Interfilm-Akademie bietet Filmnachgespräche zu »Der Untergang« an
Dieser Artikel: Ausgabe 38/2004 vom 19.09.2004
Der Beifall könnte von der falschen Seite kommen
Warum die christliche Interfilm-Akademie Filmnachgespräche zu »Der Untergang« anbietet.
Das Böse wird Fleisch«, meint der Theologe und Filmexperte Eckart Bruchner zum Hitler-Film »Der Untergang« und will damit sagen: Dieser Film wird emotionalisieren, denn er macht das Dritte Reich konkret, er gibt Hitler ein menschliches Gesicht, er setzt elementare ethische Fragestellungen nach »richtig« und »falsch«, nach »gut« und »böse« in Szenen um, die buchstäblich unter die Haut des Kinogängers fahren.
Der Kinogänger bekommt eine Ahnung von der charismatischen Wirkung Hitlers und von der quasi-religiösen Führerhörigkeit der Deutschen - wenigstens sehr vieler Deutscher - bis zum Schluss und über den Tod Hitlers hinaus. »Der Untergang« ist mit Moralfragen aufgeladen, ohne sie zu beantworten - die »Zuständigkeit« von Ethik und Theologie drängt sich geradezu auf.
Die in München ansässige christliche InterFilm-Akademie, die auf Kirchengemeindeebene genauso wie auf internationalen Festivals das Gespräch fördert »zwischen Film, Kultur, Kirche und Menschen, die nach Sinn fragen«, will speziell zum Hitler-Film ihre Film-Nachgespräche anbieten. Bruchner, der die Akademie leitet: »Dieser Film ist nicht aus, wenn das Licht nach der Vorstellung angeht.«
Dabei sollte, so hofft Bruchner, das Gespräch zwischen den Generationen stattfinden, wobei er selbst innerhalb der »Nachgeborenen« noch einmal unterscheidet etwa zwischen den 68ern, für die Hitler unvergleichbar ist, und den jüngeren, für die Hitler eine historische Figur ist wie Cäsar.
Das Besondere, die Herausforderung des Films: Hitler, die Inkarnation des Bösen, wird als Mensch dargestellt. Bruchner will sich nicht aufhalten mit der Frage, ob man das Böse überhaupt so menschlich darstellen dürfe? Man muss es, weil so »böse Systeme« wie Christenverfolgung, rücksichtsloses Machtstreben, Rassismus und Menschenverachtung nun mal von konkreten historischen Personen ausgeführt wurden: Nero, Napoleon, Hitler. Und die dramatische »Vermenschlichung« von ansonsten anonymen Vorgängen ist nun mal das Kennzeichen eines Spielfilms, im Unterschied zur Dokumentation.
Freilich müsse man unter der »Vermenschlichung Hitlers« mehr und anderes verstehen, als dass der Führer gezeigt wird, wie er seine Braut küsst oder wie er seinen Hund streichelt. Bruchner findet, dass dieser Film, wie kein anderer derartiger es je tat, die entscheidende Frage provoziert und - nach 60 Jahren - wieder neu aufwirft: Wieso konnte es geschehen, dass die Menschen Hitler bedingungslos und bis zum Schluss folgten? Wieso glaubten und erlagen die Bunkerbewohner Hitlers Suggestion und Charisma, obwohl sie doch wussten, dass nichts mehr zu gewinnen, nur noch alles zu verlieren war?
Im übrigen bekommen im Hitlerfilm nicht nur Hitler ein menschliches Antlitz, sondern auch Handlanger und Mitläufer, Verantwortliche und Untergebene. Bruchner verweist etwa auf den Reichsarzt SS, der noch in der Schlussphase des Systems einen ordentlichen Antrag auf Urlaub stellt und dann seine Familie und sich selbst mit Handgranaten umbringt. Der Bunker wird zur Chiffre für ein geschlossenes System, in dem Ordnung und Unmoral nebeneinander bestehen. Ähnlich die Szene, in der Magda Goebbels ihre Kinder ordentlich kleidet, frisiert, noch ein Lied singen lässt, bevor sie sie tötet. Niemand der im Bunker Verbliebenen hinderte sie daran, obwohl »der Chef« zu diesem Zeitpunkt doch bereits tot war. Die Szene zeigt wohl am nachdrücklichsten, wie abgrundtief die Moral gesunken war.
So tut sich für Film-Nachgespräche ein weites Feld an Schuld- und Entscheidungsfragen auf, das zu beackern ist, und Bruchner ist gespannt, wie »Der Untergang« nicht nur in der Kritik der Feuilletons, sondern in der Kritik der Masse der Kinogänger aufgenommen wird. Der Beifall könnte ja auch von der falschen Seite kommen.
Gemeinden oder Gruppen, die ein »Filmgespräch« zu »Der Untergang« organisieren möchten, wenden sich an die Interfilm-Akademie, E-Mail: info@interfilm-akademie.de
Lutz Taubert
weitere Informationen
22.Filmfest München 2004
26. Juni - 03. Juli 2004
One-Future-Preis 2004
Der One-Future-Preis wird in diesem Jahr von der Interfilm-Akademie München/Antwerpen bereits zum 20. Mal vergeben.
Preisverleihung
Samstag, 3. Juli, 13.00 Uhr
Gasteig: Black Box
Eintritt frei
Interfilm-Seminar 2004 "Blut und Honig"
Dialog und Verständigung durch Film
Um den Dialog mit den Ländern Afghanistan, Irak und Israel/Palästina geht es im diesjährigen Interfilm Seminar mit dem Titel "Blut und Honig 2004".
Filmschaffende dieser Länder stellen sich mit ihren Produktionen der Diskussion. Medienexperten und Filmemacher aus weiteren Ländern werden erwartet.
Die Veranstaltung findet statt :
Samstag und Sonntag, 3-4 Juli, jeweils um 10 Uhr
im Rio Filmpalast
am Rosenheimer Platz
Eröffnet wird das Seminar der Interfilm-Akademie am Samstag mit dem oscarprämiertern Film "Osama" des afghanischen Regisseurs Siddiq Barmak.
Am Sonntag ist zu Beginn der Dokumentarfilm "Promises/Versprechen" von Justine Shapiro und B.Z.Goldberg zu sehen sowie der Spielfilm "Vodka Lemon" von Hiner Saleem (Frankreich/Armenien/Schweiz/Italien 2003).
"Vodka Lemon" erhielt auf dem Filmfest München den One-Future-Preis 2004 der Interfilm-Akademie.
Zivilcourage und Widerstand im klassischen und modernen politischen Spielfilm
Dem Regisseur Michael Verhoeven (Bildmitte) wird in seinen Filmen ein "humanistisch-aufklärerischer Ansatz" zugeschrieben. Die Teilnehmer beim Filmseminar am 13.3.2004 in München sahen gemeinsam die Werke "Panzerkreuzer Potemkin" (Regie: Sergej Eisenstein und "Mutter Courage" und diskutierten anschließend die Inszenierung und Intention mit dem Regisseur und der Filmjournalistin Christine Weissbarth. Rechts: Artur Kolbe, Referatsleiter im Bildungswerk.
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Starnberger Filmgespräch Extra "Luther"
22.Feb 2004, 11.00 Uhr, Breitwand Kino Starnberg
Zum Film "Luther" von Eric Till gibt Filmpfarrrer Eckart Bruchner eine Einleitung. Anschließend findet eine Diskussion statt.
Außerdem hält Pfr. Bruchner auch einen Vortrag zum Thema: "Luther zwischen Starnberg und Wittenberg".
Tutzinger Filmgespräch "Last Samurai"
1.März 2004, 20.00 Uhr, KurTheater Tutzing
Gezeigt wird der Film "Last Samurai" mit Tom Cruise in der Hauptrolle.
Filmpfarrer Eckart Bruchner auch einen Vortrag zum Thema: "Kampf der Kulturen".
Studientag mit Filmgespräch über "Luther"
4.März 2004, 14.00Uhr, Evangelische Akademie Tutzing
Der Film "Luther" wird im Tutzinger Kino vorgeführt. Im Kinosaal findet dann unter Leitung von Pfr. Bruchner die Diskussion mit den Teilnehmern des Studientages statt.
Schwabinger Filmgespräch "L´Innocente - Die Unschuld"
5.März 2004, 14.00 Uhr, Kino Lupe 2, Ungererstr. 19
Einführung und Diskussion über den Film und Vortrag: "Die Filmpoetik Luchino '''Viscontis" von Pfr. Bruchner.
Vorzüglich spielt Giancarlo 'Grannini die Geschichte eines egoistichen römischen Adligen aus der Zeit des 19. Jahrhunderts, der das außereheliche Kind seiner Frau umgebracht hat, Frau und Geliebte verliert und schließlich Selbstmord begeht.
22.Filmfest München
26. Juni - 03. Juli 2004
Vom 26. Juni bis zum 03. Juli 2004 findet in München wieder das zweitgrößte Filmfestival Deutschlands statt. An der Isar werden sich Kinofans, Vertreter der Filmbranche, Journalisten, etablierte Stars und junge Talente treffen, um gemeinsam die neuesten Filme aus aller Welt zu sehen. Wie gewohnt wird viel Aktuelles aus den großen Hollywood-Studios gezeigt, aber auch faszinierende Projekte aus anderen Filmnationen und selbstverständlich Werke des deutschen Film-Nachwuchses.
Das 22. Filmfest München wird sich dabei mit einem neuen Konzept präsentieren, dass es für die Zuschauer noch attraktiver macht und den internationalen Filmemachern noch mehr Anreiz bietet, nach München zu kommen, um ihre Werke persönlich vorzustellen.
Auf dem Filmfest veranstaltet die Interfilm-Akademie
- 3.Juli Verleihung des One-Future-Preises 2004
- 3.-4.Juli Seminar: Blut und Honig ll.
www.filmfest-muenchen.de
19.Dok.Fest München!
7.-15. Mai 2004
Die erste Woche im Mai steht in München wieder ganz im Zeichen des Dokumentarfilms. Rund 100 Filme in sechs Kinos wie immer ein "Best of"-Programm mit den neuesten Dokumentarfilm-Highlights aus aller Welt, vielen Premieren, seltenen Klassikern und spannenden Werkstattgesprächen.
Informationen zu den Filmen beim 19. Internationalen Dokumentarfilmfestival 2004 finden Sie ab Mitte April im Programm.
www.dokfest-muenchen.de
Mittelmeer-Filmtage
Gasteig München: 14-28.Jan 2004
Bereits zum vierten Mal finden die Mittelmeer-Filmtage in München statt. Das Programm bietet ein vielfältiges Panorama rund ums Mittelmeer:
- Liebe und Familie
- Traditionen, unvereinbare Mentalitäten und kulturelle Mißverständnisse
- Hoffnung und Hoffnungslosigkeit in Zeiten der Rezession
- Besatzung und Fundamentalismus
- Identitäten, Heimat, Heimatlosigkeit und Heimweh