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Mein Interview mit Milos Forman
Ron Holloway 2005

Im April 1968 habe ich mich mit Milos Forman zum ersten Mal getroffen: das war in dem berühmten Hotel Chelsea in der 23rd Street in Downtown Manhattan, wo auch Thomas Wolfe und Tennessee Williams mal gewohnt haben. Der Anlass war die Möglichkeit, einen Job bei der anerkannten Trade-Zeitung Variety zu bekommen, vorausgesetzt, daß ich ein provokantes Interview mit dem tschechischen Regisseur abliefere. Es hieß, Forman wolle nie wieder in die Tschechoslowakei zurückkehren, besonders nach seinem Erfolg beim New York Filmfestival mit Die Liebe einer Blondine. 1967 hatte das Festival sogar mit Formans sozialistischer Komödie eröffnet.

„Finde heraus, was er zunächst plant“ war der Befehl von Bob Landry, Stellvertretender Chefredakteur, Vaterfigur für viele junge Journalisten bei Variety. Ein Paar Stunden später war ich zurück – mit einer „aufregenden“ Geschichte über eine Nagelzange! Die Geschichte wurde nie abgedruckt. „Kein Mensch in diesem Büro hat jemals von einer pince à ongle gehört,“ lachte Landry so laut, dass alle im Büro ihre Arbeit unterbrachen. „Und wenn schon, wen würde so was interessieren!“ Mein Job war hin, dachte ich. Am nächsten Tag aber bekam ich einen Anruf von Landry. „Lassen Sie uns wissen, wenn Sie eine Adresse in Europa haben…“

Wenn ich heute darüber nachdenke, bin ich sicher, daß der Kurzfilm Die Nagelzange mehr als eine Fussnote in der Filmgeschichte verdient. Dieses absurde Filmchen ist gleichzeitig komisch und kafkaesk und gilt als einer der besseren Filme von Milos Forman. Das heißt, wenn er den Film tatsächlich gedreht hätte. In einigen Filmnachschlagwerken wird tatsächlich Milos Forman als Regisseur von Die Nagelzange genannt. Aber in den Cannes Memoires, dem offiziellen Geschichtsbuch des Cannes Festivals, meint ein Historiker nein – Jean-Claude Carrière war nicht nur der Drehbuchautor, sondern er war auch der Regisseur. Viel passiert nicht in Die Nagelzange. Ein Ehepaar ist in einem Luxushotel eingezogen, die Frau packt aus, der Mann beschäftigte sich mit seinen Nägeln. Nach und nach verschwindet alles aus dem Zimmer: Kleidung, Gepäckstücke, Frau und Mann, nur die Nagelzange bleibt zurück – auf einem Louis-Quatorze-Tisch! Der einzige Beweis, daß da einmal ein Ehepaar eingezogen war.

Als ich das Interview mit Milos Forman im Hotel Chelsea machte, hatte ich das Glück, Jean-Claude Carrière auch persönlich kennenzulernen. Carrière hatte gerade das Drehbuch für Luis Buñuels franzözischen Klassiker Belle de Jour (1967) geschrieben. Forman war tief in der Vorbereitung mit Carrière für Taking Off (1971), seine erste amerikanische Produktion. Die Nagelzange war eine Art Etude, Taking Off (Weggelaufen) der „Ritt über den Bodensee“. Inspiriert von einem Zeitungsartikel erzählt Forman die Geschichte eines Mädchens, das von Zuhause weggelaufen ist und von den Eltern aus der Provinz, die es in Greenwich Village suchen. Als ich ihn fragte, ob Taking Off eine amerikanische Fassung von Die Liebe einer Blondine sei, antwortete er:

„In allen meinen Filme wiederhole ich ein und dieselbe Geschichte – meistens sind es Erfahrungen, die ich persönlich machte “.

So antwortete Forman damals.

Mein Interview mit Forman damals im Hotel Chelsea wurde dauernd unterbrochen. Jiri Menzel rief an. Gerade in New York gelandet, fragte Jiri seinen Freund Milos, was er jetzt tun soll. Jean-Claude Carrière kam nochmals vorbei, um zu fragen, ob vielleicht Philippe Noiret den „Nagelzanger“ spielen sollte. Dann verabschiedeten wir uns mit: „Bis bald in Cannes“, sagte Forman, „wo mein Feuerwehrball im Wettbewerb läuft“. Er lief aber nicht. Das 68iger Filmfestival war eine Katastrophe, mittendrin abgebrochen durch die Studenten-Rebellion.

Drei Jahre später lief Formans Taking Off in Cannes und wurde mit dem Spezial Jury Preis ausgezeichnet. Dennoch mußte Milos Forman acht Jahre warten bis er in Hollywood wirklich Fuß fassen konnte. Seine Verfilmung von Hair, dem Broadway Musical über die Flower-Kinder, eröffnete das 1979 Cannes Festival und wurde bejubelt als ein großer internationaler Erfolg. Dann traf Forman den Musik-Guru und Film Produzenten Saul Zaentz. Zusammen schufen sie die multi-Oscar-Gewinner Einer flog über das Cuckucksnest (1976) und Amadeus (1984).

Mein zweites Interview mit Milos Forman fand im vorigen Jahr statt: beim „Film By the Sea“ Festival in Scheveningen in den Niederlanden, wo Forman und Saul Zaentz mit einem gemeinsamen Lifetime Achievement Award der Europäischen Gemeinschaft ausgezeichnet wurden. Ich bekam die ehrenvolle Aufgabe, die Moderation zu übernehmen. Ich fragte Milos Forman u.a.wie die Zusammenarbeit zwischen ihm und dem hervorragenden Kameramann Miroslav Ondricek zustande gekommen war

„Für mein ersten Dokumentarfilm Talent Wettbewerb (1963) brauchte ich einen erfahrenen Dokumentar-Kameramann, der junge Aspiranten bei ihren Auditions unauffällig fotographieren konnte. Seitdem sind wir ein Team, sogar so eingespielt, daß Miloslav manchmal besser weiß als ich, was in meinem Kopf vorgeht“.

Milos Forman ist ein Meister der Anekdote. Die besten Witze in Scheveningen erzählte er über Cannes und seine Mitarbeit – zweimal – in der Internationalen Jury. Gefragt was Cannes für ihn bedeutet, antwortet er mit einem Lächeln:

„Für einen émigré aus der Tschechoslowakei war Cannes wie eine zweite Heimat. Ich war sehr gerne da und das Publikum an der Riviera mag meine Filme!“

1972 war seine erste Jury Arbeit in Cannes, ein Jahr nach Taking Off. In der franzözischen Presse war Maurice Pialats Wir wollten nie zusammen alt werden für die Goldene Palme getippt. Pialat sass auf seiner Jacht in der Bucht vor Cannes und wartete auf den Anruf von Robert Favre Le Bret, seinen Freund und Festival Präsident.

„Die Jury aber war gespalten“ sagte Forman. „Die einen plädierten für Pialat, die anderen für die italienischen Beiträge, Elio Petris Die Arbeiterklasse kommt in’s Paradies und Francesco Rosis Der Fall Mattei. Plötzlich war der sowjetische Regisseur Mark Donskoj die Schlüsselfigur. Die Entscheidung der Jury lag in seiner Hand, nicht zu vergessen, daß Robert Favre Le Bret im Off die Drähte zog“.

„Und wie ist es ausgegangen?“ fragte ich. Forman lachte.

„Natürlich ist die Goldene Palme ex aequo an Petri und Rosi gegangen“.

„Hatten Sie was damit zu tun?“ fragte ich. „Und wenn schon, wie haben Sie das geschafft?“

„Ausser Mark Donskoj war ich das einziger Jury Mitglied, das russisch sprach. Eines Abends, zu Anfang des Festivals, als wir beim Essen zusammensassen, summte ich eine Melodie aus Donskoijs Filmtrilogie Maxim Gorkij, seinem Meisterwerk aus den dreissiger Jahren. Wir haben die ganze Nacht nur über seine Maxim Gorkij Trilogie gesprochen. Von diesem Moment an waren wir befreundet…“

Zwölf Jahre später, im Mai 1985, gleich nach dem Erfolg von Amadeus, war Milos Forman wieder in Cannes und wieder in der Internationalen Jury, diesmal als Jury Präsident. Die Goldene Palme ging an Emir Kurturicas Papa ist auf Dienstreise, den Beitrag aus Jugoslawien. Als ich Forman in Scheveningen gefragt habe, ob er die Jury Entscheidung beeinflußt hätte, da Kusturica in Prag studiert hatte, kam die freundliche Antwort:

„Warten Sie wirklich auf einen Kommentar von mir? Sie wissen so gut wie ich: Jury Entscheidungen sind Geheimsache!“

Gefragt nach seinem nächsten Filmprojekt, gab Milos Forman drei Hinweise: „Es wird eine Geschichte über die Inquisition in Spanien sein, weil das Gleiche von damals erleiden wir heute durch eine katastrophale Weltpolitik. Der Film wird natürlich von meinem Freund Saul Zaentz produziert. Und das Drehbuch wird von Jean-Claude Carrière geschrieben“. Fast wie ein Familie-Unternehmen.


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