die in diesem Jahr 50 Jahre alt wird, richtet vor allem Juries aus und vergibt Preise. Sehr bald gab es schon Forschungs- und Seminararbeit, die dann unter meiner Leitung zusammen mit anderen Kollegen aus verschiedenen Ländern durch weitere Themenstellungen und Aufgabenfelder vertieft wurden. Neben der Vergabe von Preisen wurde das Hauptaugenmerk in der Interfilm-Akademie auf die theologische, medienwissenschaftliche und filmwissenschaftliche Begleitung der neuesten Filmproduktionen gelegt. Es wurden aber auch eigene Produktionen auf den Weg gebraucht.

Zielgruppen der Filmarbeit
Dr. Konietzka Wer ist die Zielgruppe für diese Filmarbeit?
 
Pfr. Bruchner Die Zielgruppe der Interfilm-Akademie sind Filmpublizisten, Theologen, Kirchenleute, Wissenschaftler und Universitäten, Akademien etc, wie auch engagiertes, interessiertes Publikum, das sich insbesondere für den neuen internationalen Film interessiert.

Dr. Konietzka Wie unterscheidet sich die Arbeit der Interfilm-Akademie von anderen wissenschaftlichen Bearbeitungen des Films?
 
Pfr. Bruchner Die Interfilm-Akademie ist vernetzt mit kirchlicher Arbeit wie auch mit theologisch-wissenschaftlichem und historischem Denken. Das Proprium der Interfilm-Akademie ist die theologisch-ethische Reflexion aus christlichem und religionswissenschaftlichem Geist.
Als kulturelle Institution arbeiten wir selbstverständlich mit anderen kulturellen Einrichtungen zusammen.

Publikum als Gemeinde
Dr. Konietzka Ist das Filmpublikum auch eine "Gemeinde"?
 
Pfr. Bruchner Nicht im religiösen, aber im soziologischen Sinne. Denn wenn wir über 20-30 Jahre in verschiedenen Städten und kleineren Orten Filmgespräche führen, hat sich selbstverständlich ein Publikumsstamm gebildet, bestehend aus älter gewordenen Leuten und jungen Leuten, die nachgekommen sind. Es gibt also im kultursoziologischen Sinne eine Kinogemeinde.
Die Studienleiter der Interfilm-Akademie gehen auch in einzelne Stiftungen hinein und arbeiten dort in unserem Auftrag entweder in Kooperationsseminaren oder auch als Einzelreferenten, die mit anderen Gruppen kooperieren. Wir haben die Ghettoisierung der kirchlichen Kulturarbeit und der christlichen Filmarbeit längst gesprengt.

Dr. Konietzka Wie hat sich das Publikum in den letzten 25 Jahren gewandelt?
 
Pfr. Bruchner In früheren Jahren bestand das Publikum zumeist aus jungen Menschen. Der Film war ja ein Stiefkind der Kultur und Gesellschaft. Das hat sich geändert. Nun kommen auch ältere Menschen zu uns, denn sie gehen selbst ins Kino. Denn Kino ist als gesellschaftliche, kulturelle und politische Ausdrucksweise interessant geworden. Nirgendwo passiert soviel Neues wie im Film - im Gegensatz zum Fernsehen: das sieht inhaltlich und formal alt aus - und das spüren die Menschen. Das hat sich in den letzten 10-15 Jahren rasant verändert. Durch die Filmgespräche, in denen man sich nach dem Film zusammensetzt und auseinandersetzt und dadurch wird die Wirkung des Films vertieft. Und das ist das wunderbare an dieser Arbeit. Deshalb bin ich immer noch mit Begeisterung dabei.

Dr. Konietzka Kommt Ihr Publikum aus der Kirche und soll es zur Kirche zurückgeführt werden?
 
Pfr. Bruchner Die Interfilm-Akademie verfährt keineswegs nach dem Motto: Mit Speck fängt man Mäuse. Die Interfilm-Akademie ist kein Missionswerk, sondern ein Forum für den filmbezogenen Gedankenaustausch zwischen Kirche und Gesellschaft.
Bei der Interfilm-Akademie gibt es auch Personen mit hervorragenden Filmkenntnissen, die nicht zur Kirche gehören, aber als Spezialisten auch ein hohes ethisches Bewußtsein haben.
Die Interfilm-Akademie ist inzwischen eine freie unabhängige Gesellschaft, die aber im christlichen, ökumenischen Geist arbeitet. Sie ist offen für alle Gesellschaftsschichten, für alle politisch, soziologisch und religiös Interessierten. Wir pflegen seit einigen Jahren Kontakt mit jüdischen, islamischen, buhhdistischen und hinduistischen Filmemachern. Diese Filmschaffenden sind alle sehr am interreligiösen Dialog interessiert.
Die Interfilm-Akademie arbeitet selbständig und bleibt freundschaftlich ökumenisch mit kirchlichen Vereinigungen.

Dr. Konietzka Die Interfilm-Akademie praktiziert die religiöse Grenzüberschreitung?
 
Pfr. Bruchner Die größte Leidenschaft aller ist das Medium, der Film, aber mit einem ethischen Gewissen. Wir wollen jetzt auch den Menschenrechtspreis in Nürnberg unterstützen und werden nächstes Jahr mit in der Jury sitzen.

Dr. Konietzka Erhalten die ausgewählten Filme eine Art Unbedenklichkeitsbescheinigung?
 
Pfr. Bruchner Es gibt ja viele Menschen, die sind Spezialisten ihres eigenen familiären, beruflichen Alltags. Wir sind Spezialisten von Film und Kino und weil international informiert sind, ist es oft eine Hilfe für ein interessiertes, aufgeschlossenes Publikum, wenn wir ihm Orientierungshilfe geben können und im Vorfeld auswählen können, welcher Film gut ist und welchen wir besonders pushen oder diskutieren.
Viele Teilnehmer des Kinopublikums, etwa 40%, kommen im vollen Vertrauen auf unsere Entscheidung. Sie sagen: Ich weiß nicht, welcher Film gezeigt wird, ich weiß aber, die Film sind gut ausgewählt, sie werden sehr gut eingeführt und diskutiert.
Und 60% kommen wegen des Films; sie wissen aber, hier sind Profis am Werk; hier wird vor allem tolerant kommuniziert und andere Meinungen besprochen und ausgehalten und kontrovers diskutiert; und deswegen ist genau so wichtig der Film, aber genau so wichtig das Gespräch hinterher und erst recht die Workshops und Seminare, die drei Tage und länger dauern.

Ökumenische Zusammenarbeit
Dr. Konietzka Wie ist das Verhältnis der Interfilm-Akademie zu den christlichen Kirchen?
  
Pfr. Bruchner

Wir haben Arbeitskontakte

  • mit verschieden evangelischen Landeskirchen in Deutschland,
  • mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD),
  • mit Interfilm, der internationalen Vereinigung für evangelische Filmarbeit,
  • mit dem Weltkirchenrat (Genf) und
  • mit dem WACC, dem World Association for Christian Communication (London),
  • mit Signis, der internationalen katholischen Filmarbeit,
  • mit verschiedenen orthodoxen Kirchen im In- und Ausland.

Die Interfilm-Akademie arbeitet unter dem Dach von Interfilm. Die Zusammenarbeit war kooperativ und sehr praktisch. Wir haben jetzt nach 25 Jahren die Interfilm-Akademie in München juristisch verankert. Die Interfilm-Akademie bleibt aber Partner von Interfilm und WACC, wie wir auch weiterhin das Gespräch mit Signis, der katholischen Filmarbeit und mit den orthodoxen Kirchen pflegen. Die Interfilm-Akademie wird weiterhin auch den religionswissenschaftlichen Dialog mit anderen Religionen führen.
Durch diese Zielsetzungen hat die Interfilm-Akademie hat nun eine stärkere eigene Identität entwickelt.

Dr. Konietzka Ist die Interfilm-Akademie eine kirchliche Gründung?
 
Pfr. Bruchner Geschichtlich und juristisch hängen wir eng mit Interfilm zusammen. Interfilm und die Interfilm-Akademie wurden in Paris als internationale Vereinigung gegründet. Jetzt sind wir als Institution unabhängig.
Wir wollen aber kein Verein sein, sondern wir sind eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts. Die Kirchen haben immer weniger Geld. Das Geld für unsere Arbeit erwirtschaften wir z.T. selbst. Dadurch sind wir unabhängig sowohl von Interfilm als auch von den Kirchen unabhängig.

Dr. Konietzka Welches Profil hat die Filmarbeit der anderen Kirchen?
 
Pfr. Bruchner Signis,- das ist die Organisation, in der die katholische Filmarbeit vereinigt ist,- ist rechtlich und finanziell von der Katholischen Kirche abhängig. Das hat Vor- und Nachteile. Sie hat einen 80 Mal größeren Etat als die evangelische Filmarbeit. Aber auch die ist zu großen Teilen von den Evangelischen Kirche abhängig.
Die Interfilm-Akademie dagegen ist freier. Ihr Geschäft ist riskanter.

Wissenschaftliche Arbeit
Dr. Konietzka In wieweit arbeitet die Interfilm-Akademie wissenschaftlich?
 
Pfr. Bruchner

Die Interfilm-Akademie ist in vielfältiger Weise für Menschen aller Altersstufen tätig.

  • Wir fördern wissenschaftliche Projekte: Diplomarbeiten, Dissertationen und Habilitationen; dazu gehören auch Abschlußfilme von Filmhochschulen in Deutschland und in ganz Europa. Wir fördern also die wissenschaftlich reflexive Arbeit wie auch die film-kreative Arbeit.
  • Wir fördern die medien- und film-publizistische Arbeit mit Redakteuren, mit Zeitschriften, mit Filmpublizisten.
  • Wir fördern Seminaren und Workshops, zusammen mit Institutionen und Stiftungen wie z.B.: mit dem Goetheinstitut, der Hanns-Seidel-Stiftung, der Konrad-Adenauer-Stiftung, der Willy-Brand-Stiftung, der Heinrich-Böll-Stiftung.
  • Hinzu kommt, dass die Interfilm-Akademie selbst Filme produziert bzw. koproduziert.

Internationales Filmseminar auf dem Filmfest München
Welche Filmseminare macht die Interfilm-Akademie auf dem Filmfest München?
Seit den 80er Jahren veranstaltet die Interfilm-Akademie auf dem Filmfest München internationale Filmseminare mit Medienexperten aus der ganze Welt. Der erste Regisseur, den wir seinerzeit eingeladen hatten, kam aus Indien: Mrinal Sen. Parallel zum Seminar lief eine Werkschau.
Jedes Jahr haben wir einen besonderen Regisseur zu Gast in München und kombinieren es, wenn möglich, mit einer Werkschau.

Filmseminare auf den Kirchentagen
Welchen Charakter hatten die Kirchentags-Filmseminare?
Zu Deutschen Evangelischen Kirchentagen haben wir Filmgespräche und Seminare unter dem Motto "Kino-Kirche" veranstaltet, in der Regel immer über berühmte Regisseurinnen und Regisseure. Wie z.B.:
  • 1979. Wir begannen die Reihe Kino-Kirche auf dem Kirchentag in Nürnberg mit Ingmar Bergman. Wir haben alle Filme des schwedischen Meisterregisseurs Ingmar Bergman gezeigt und mit Experten wichtige Themen in Filmgesprächen und Seminaren vertieft.
  • 1981. Auf dem Kirchentag in Hamburg wurde das Gesamtwerk von Pier Paolo Pasolini gezeigt und diskutiert.
  • 1983. Auf dem Kirchentag in Hannover zeigten wir seinerzeit die Filme von Luis Bunuel. Am Ende Das Gespenst von Herbert Achternbusch als dem sogenannten bayerischen Bunuel.
  • 1985. Auf dem Kirchentag in Düsseldorf zeigten wir die Filme von Margarethe von Trotta. Die Filme "Die bleierne Zeit" und "Rosa Luxemburg" waren damals sehr umstritten.
  • 1987. Auf dem Kirchentag in Frankfurt haben wir mit vielen französischen Freunden und in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Filmmuseum sowie dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) das Gesamtwerk von Eric Rohmer gezeigt und diskutiert.
  • 1989. Auf dem Kirchentag in Berlin zeigten und diskutierten wir kurz vor dem Mauerfall eine Werkschau über Andrej Wajda.
  • 1991. Auf dem Kirchentag in München haben wir erstmals keinen Regisseur bzw. Regisseurin vorgestellt, sondern uns dem Gesamtthema "Film im interkulturellen Dialog" mit vielen Filmbeispielen aus verschiedenen Kontinenten gewidmet.

Das von mir 1979 initierte Modell "Kino-Kirche" wird inzwischen auf allen Evangelischen und Katholischen Kirchentagen in Deutschland in modifizierter Fom mit verschiedenen Partnern durchgeführt.
Das klassische Modell "Kino-Kirche" soll auch auf dem nächsten Ökumenischen Kirchentag 2010 in München realisiert werden. Erstmals ist "Kino-Kirche" als Großveranstaltung im Olympiastadium geplant.

Internationale Filmseminare im Ausland
Wo überall gab es Filmseminare in Europa und anderswo?
Seit Jahrzehnten führt die Interfilm-Akademie Filmseminare, Workshops und Kooperationsseminare in Europa und darüber hinaus durch:
  • in Deutschland
  • in Schweiz
  • in Italien
  • in Frankreich
  • in Dänemark
  • in Belgien
  • in den Niederlanden
  • in Kroatien
  • in Russland
  • in der Ukraine
  • in Kasachstan

Welche Aufgabenstellung hatten diese Filmseminare?
Wir haben nicht nur christliche Belange in unserer Arbeit, sondern pflegen seit über 20 Jahren auch den interkulturellen und interreligiösen Dialog. Dabei entwickeln sich vor allem wissenschaftliche, kulturpolitische und filmische Kooperationen entwickelt.

Welche Erfahrungen haben Sie bei dieser Arbeit bisher persönlich gesammelt?
Film ist für mich das beste Medium, um miteinander zu kommunizieren. Die Teilnehmer aus den verschiedenen Kulturen sehen die Filme zwar gemeinsam, aber sie lesen und verstehen sie sehr unterschiedlich.
In Zeiten des Kommunismus waren die Filmseminare sehr heikel. Es gab immer Spitzel. Wir mussten behutsam vorgehen. Die Gesprächspartner durften nicht überfordert werden. Es war erstaunlich, worüber man sprechen konnte, wenn es um das Medium Film ging. Denn auch kommunistische Funktionäre waren filmbegeistert, wenn auch ideologisch ausgerichtet. In München hatten wir zum Filmfest viele russische Gäste; diese sprachen damals - vor 20 Jahren - schon von Glasnost und Perestrojika. Wir wussten anfangs garnicht, was sie damit meinten.
Durch den interkulturellen Dialog mit Künstlern, Literaten und Filmschaffenden, erfahre ich oft früher als andere neue Entwicklungen und geistige Strömungen, die ich zuhause gerne weitergebe.
So erlebte ich bereits schon vor 5 Jahren z.B. durch meine Besuche in der Ukraine, dass Veränderungen kommen würden und habe beobachtet, wie Filmleute, Literaten und Wirtschaftsleute aus dem Westen die Menschen dort in ihrem Veränderungswillen unterstützten.

Bildung
Dr. Konietzka Ist der Film ein Teil der Erwachsenenbildung?
 
Pfr. Bruchner Die Filmarbeit ist Teil der Erwachsenbildung wie auch der Jugendarbeit und generell der qualifizierten Kulturarbeit durch alle Generationen der Gesellschaft. Die Interfilm-Akademie will eine offene Arbeit in der Gesellschaft und ist deshalb auch nicht so streng unter dem Dach der Kirche oder von Interfilm. Die Interfilm-Akademie ist ein eigenständiges Unternehmen, das finanziell unabhängig geworden ist.

Ökumenische Filmförderung
Dr. Konietzka Wie kann die Interfilm-Akademie durch ihre Aktivitäten die guten Filme fördern?
 
Pfr. Bruchner Für die Filmschaffenden ist es wichtig, dass ihre Filme gerade auch von ökumenischen Kirchen prämiert werden. Diese meist international preisgekrönten Filme werden dann weltweit in den kirchlichen Institutionen gefördert. Sie kommen in den Verleih. Die Filmrechte werden gekauft. Sie kommen auch in den nicht-kommerziellen Verleih. Somit laufen diese Filme in Schulen, in der Jugendarbeit und in den Kirchen und zwar quer durch Europa.
Diese Kombination von Kino, Kirche und Kultur wird durch die Interfilm-Akademie gefördert.
Im Kino-Treff Rio in München erreichen wir zum Beispiel in Zusammenarbeit mit der Theatergemeinde 100 000 Abonenten. Diese Filme werden in den Programmheften angekündigt. Viele Menschen kommen über Jahre und Jahrzehnte somit auch zu den Veranstaltungen der Interfilm-Akademie.
Zur Verbreitung trägt die Arbeit in den Stiftungen und auf Kirchentagen bei. Seit bald 30 Jahren veranstaltet die Interfilm-Akademie Kino-Kirche. Dadurch erreichen wir pro Event bis zu 2000 Besucher. Die preisgekrönten Filme haben Breiten- und Tiefenwirkung.

Filmgespräche
Dr. Konietzka Gibt es Filmgespräche nur in München oder auch in anderen Städten?
 
Pfr. Bruchner Vor 30 Jahren waren wir eine Gruppe von Publizisten, Pfarrern, Autoren aus dem Redaktionskreis des Evangelischen Filmbeobachters. Wir waren die Ersten, die diese Filmgespräche in Deutschland, vor allem im Großraum München, eingerichtet haben. Später, auf Kirchentagen, haben Tausende von Menschen an den Filmgesprächen dieser Art teilgenommen. Das waren hervorragende Impulse.
Es gibt einige Städte in Deutschland, die das inzwischen in ähnlicher Weise weiterführen. Mit diesen sind wir locker in Verbindung. Zum Teil werden wir auch als Referenten eingeladen. Wir geben Impulse und sind manchmal auch in anderen Städten Europas zu Gast.
Wir vertrauen darauf, dass Menschen diese Arbeit in ähnlicher Weise weiterführen. Es gibt inzwischen Institutionen, wie das Gemeinschaftswerk Evangelischen Publizistik, die Ähnliches in Frankfurt, Berlin oder Hannover durchführen.
Auch in Antwerpen, Brüssel, St. Petersburg, Odessa und Zagreb hat die Interfilm-Akademie seit einigen Jahren mit Filmgesprächen und Workshops gute Erfahrungen gemacht.

Dr. Konietzka Ist das Filmgespräch zu einer neuen Institution geworden?
 
Pfr. Bruchner Das ist besonders in Süddeutschland der Fall. Aber auch in Westdeutschland und in Mitteldeutschland. In Weimar, in Erfurt. Gleich nach der deutschen Einigung haben wir das persönlich in Gang gesetzt. Jede Region macht das eigenständig und wandelt das um.

One Future Preis
Dr. Konietzka Was war der Anlass für die Stiftung des One Future Preises?
 
Pfr. Bruchner Seit 1986 ist die Interfilm-Akademie auf dem Filmfest München mit der Verleihung des One Future Preises vertreten.
Anlass war die Katastrophe von Tschernobyl. Da reifte in mir der Entschluss, darauf mit einem Filmpreis zu reagieren. Kurz nach Tschernobyl haben wir auf dem Filmfest München 1986 den Film "Half Life" von Denis O´Rouke (Australien) erstmals mit dem One Future Preis ausgezeichnet. "Half Life" zeigt die amerikanischen Atomversuche mit den Fischern in der Südseeinseln. Dieser Filmpreis hat bis heute eine große Resonanz.

Dr. Konietzka Wie groß war die Dringlichkeit der Ausgangssituation für den One Future Preis?
 
Pfr. Bruchner Die Katastrophe von Tschernobyl war auch in München zu spüren. Die bayerische Bevölkerung wurde über dieses Ereignis und seine Folgen nicht rechtzeitig informiert. Nur ausländische Sender haben sehr bald berichtet, was in der Ukraine passiert ist und welche Schadstoffe durch den Wind bis nach Bayern getragen wurden.
Es war dramatisch zu sehen, welche Angst schwangere Frauen zu dieser Zeit hatten.
Die Informationspolitik der Regierung war beschämend.
Deswegen haben auch die Bauern vor dem Bayerischen Innenministerium Mist abgeladen. Auch die Bauern waren empört darüber, dass man ihnen lebenswichtige Informationen vorenthalten hat.
Das war der Ausgangspunkt für die Einrichtung des One Future Preises.
Für mich als Filmpfarrer heißt das: Kino ist keine heile Welt. Im Kino spiegelt sich die Weltlage politisch und menschlich wider. Bei der Vergabe der weiteren Preise haben wir uns in den folgenden Jahren nicht auf Atomkraft konzentriert, sondern Filme prämiert, die die gemeinsame Zukunft ästhetisch und ethisch in hervorragender Weise thematisieren.

Dr. Konietzka Was sind das für Themen?
  
Pfr. Bruchner Der Film muss ein Thema, ein Problem, eine Fragestellung haben, die nicht nur ein einzelnes Land, sondern exemplarisch jede Klasse, jede Kultur und jede Gesellschaft betrifft.
Wir haben natürlich Auswahlkriterien:

1. Wir wählen grundsätzlich nur einen Film aus dem großen Wettbewerbsprogramm des Münchner Filmfestes aus.
2. Es muss ein Film sein, der ästhetisch und ethisch hochkarätig ist. Er muss nicht unbedingt religiös sein.
3. Der Film muss direkt oder indirekt Zukunft thematisieren. Er muss einen Weg in die Zukunft weisen, sei es durch Analyse, sei es durch Lösungsmöglichkeiten.

Oft gibt es lange Diskussionen in der Jury. In der Jury haben wir z.B. Fachleute aus Russland, Polen, den Baltischen Ländern, Ägypten, Palästina, Israel, Syrien, Indien, Sri Lanka, Skandinavien, Italien, Südosteuropa, Kroatien, Amerika, Frankreich, Belgien, Niederlande, England.

Dr. Konietzka Welche Bedeutung hat der Name "One Future Preis"?
 
Pfr. Bruchner Wir haben uns überlegt, ob wir den Preis nicht "One-World-Preis" nennen. Das ist uns damals viel zu statisch gewesen. Denn mit Tschernobyl wurde die Zukunft der Kinder, der Welt, der Menschen gefährdet. Im Begriff "ONE FUTURE" ist ja die EINE WELT mitenthalten.
Die Filme, die wir prämieren, enthalten dieses Weltgefühl, das theologisch und teleologisch auf die Entwicklung der Zukunft ausgerichtet ist. Wir meinen es nicht futuristisch oder als Science Fiktion, sondern als Entwicklung von heute aus in die Zukunft, an der wir alle gemeinsam verantwortungsbewusst mitarbeiten, ob Männer oder Frauen, ob alt oder jung.

Ausgezeichnete Filme
Dr. Konietzka Was ist aus den ausgezeichneten Filmen nach 25 Jahren geworden?
 
Pfr. Bruchner Manche der mit dem One Future Preis ausgezeichneten Filme haben eine hohe Wertbeständigkeit, weil sie immer noch gezeigt und diskutiert.
Einige Filme wurden sehr berühmt. Andere haben keinen großen Verleiher gefunden. Oder sie waren sehr speziell, wie "Look in the heart", Dieser ästhetisch schöne Film eines indianischen Arztes und Medizinmannes fand leider keinen Verleiher.

Dr. Konietzka Was ist aus den Regisseuren geworden?
 
Pfr. Bruchner Manche Regisseure haben ihren Weg gemacht. Anderen fehlte das Geld oder sie lebten in einem politischen System (wie z.B. Argentinien, Chile, Sowjetunion, insbesondere Georgien), in dem sie unterdrückt wurden. Deshalb war es für sie wichtig, im Ausland geehrt zu werden.

Dr. Konietzka In welcher Weise haben sich die Themen der Filme im Laufe der Jahre verändert?
 
Pfr. Bruchner Man kann durchaus interessante Trends beobachten:
  • Die ersten ab 1986 prämierten Filme behandelten politische, gesellschaftliche Themen, die ihre Wurzeln bereits
  • in der Nachfolge der 68er Bewegung in der Theologie der Befreiung, in den Revolutionsentwicklungen, im Kommunismus, und in den Diktaturen Lateinamerikas hatten. Seitdem hat sich in der politischen Reflexion der Filmschaffenden viel verändert.
  • Dann gab es Ende der 90er Jahre psychologische Themen mit Familie und Partnerschaft, Beziehungsproblemen, Sexualität, Politik und Gesellschaft.
  • In den letzten Jahren entdecken wir, dass Fragen gestellt werden nach Sinnsuche, nach Intimität, nach persönlicher Verwirklichung in der Gesellschaft, nach Zukunft, sogar Fragen nach Religion. Dies ist für die Interfilm-Akademie besonders interessant, weil dort viele Theologinnen und Theologen mitarbeiten.

Filmfest München
Dr. Konietzka Wie wichtig ist das Filmfest München für die Interfilm-Akademie?
 
Pfr. Bruchner Wir sind sehr dankbar für die hervorragende Zusammenarbeit mit dem Filmfest München, mit Eberhard Hauff, der das Filmfest 20 Jahre lang leitete, und jetzt mit Andreas Ströhl, der sehr an der Zusammenarbeit mit anderen Kulturen interessiert ist.

Dr. Konietzka Welche Filme sucht das Filmfest München für sein Festival aus?
 
Pfr. Bruchner Unsere Jury schaut sich die Filme des Hauptprogramms, die Independent Filme, die amerikanischen Filme an. Wir haben natürlich ein vorher ausgewähltes Programm. Alle Filme des Festivals könnten wir nicht anschauen.
Wir überlegen uns aber schon seit Jahren, ob wir nicht generell noch einen ganz besonderen Preis ausloben, wo wir einen Regisseur, eine Regisseurin oder einen Film besonders prämieren, der einfach in der Welt entstanden ist, ob der auf Festivals gelaufen ist, ist völlig egal, aber das ist ein völlig anderes Konzept, an dem arbeiten wir noch.

Dr. Konietzka Wie hat sich das Filmfest entwickelt?
 
Pfr. Bruchner Der One-Future-Preis kam erst 1986. Mit den Interrnationalen Filmseminaren war die Interfilm-Akademie schon von Anfang an dabei. Nur beim allerersten Festival, das war sehr klein, da waren wir noch nicht dabei. Aber beim zweiten Festival waren wir bereits mit einen europäischen Seminar dabei. Thema war der europäische Film. Wir waren die ersten, die überhaupt ein Seminar zum Filmfest gemacht haben und die auch einen Preis vergeben haben. Deswegen sind wir schon lange in Freundschaft mit dem Filmfest verbunden.
Anfangs war das Filmest, das große Fest in München. Nach 8/9 Jahren gab es Durchhänger; das lag am Konzept, an der Überladung, an den Geldsorgen. Es gab die Fragen:
  • Machen wir ein großes Spezialisten-Festival?
  • Machen wir ein Festival als Programmmesse, wo Leute ihre Filme kaufen?
  • Oder machen wir ein Publikumsfestival?

Auf dem Filmfest sehen wir nun das breite, deutsche und internationale Publikum. Und es gibt die Spezialisten. Man ist mit verschiedenen Schienen gefahren. Man hat einiges abgespeckt. Es gab zu viele Filme. Es war nicht mehr überschaubar.

Dr. Konietzka Welchen Charakter hat das Filmfest München?
 
Pfr. Bruchner Wir sind kein Wettbewerbs-Festival wie Cannes, Berlin, Lokarno und Venedig. Wir sind ein Publikums-Festival. Das zweitgrößte in Deutschland, Berlin ist das größte. Wir haben sehr viele Preise mit sehr viel Geld. Wir setzen viele Impulse für die Filmwirtschaft und für die Programmmacher; es läuft auch sehr viel mit Riesenempfängen und Zusammentreffen. Das wird an München sehr geschätzt wird. Da passiert auch sehr viel an neuen Ideen, an neuen Impulsen, an neuen Produktionen. München ist ein internationaler Magnet. Selbstverständlich haben wir auch Stars. Es ist aber nicht vergleichbar mit Cannes oder Berlin. Berlin möchte Cannes den Rang ablaufen. Münchens Festival findet im Sommer statt.

Dr. Konietzka Welchen Rang nehmen die europäisschen und deutschen Filme international ein ?
 
Pfr. Bruchner Hollywood war immer schon stark. Sie hatten viel Geld und Kompetenz. In der Weimarer Zeit und im Dritten Reich entstanden durch die Ufa auch viele Filme, über die man heute streiten kann. Die Ufa war keine große Firma. Sie wollte zwar Konkurrenz zu Hollywood machen. Durch die ideologische Verengung durften in Deutschland keine amerikanischen Filme gezeigt werden. Es waren jüdische Autoren, die geflohen waren. Deshalb haben wir nach dem Krieg 30-40 Jahre ein Blackout gehabt.
Jetzt zur neuen Entwicklung. Die Amerikaner haben großartige Filme. Sie sind eine riesige Bewußtseinsindustrie. Aber inzwischen ist da ein Wandel eingetreten. Die Europäer und auch die Deutschen haben eine gewisse Skepsis entwickelt. Europäische und deutsche Filme und Themen sind viel stärker im Rennen und die Amerikaner achten jetzt viel stärker auf europäische Themen in ihren Produktionen. Da ist also ein Wandel passiert. Es gab wunderbare europäische Filme: Fellini aus Italien, Bergmann aus Schweden, British Cinema, Russische Filme und Französische Filme.
Jetzt gibt es eine weitere Entwicklung durch die EU, durch die Filmförderung, durch die europäischen Filmpreise. Ich glaube der europäische Film ist auf dem Vormarsch, der deutsche Film ist auch im Kommen und zwar besonders auch beim Publikum.

Festival der Filmhochschulen
Dr. Konietzka Welche Bedeutung haben die Filmhochschulen für Filmbranche?
 
Pfr. Bruchner Die Interfilm-Akademie fördert seit ihrer Gründung den internationalen Nachwuchs aus den Filmhochschulen. In den letzten Jahren haben wir auch Seminare in mehreren Filmhochschulen im In- und Ausland durchgeführt.
Es gibt aber auch hervorragende Filmregisseure, die nicht auf einer Filmhochschule studiert haben. Ich denke unter anderem an Fassbender und Geissendörfer.
Als Absolvent der Hochschule für Fernsehen und Film München denke ich gerne zurück an die großen Möglichkeiten und Chancen von Filmstudierenden, sich kreativ, geistig und produktionstechnisch zu entwickeln.
Gerade aus der HFF-München sind hervoragende Filmschaffende wie Wim Wenders, Bernd Eichinger, Caroline Link und Florian Gallenberger hervorgegangen.

Dr. Konietzka Erhalten die Filmhochschulen ein eigenes Festival?
 
Pfr. Bruchner Die Interfilm-Akademie München sucht nach Möglichkeiten, einen neuen Preis als Nachwuchsförderung für junge Filmschaffende zu stiften: den Prix Interculturel.

Filmjuries
Dr. Konietzka Wie kann man aus der Vielzahl der heute produzierten Filme die ethisch wertvollen herausfinden?
 
Pfr. Bruchner Wir können natürlich keine totale Erhebung machen. Schon garnicht in den fernen Ländern. Uns helfen die Filmjuries von Interfilm und Signis. Dort sehen wir, welche Filme von den Kollegen international prämiert und empfohlen worden sind. In Deutschland gibt es z.B. vom Gemeinschaftswerk Evangelischer Publizistik, GEP, einen Film des Monats. Es werden häufig hervorrangende Filme empfohlen, die wir dann in den Kinos in München und Umgebung in sogenannten "Filmgesprächen" präsentieren und diskutieren. Diese Filme werden auch im Rahmen meiner Professur in Antwerpen oder in Zagreb gezeigt.
Uns ist wichtig, dass diese Filme nicht nur einmal auf Festivals gezeigt werden und dann in Vergessenheit geraten, sondern auch unters Kinovolk kommen.

Dr. Konietzka Haben sich die Filme in den 25 Jahren in ihrem Gehalt geändert?
 
Pfr. Bruchner Wollte man das Kino mit einem bildungsbürgerlichen Anspruch betrachten, würde man ihm nur zum Teil gerecht.
Selbstverständlich ist es die Aufgabe des Films, zu unterhalten. Vielleicht ca. 80 % von Kino und Film ist wirklich nur Unterhaltung. Kino kommt nicht von der Kirche, nicht vom Theater, sondern vom Jahrmarkt. Es ist immer noch lustvoll. Und ich bin froh, wenn die Leute immer noch lachen können und unterhalten werden. Auch wenn die Unterhaltung vielleicht leicht und seicht ist. Das ist ja keine Sünde. Humor und Charm muß ja nicht schlecht sein. Das ist ein Puritanismus, den ich ablehne.
Aber wichtig ist, das Ästhetik und Ethik und Lust und Unterhaltung zusammengehören. Die Frage ist, wie man unterhält. Wenn man z.B. antisemitisch über das jüdische Ghetto sich auf Kosten der Opfer delektiert: dann ist das abzulehnen; dann kommt die ethische und politische Bewertung herein. Und deshalb gehört alles mit einer gewissenhaften Verantwortung zusammen. Die Interfilm-Akademie ist bestrebt, den Mißbrauch publizistisch, medienrechtlich und juristisch zu ahnden.

Autorenfilm
Dr. Konietzka Liegt das Interesse der Interfilm-Akademie beim kommerziellen oder beim Autorenfilm?
 
Pfr. Bruchner Die Interfilm-Akademie hat alle Filme im Blick. Allerdings: sie konzentriert sich auf die Qualität. Auch die Mainstream-Filme können einen hohen ethischen, politischen, philosophischen, auch religiösen und theologischen Wert. Und deswegen schauen wir uns alle wichtigen Filme auf den großen Festivals an.
Allerdings gilt das Interesse der Interfilm-Akademie den ethisch-religiösen Werten, wie auch den Menschenrechten.
Auch die Autorenfilme, besonders auch der deutsche, haben während der letzten 30 bist 40 Jahren wichtige Impulse in der Kinolandschaft gesetzt, spätestens seit dem Oberhausener Manifest und auch im Fernsehen.

Dr. Konietzka Wie bewerten Sie den Autorenfilm?
 
Pfr. Bruchner Auch ein Autorenfilm ist eine kommerzielle Ware. Ihre Produzenten wollen ihre Filme verkaufen und Geld verdienen. Wenn diese Filme sehr gut sind, auf Festivals eingesetzt und in Kinos vorgeführt werden, haben sie auch Erfolg.
Die Interfilm-Akademie beschäftigt sich nicht mit diesen Filmen, damit sie mehr kommerziellen Erfolg haben, sondern in erster Linie aus sachlichen, aus religiösen, theologischen-politischen Gründen.
Diese Autorenfilme wichtig, - nur der reine Autorenfilm ist auch schon Geschichte. Es war meiner Ansicht nach ein Irrtum, wenn man meint, dass ein Autor auch Produzent, Regisseur und Cutter sein muss.Die wenigsten Menschen können das. Sie sind überfordert. Inzwischen ist auch den modernen Autoren längst klar, dass man im Team gemeinsam arbeiten muß. Das war auch so eine Utopie und Illusion. Viele sind daran auch zerbrochen.
Der damals junge Autor Wim Wenders hatte Erfolg, damals und heute wieder als großer Opernregisseur.
Oder Bernd Eichinger. Er ist ein großer, hervorragender Produzent, der beim "Untergang" Drehbuch und Film gemacht hat.

Dr. Konietzka Wie können die Autorenfilme gefördert werden?
 
Man darf die kreativen einzelnen Männer oder Frauen nicht unterschätzen, sondern ihnen Mut machen, sie stärken und vor allem auch Kontakte herstellen mit der internationalen Filmarbeit, der internationalen Produktionsszene. Das kann ja bei jungen Menschen sehr helfen. Und deswegen unterstützt seit etwa 10 Jahren die Interfilm-Akademie die junge, nachrückende Generation.
Denn die damals wilden 68er und O-Manifest sind ja auch schon Pappis und Opas. Deswegen darf man nicht die junge Generation vergessen, sondern die brauchen Unterstützung, die damals meine Generation eben nicht hatte. Die mußte sich wild gegen Opas Kino durchsetzen. Darum gab es dann später die Filmförderung. Deswegen haben es die jungen heute leichter, haben mehr Fördergelder, mehr Kanäle, zum Teil aber schwerer, weil die Konkurrenz noch stärker geworden ist. Es sind in Europa und gerade in Deutschland viele Filmhochschulen aus dem Boden geschossen.

Religiöser Film
Dr. Konietzka Wie steht es um den religiösen Film?
 
Pfr. Bruchner Filmgeschichtlich kommt der sogenannte "religiöse" Film aus USA. Im Bible Belt, in den Südstaaten der USA gibt es viele fromme Menschen, für die Hollywood immer wieder religiöse Filme entwickelt hat, wie z.B.: Ben Hur, Quo Vadis, Die Zehn Gebote, Das Gewand, Luther, Die Letzte Versuchung Christi bis hin zur Passion Christi. Diese religiösen Filme werden bis heute noch erfolgreich im Kino und vor allem im Fernsehen weltweit gezeigt.
Aber es gibt auch viele Filme mit einer religiösen Thematik; die theologisch, philosophisch und ethisch interessant und wichig sind. Dazu zähle ich Regisseure wie Ingmar Bergman, Luis Bunuel, Pier Paolo Pasolini, Lars von Trier etc. Wir beobachten eine Zunahme von Spielfilmen und Dokumentarfilme, die direkt und indirekt religiöse Themen zum Inhalt haben.

Dr. Konietzka Welche Rolle spielt die Religion in der heutigen Welt?
 
Pfr. Bruchner Der Islam fordert in diesem Jahrhundert unsere westliche Kultur und Religion heraus, nachzudenken: Wer sind wir? Was sind unsere Wurzeln?
Man denke nur an die Debatte über die europäische Verfassung: Soll "Gott" im Verfassungstext stehen oder nicht?
Aber man muss unterscheiden: In Europa gibt es eine andere religiöse Kultur, die insbesondere durch die Epoche der Aufklärung geprägt worden ist.
Anders die Amerikaner: sie brauchen und missbrauchen die Religion, auch politisch.
Der Kommunismus - für viele war er eine Art moderner Religion - ist zusammengebrochen.
In Osteuropa sind jetzt neue Kräfte freigeworden für eine neue Sinnsuche, neue Orientierung und für einen neuen religiösen Aufbruch.
Religion ist auch in Westeuropa wieder ein Thema, das in vielen Filmen seinen Niederschlag findet, wie z.B. in den Dogma-Filmen eines Lars von Trier oder in Nachtgestalten eines Andreas Dresen, der Sinnfragen neu thematisiert.

Dr. Konietzka Sollen religiösen Filme missionarisch sein?
 
Pfr. Bruchner Amerikanische Filme gehen sehr stark missionarisch vor: z.B. Mel Gilson mit "Passion Christi", für mich ein christlich-fundamentalistischer, missionarischer Film, eine Folter-Orgie mit einer langen Blutspur. Das Publikum wie auch die Filmkritiker waren geteilter Meinung, Auch viele fromme Menschen, wie Schwestern oder Nonnen, die sonst nie ins Kino gehen und auch Grausamkeiten nicht mögen, waren der Meinung, dass das Leiden Christi genau so gewesen sei, wie im Film dargestellt. Für die frommen Menschen war der Film Passion Christi eine "Christus-Mystik pur".
Aber rein missionarische Filme sind in Europa selten. Die Europäer haben ein anderes, etwas distanzierteres Verhältnis zur Religion; denn sie sehen Religion mehr von der philosophischen und psychologischen Seite.

Dr. Konietzka Dennoch, religiöse Filme sollen ja eine theologische, ethische Botschaft haben?
 
Pfr. Bruchner

Das ist in der Tat problematisch. Kino ist Unterhaltung. Kino ist weder direkte Verkündigung (Predigt) noch Schule oder gar Missionsveranstaltung. Das Publikum merkt das sehr schnell.
Ein Beispiel für die geschickte Verbindung aller Aspekte ist der neue Luther-Film von Eric Till. Sicher könnte man den Luther nach europäischem, nach deutschem und vor allem auch nach "evangelischem" Geschmack gestalten.
Den Luther-Film haben wir häufig bei jungen Menschen, auch bei Katholiken und bei Nichtgetauften eingesetzt und dabei folgende Erfahrung gesammelt:

  • Erstens hat der Luther-Film viele historische Inhalte vermittelt, was die Menschen nicht wußten oder vergessen hatten.
  • Zweitens hat der Film durch die Luthergestalt, dargestellt durch den Schauspieler Joseph Fines, eine Identität mit dem historischen Luther hergestellt. Das war auch für junge Menschen interessant. Dadurch hat der Film diese für die Person Luther begeistern können und sie auch für schwierige theologische Inhalte im Kino gewinnen können.
  • Drittens: Dieser Film-Luther hat auch für Nicht-Gläubige klar gemacht, dass Luther einer der ersten war, der sich wirklich auf seine Person, auf seinen Verstand und auf sein Gewissen, heute sagen wir auf die Menschenrechte, berufen hat. Viele junge Menschen haben nach der Kinovorführung gesagt: Luther ist wirklich interessant, so einen Mann bräuchten wir wieder, der sich auf sein Gewissen beruft und sich sich gegen die Mächtigen durchsetzt.

So zeigen Spielfilme über Luther, Sophie Scholl, Dietrich Bonhoeffer, Mahatma Gandhi etc. großartige Gestalten, die im Kino Menschen beeindrucken können. Sie alle haben Vorbildcharakter, ohne dass man missioniert wird.
Solche Figuren wie Luther sind Projektionsflächen, auf die die Menschen alle ihre eigenen Träume, Sehnsüchte, Wünsche, auch Ängste projizieren, sich befreien können, aber auch dadurch auch zur eigenen Zivilcourage ermutigt werden.

Das ist in der Tat problematisch. Kino ist Unterhaltung. Kino ist weder direkte Verkündigung (Predigt) noch Schule oder gar Missionsveranstaltung. Das Publikum merkt das sehr schnell.
Ein Beispiel für die geschickte Verbindung aller Aspekte ist der neue Luther-Film von Eric Till. Sicher könnte man den Luther nach europäischem, nach deutschem und vor allem auch nach "evangelischem" Geschmack gestalten.
Den Luther-Film haben wir häufig bei jungen Menschen, auch bei Katholiken und bei Nichtgetauften eingesetzt und dabei folgende Erfahrung gesammelt:

Dr. Konietzka Propagieren religiöse Filme eine Ethik des Widerstandes?
 
Pfr. Bruchner Religion kann Geborgenheit vermitteln, auch in der Not. Religion soll aber die Menschen nicht blind machen und sie auf den "Sankt-Nimmerleins-Tag" vertrösten, wie Karl Marx sinngemäß kritisiert hat. Aber derselbe Karl Marx hat auch gesagt: "Religion ist der Aufschrei der gequälten Kreatur".
In der Religion liegt etwas zutiefst Menschliches, das aber nicht in der Endlichkeit aufgeht, sondern durch den Glauben von "Woandersher" gespeist wird. Somit geht christliche Existenz weder in einer Diktatur noch in einem modernen z.B. kapitalistischem Gesellschaftssystem auf, sondern geht über unser enges Leben hinaus in die Zukunft dieser Welt bis ins Jenseits.
Religion hat für mich nicht nur einen stabilisierenden Charakter, sondern auch einen emanzipatorischen Charakter. Religion pendelt zwischen Stabilisierung und Emanzipation. Und so hat das Christentum den Kommunismus überlebt.

Kulturvielfalt und Globalisierung
Dr. Konietzka Wie verträgt sich das: viele Kulturen und die englischsprachige Einheitskultur?
 
Pfr. Bruchner In den letzten Jahren merke ich auch, wie stark sich die Bildsprache, Bildgrammatik des Films verändert und vereinheitlicht hat: durch den Computer, durch die globale Situation, wie auch durch die moderne elektronische Technik. Maßgeblich für diese Veränderungen ist auch die Dominanz der englische Sprache.
Deswegen will die Interfilm-Akademie Filmschaffende vieler Länder ermutigen, sich ihrer eigenen Wurzeln, ihrer eigenen Bilder zu erinnern und Filme in ihrer eigenen Sprache zu machen.
Sonst haben wir demnächst eine Einheitskultur.

Dr. Konietzka One World und One Future das ist: Globalisierung und Egalisierung?
 
Pfr. Bruchner Wir leben in einer Welt mit der Tendenz zur Normierung, Egalisierung und Globalisierung.
Wir können aber auch Weichen stellen für eine bessere Zukunft in einer versöhnten Verschiedenheit: Menschen mit anderen Kulturen, anderen Sprachen, anderen Ideologien und anderen Bildgrammatiken dürfen diese Verschiedenheiten entwickeln und ausleben und sollten sich dennoch verstehen.
Es gefährdet die Zukunft, wenn alles nur noch eine kommunistische oder heute eine kapitalistische Ideologie haben darf.

Dr. Konietzka Warum sollen die Kulturen und die Filmsprachen verschieden sein?
 
Pfr. Bruchner Es ist schade, wenn alle nur Englisch sprechen. Bei internationalen Kongressen wollen und müssen die Teilnehmer alle nur Englisch sprechen.
Auf Filmfestivals genieße ich die Praxis, wenn Filmschaffende in ihrer Muttersprache ihre jeweiligen Konzepte darlegen und wir Zuhörer diese dann ohne Substanzverlust in unsere Sprache übersetzt bekommen.
Eine Einheitssprache hat auch hermeneutische Folgen: die Bedeutungsvielfalt des Weltverständnisses, das in den Sprachen verankert ist, geht verloren.
Auch an den Filmen lassen sich innere Werte einer Gesellschaft und Kultur erkennen: u.a. den Ausdruck von Hoffnung oder von Träumen. Und das ist auch der Reiz der Filme aus anderen Kulturen.
So wie man ein fremdes Land entdeckt und nicht kaputt macht.



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