Festivalreports
Münchner
Filmgespräche
Weitere
Filmgespräche
Seminare
OneFuturePreis
PrixInterculturel
PrixJeunesse
Afrique

Projekte
Publikationen
Filmproduktion
Interviews
Festivalreports
FilmfestMünchen
Organisation
5-Seen-Filmfestival
FilmhochschulFest
DokuFilmfestival
Interfilm-Akademie
Organisation
50Jahre Interfilm
25JahreAkademie
Kontakt
News
Presse
Links
STARTSEITE


7. Osian's Cinefan Festival des Asiatischen Kinos in Delhi 15.-24. Juli 2005
Ron Holloway

Bescheiden fing das erste Cinefan Filmfestival 1999 in Neu Delhi an. Gegründet von der Publizistin Aruna Vasudev, zusammen mit UNESCO-Freunden und unterstützt von Delhis Chefministerin Sheila Dikshit, liefen damals nur 27 asiatische Filme im Programm. Sieben Jahre später, in Partnerschaft mit Entrepreneur Neville Tuli und seinem indischen Auktionshaus für Populär-Kunst und Bollywood-Hollywood Memorabilia, konnte das umgetaufte 7. Osian's Cinefan Festival des Asiatischen Kinos (15.-24. Juli 2005) ihrem Publikum ein Festmahl von 121 Filmen aus 35 Ländern anbieten. Die Filme liefen auf vier Leinwänden in dem Siri Fort Komplex, dazu kam das Kino in der Alliance Francaise. Die Abendvorstellungen waren ausverkauft.

Wieso konnte Delhi sich zu einem der größten und aufwendigsten Festivals für asiatisches Kino entwickelt? Nur Pusan in Südkorea und Filmex in Tokyo sind vergleichbare Oasen der asiatischen Filmkunst. „Am Anfang wollten wir ein indisches Publikum für anspruchsvolle asiatische Filme finden und entwickeln“, sagt Aruna Vasudev. „Das war 1987, als ich ein Plädoyer für eine neue Sektion beim Internationalen Filmfestival Indiens (IFFI) auf den Tisch legte, nämlich eine neue Reihe von außergewöhnlichen asiatischen Filmen“.

1988 gründete Aruna Vasudev dann „Cinemaya“, ein asiatisches Filmjournal, um asiatische Regisseure besser bekannt zu machen. Cinemaya entwickelte sich schnell zum wichtigsten Filmjournal des asiatisches Kinos, mit Berichten von Korrespondenten über Regisseure, Trends, Festivals, plus regelmäßig ein „National Focus“ auf ein asiatisches Filmland.

1990 gründete das Cinemaya-Team – Aruna Vasudev, Indu Shrikent, Latika Padagaonkar – das „Network for Promotion of Asian Cinema“ (NETPAC), deren Jurys einen Preis an einen asiatischen Beitrag bei verschiedenen internationalen Filmfestivals verleihen. Cinefan ist das einzige Filmfestival auf der Welt, das einen Preis an einen Kritiker gibt. Dieses Jahr war es Donald Ritchie, der in Japan lebende amerikanische Journalist und Autor mehrerer Bücher über das japanische Kino.

Cinefan 2005 präsentierte stolz ein Dutzend Sektionen:

  • Asian Competition (15 Beiträge),
  • Indian Competition (12 Beiträge),
  • Asian Frescoes (24 neue asiatische Filme),
  • Indian Ocean (12 neue indische Filme),
  • Arabesque (10 Filme dem Nahost und Afrika),
  • Cross Cultural Encounters (6 asiatische Koproduktionen mit West-Produzenten),
  • Fortissimo Films Carte Blanche (8 asiatische Filme im niederländischen Verleih),
  • Fonds Sud (8 französisch geförderte asiatische Filme),
  • Hou Hsiao-Hsien Retrospective (5 Filme),
  • Martial Arts Retrospective (11 Filme),
  • Satyajit Ray Tribute (5 Filme) und
  • Special Screenings (5 preisgekrönte Filme).

Cinefan 2005 wurde mit Wang Xiaoshuais „Shanghai Träume“ (China) eröffnet, der erste chinesische Beitrag, der mit voller Unterstützung der Regierung in Cannes gezeigt wurde. In „Shanghai Träume“ (Spezial Jury Preis Cannes) wird das Schicksal einer Familie geschildert, die einen heimlichen Weg zurück nach ihrer Heimatstadt finden muß. In den 60iger Jahren war der Vater gezwungen, in die unterentwickelte Guizhou Provinz umzuziehen, wo er unter dem Spott der Nachbarn zu leiden hatte. Der einzige Weg aus der hässlichen Provinz war ein illegaler Transport, der die Familie in der Nacht zurück nach Shanghai bringt. Gefragt, ob der Film schon eine garantierte Aufführung in China bekommen hat, antwortete Wang mit einem Achzelzucken: „In aller Wahrscheinlichkeit“. Und fügt hinzu: „Nicht aber mein vorheriger Film, „Herumhänger“ (Cannes 2003), ein Film über junge Leute, die herumhängen und ihren Weg in die Zukunft nicht finden können“.

Als Schlußfilm zeigte Cinefan „Erinnerungen im Nebel“ (Indien) von dem anerkannten Bengali Autor, Dichter und Regisseur Buddhadeb Dasgupta. In diesem eigenartigen und poetischen Spielfilm werden wortlose Rückblicke auf die Vergangenheit mit Ereignissen der Gegenwart gemischt. Zwei Männer, Vater und Sohn, die mit ihren Frauen in verschieden Zeiträumen Ähnliches erlebt haben, spüren jetzt die Wunden ihrer Fehltritte. Surrealistische Bilder zeigen auch die Widersprüche zwischen Tradition und Modernität. So ähnlich wurde dieser kulturelle Bruch auch von Satyajit Ray in seinem Klassiker „Pather Panchali“ (1955) dargestellt. Dank der American Academy of Arts and Sciences wurde in Delhi dieser Klassiker der Bengali Filmkunst in einer bezaubernden restaurierten Kopie gezeigt. Cinefan feierte den 50zigten Jahrestag von „Pather Panchali“ mit einer Sondervorstellung in der Mitte des Festivals.

Cinefan schmückt sich mit Beiträgen von Berlin und Cannes. In Berlin konnte man drei Cinefan Beiträge sehen, alle liefen sogar im Wettbewerb der Berlinale. In Tsai Ming-Lians „Die wandernde Wolke“ (Taiwan/Frankreich), einem außergewöhnlichen und umstrittenen Film, geht es um die Einsamkeit der Erotik, besonders die Unfähigkeit, miteinander zu kommunizieren.

In Gu Changweis „Pfau“ (China), Gewinner des Großen Jury Preises auf der Berlinale, wurde der Kameramann Gu Changwei gefeiert als begabtes Regie Talent. Obwohl „Pfau“ sein erster Versuch als Regisseur ist, sieht und genießt man seine Neigung für schöne Bilder. Gu Changwei stand an der Kamera bei Zhang Yimous „Rotes Kornfeld“ (Goldener Bär, Berlinale 1988) und bei Chen Kaiges „Aufwiedersehen, meine Konkubine” (Goldene Palme, Cannes 1993). In „Pfau“ geht es um ein Mädchen, das kurz nach der Kultur Revolution ihren Weg aus der Provinz und den Händen ihrer blödsinnigen Eltern finden möchte – vergeblich. Zhang Jingchu bekam in Delhi den Preis für die Beste Schauspielerin.

Yoji Yamadas „Der versteckte Degen“ (Japan), die Geschichte eines Samurai, der um seine Ehre kämpfte, wurde in Delhi durch eine Spezialvorführung geehrt. Der 78. Film des japanischen Veterans, dessen „Samurai in der Dämmerung“ ein Höhepunkt bei der 2002 Berlinale war, lief in Delhi in Zusammenhang mit elf klassischen Martial-Arts-Filmen – Beiträge aus Hong Kong, Korea, China, Taiwan, Japan, Indonesien, Frankreich und den Vereinigten Staaten. „Diese Reihe ist ein Versuch, die Verbindung zwischen Kunst und Kommerz im asiatischen Kino auszuprobieren“, sagte Aruna Vasudev. „Nach dem internationalen Erfolg von technisch hochentwickelten Martial-Arts-Filmen von Zhang Yimou („Hero“) und Ang Lee („Crouching Tiger, Hidden Dragon“) wird es höchst Zeit, die alten anspruchsvollen Filme von King Hu (Hong Kong) und Kenji Misumi (Japan) wieder zu entdecken“. Sie hat Recht. Als Misumis „Kämpf, Zatoichi, Kämpf!“ (Japan 1964) in dem Siri Fort Komplex lief, – die oft verfilmte Geschichte über einen blinden Samurai, der für Recht und Ordnung kämpft, – war der Große Saal voll bis zum letzten Platz.

Mit Spannung und Neugier warteten die Cinefan Cineasten auf die vier Beiträge, die in Cannes gelaufen waren und von Kritikern an der Riviera bejubelt wurden. In Vimukthi Jayasundaras Erstlingsspielfilm „Das verlorene Land“ (Sri Lanka/Frankreich), prämiert in Cannes mit dem Camera d'Or Preis, spürt man die ängstliche Atmosphäre in Sri Lanka kurz nach dem Bürgerkrieg. Eine idyllische Landschaft, die gleichzeitig leer und zerstört ist, beeindruckt. „Das verlorene Land“, eine Reihe Kurzgeschichten, jede minutiös bis ins Detail erzählt, bekam in Delhi den Spezial Jury Preis der Asiatischen Jury.

Wichtig als Kamera tour-de-force war Kohei Oguris „Der vergrabene Wald“ (Japan), ein bildschöner Film über bizarre Ereignisse in einem Dorf hoch im Gebirgen nach einem Regensturm. Auf einem Krocketspielplatz finden junge Mädchen den Rest eines verborgenen Waldes, vor Jahrhunderten von einem vulkanischen Ausbruch verschüttet. Weil die Mädchen sich gerne phantastische Geschichte erzählen, führt die Entdeckung unter den Dorfbewohnern zu Verwirrung. In einem Interview sagte Kohei Oguri: „Die Bilder, die Leute sehen, und die Bilder, die sie sehen wollen, sind zusammengesetzt, um den Druck der leeren Gedanken darstellen zu können. Jeder sieht dieselben Bilder ganz anders“. So ausgedrückt, ist es für den Zuschauer egal, ob der vergrabene Wald wirklich existiert oder nicht existiert. Kohei Oguris Film, der erste nach einer Pause von neun Jahren, ist eine Meditation über die Schönheit der Natur.

Aus der Cannes Kiste kamen zwei politische Zeitdokumente. In Im Sang-Soos „Der letzte Tag des Präsidenten“ (Südkorea) – auf englisch: „The President's Last Bang“ – werden die letzten 24 Stunden des ermordeten President Park Chung-Hee am 26. Oktober 1979 geschildert. Als spannender Krimi ist „Der letzte Tag des Präsidenten“ zu empfehlen, der Film kann nur mit Schnitten in Korea laufen.

Ebenfalls aus der Cannes Kiste: Rithy Panh's „Das abgebrannte Theater“ (Frankreich), gedreht in Kambodscha mit finanzieller Unterstützung von Fonds Sud, erzählt und illustriert die Bemühungen einer Gruppe vom Artisten, ihr National Theater wieder zum Leben zu bringen. „Kambodscha ist ein Land zerbrochener Träume,“ meinte Rithy Panh, Mitglied der Jury für den Indischen Wettbewerb in Delhi. „Vor zehn Jahre ist das Theater abgebrannt, heute leben die Artisten in Armut, Sänger und Tänzer, ihr Publikum sind meisten Touristen“.

Jahar Kanungos „Stille gewünscht“ – auf englisch: „Reaching Silence“ – gewann den Hauptpreis für den Besten Indischen Film. Ein Mann, ein Neurotiker, um die dreissig, kann den Lärm auf den Strassen von Delhi nicht mehr ertragen. Seine verzweifelte Suche nach einem stilleren Ort führt ihn zu einem abgelegenen Dorf in Bengal. Endlich hat er Ruhe, und gewinnt die Freundchaft zu einer sensiblen Frau – gespielt von Trina Neelina Banerjee, die für ihre großartige Leistung den Preis für die Beste Schauspielerin gewann.

Garin Nugroho's „Von Liebe und Eiern“ (Indonesien) gewann den Hauptpreis der Asiatischen Jury. Auf einem Bazaar in Jakarta arbeitet ein Junge ganz unfreiwillig für einen Verkäufer von Enteneiern, eine Delikatesse in Indonesien. Er zerschmettert die Eier, oft unter komischen Umständen. In der Moschee nebenan werden die Kinder von Tattergreisen in Religion unterwiesen. Ein kleines Mädchen hält hartnäckig auf dem Gebetsteppich den Platz für die Mutter frei. Kleine Geschichten über einfache Menschen. Garin Nugroho hat ein wunderschönes Porträt eines Bazaars geschaffen, – ein Film mit Witz, Humor, Ironie, menschlicher Wärme.

Yangins „Die schwarzweiße Milchkuh“ (China) gewann den NETPAC Preis. In diesem Erstlingsfilm von einem Studenten der Beijing Universität geht es um einen jungen Mann, der sein Studium abbrechen muß, um die Verantwortung für seine Großmutter in einem Dorf zu übernehmen. Auf Empfehlung von seinem Onkel bekommt er Arbeit als Lehrer. Die Region ist arm, die Schule fast eine Ruine, seine Bezahlung ein Milchkuh. Das ist nur die Hälfte der Geschichte. Nebenbei wird das Thema AIDS angesprochen, ein Tabu im chinesischen Kino.

Azizollah Hamidnezhads „Die Träne der Kälte“ (Iran) gewann den FIPRESCI (Internationale Kritiker) Preis. Im Norden Irans, wo Kurden und Iraner bittere Feinde sind, zeigt Hamidnezhad eine wilde, schöne, kalte Landschaft, total vermint. Ein junger sensibler Soldat versucht, die Minen weg zu räumen, und will Freundschaft mit den Bewohnern schaffen. Eine Kurdin, die ihre Schafe in der Nähe grasen läßt, arbeitet auf der Seite der kurdischen Resistance. Eine Geschichte von Liebe und Verrat. Persa Piroozfar als der junge Soldat gewann den Preis für den Besten Schauspieler.

Zum zweiten Mal wurde der „Berlinale Talent Campus“ nach Delhi eingeladen. Zirka 50 Filmstudenten aus Indien, Pakistan und Sri Lanka konnten vier Tage lang Gespräche mit anwesenden Filmprofessionellen führen. Der Inder Neel Chaudhuri, der sechs Monaten in Berlin gelebt und studiert hat, leitete in Delhi den Berlinale Talent Campus. Es war ein voller Erfolg.


zum Seitenanfang