Festivalreports
Münchner
Filmgespräche
Weitere
Filmgespräche
Seminare
OneFuturePreis
PrixInterculturel
PrixJeunesse
Afrique

Projekte
Publikationen
Filmproduktion
Interviews
Festivalreports
FilmfestMünchen
Organisation
5-Seen-Filmfestival
FilmhochschulFest
DokuFilmfestival
Interfilm-Akademie
Organisation
50Jahre Interfilm
25JahreAkademie
Kontakt
News
Presse
Links
STARTSEITE


40. Karlsbader Internationales Filmfestival 1.-9. Juli 2005
Ron Holloway

„Das Leben fängt mit vierzig an!“ verkündeten Festivaldirektor Jiri Bartoska und Programmleiterin Eva Zaoralova bei der Eröffnungsgala des 40. Karlsbader Internationalen Filmfestivals (1.-9. Juli). Vorhang auf – und siehe da, auf einer großen Pappmaché Geburtstagstorte tanzten 40 strahlende kleine Mädchen als Kerzen verkleidet. Der diesjährige Festival Trailer zeigt herrliche Motive aus den letzten zehn Jahren, seit 1994, gibt es das Festival in Karlsbad wieder jährlich, das jahrelang im Wechsel mit Moskau stattfand. Das Publikum jubelt, als Robert Redford auf die Bühne kommt, zusammen mit Madeleine Albright, der früheren amerikanischen Außenministerin, die in der Tschechoslowakei geboren wurde. Danach schwärmen Jugendliche ins Theater, in der Hoffnung, wenigsten auf dem Boden des Großen Saales (1200 Plätze) sitzen zu dürfen, um Redfords „Butch Cassidy und der Sundance Kid“, den Eröffnungsfilm, zu sehen. Es heißt, Redford wolle in der Tschechischen Republik drehen. Er begrüßt warmherzig Vaclav Havel, der zur Gala gekommen war und preist dessen Engagement und kämpferischen Geist in der Zeit des Neo-Stalinismus.

Unter Kennern gilt Karlsbad als ein an Traditionen reiches Festival. Die Hotels und Restaurants sind restauriert, ebenso „Divaldo“, das prachtvolle Stadttheater des weltberühmten Heilbades, erbaut 1886 und seiner Zeit mit Mozarts „Figaros Hochzeit“ eröffnet.

Zu den Filmvorführungen strömen die Zuschauer in hellen Scharen, vor allem Studenten und junge Leute aus allen Teilen der Tschechischen Republik und der Slowakei. Sie kommen mit ihren Rucksäcken, dürfen sogar in den Parks schlafen und sind dankbar, daß sie in diesem Jahr als „Teilnehmer“ und nicht nur als „Zuschauer“ akzeptiert werden. Ab 8 Uhr morgens stehen die jungen Cineasten Schlange, um Karten zu ergattern, später stehen sie nochmals in einer Schlange, diesmal um einen Platz an einem Computer Stand zu bekommen. In 22 Sektionen und auf 14 Leinwänden wurden 278 Filme gezeigt. Auch spät abends war der Maly Sal (Kleiner Saal) im Hotel Thermal überfüllt, als Stuart Samuels Dokumentarfilm „Midnight Movies: From the Margin to the Mainstream“ (USA) lief.

Für das Jubiläumsfestival wurde eine dritte Jury berufen. Neben der Jury für den Internationalen Wettbewerb und der Jury für die Dokumentarfilme wurde eine „East of the West“ Jury gebeten, einen von Philip Morris gestifteten Preis an einen Spielfilm aus den ehemaligen sozialistischen Ländern zu vergeben.

In allen drei Kategorien wurden Preise an Filme aus dem Osten verliehen.

  • Krzysztof Krauzes „Moj Nikifor“ (Mein Nikifor) (Polen) gewann nicht nur den Kristall Globus als Bester Film, die Internationale Jury ehrte den Veteranen Krauze auch als Besten Regisseur und gab den Preis für die Beste Schauspielerin an die 80-jährige Krystyna Feldman in der Hauptrolle. Die fabelhafte Schauspielerin verkörpert die Männerrolle des Nikifor. „Mein Nikifor“ schildert das Schicksal des berühmten naiven Malers Epifan Drowniak, genannt Nikifor Krynicki, der 1960 von einem anderen Maler, Marian Wlosinski, entdeckt und gefördert wurde. Vielleicht weil er gehandikapt und geistig gehemmt war, hatte Nikifor die Gabe, primitive Malerei von Schönheit und Reinheit zu schaffen, meint Krauze. Ohne überflüssigen Kommentar oder dramatischer Unterstreichung ist „Mein Nikifor“ ein Werk mit Herz und Seele.

  • Ebenso schlicht und eindrucksvoll erzählt Galina Adamovich die Geschichte von Julite Karmaza in ihrem preisgekrönt 20-Minuten-langen Dokumentarfilm „Boza moj“ (Mein Gott) (Weißrußland). Die alte Julite, die in einem Dorf an der Grenze zwischen Weißrußland und Litauen lebt, schafft wunderbare religiöse Skulpturen – Jesus – die Heilige Maria – den Leidensweg – aus hausgemachtem Ziment. Ihre Werke schmücken Friedhöfe, stehen an Kreuzwegen und künden vom Glauben an einen barmherzigen Gott.

  • Kirill Serebrennikows „Ragin“ (Rußland) bekam den „East of the West“ Preis. Dieser erste Spielfilm eines anerkannten Theater Regisseurs und Dokumentarfilmemachers basiert auf einer bekannten Kurzgeschichte von Tschechow, der oft verfilmten „Station 6“, die in einem Krankenhaus für Psychiatrie spielt. Mit Finesse und Scharfblick für den Charakter des Ragin gestaltet der Bühnenschauspieler Alexej Guskow den Chefarzt in einem Krankenhaus tief in der Provinz. Ein Besessener, der neue Experimente erproben will, um angeblich den Patienten durch fragwürdige Therapien helfen zu können, scheitert er schließlich – und wird selbst verrückt. „Wie so viele Pseudo-Intellektuelle in der ehemaligen Sowjetunion, bis zum heutigen Tag“, meint Regisseur Kirill Serebrennikow..

Unter den meist diskutierten Filmen im Wettbewerb waren zwei aufwendige Produktionen von renomierten Regisseuren aus ehemaligen Ostblock Ländern, die mit der sozialistischer Vergangenheit abrechnen.

  • In „A temetetlen halott“ (Der Mann, der nie beerdigt wurde) (Ungarn) von Marta Meszaros werden die letzten Tage von Imre Nagy (1896-1958), des ermordeten ungarischen Ministerpräsidenten und ehemaligen Premier (1953-55), geschildert. Nagy, der 1956 den Volksaufstand unterstützt hat, wurde mit seiner Familie von sowjetischen Truppen nach Rumänien verschleppt und nach einem Geheimverfahren hingerichtet. Meszaros bezieht sich ausschließlich auf die Memoiren von Erzebet Nagy, Imres Tochter, ohne politischen Kommentar oder kritischen Meinung.

  • In „Voditel dlva Very“ (Weras Chauffeur) (Rußland) von Pawel Tschuchrai wird das Schicksal eines sowjetischen Generals und die Stimmung zu Ende des „Tauwetters“ dargestellt. Die Zeit ist 1962, zwei Jahre vor Chruschtschows Ablösung. Der fiktive General Serow, einst der wichtigste Admiral der Sevastopol Marine am Schwarzen Meer, weiß, daß er Feinde in der Regierung hat, die mit KGB-Methoden ihn umbringen wollen. Um seine gehbehinderte, schwangere Tochter zu retten, sucht er die Hilfe seines Chauffeurs, eines jungen, unerfahrenen aber tapferen Wachsoldaten. Vergeblich, alle sind verloren, ein neugeborenes Kind wird gerettet. Zusammen mit dem hervorragenden Kameramann Igor Klebanow drehte Pawel Tschuchrai im Stil der sowjetischen Filme der 60iger Jahre. Die Szenen auf der Krim sind atemberaubend. „Weras Chauffeur“ ist eine Huldigung auf das Kino von Pawels Vater, dem berühmten, verehrungswürdigen Grigorij Tschuchrai (1922-2001). In der „Tauwetter“-Zeit schuf Gregorij Tschuchrai seine Meisterwerke: „Ballade vom Soldaten“ (1959) und „Klare Himmel“ (1961) – dieselbe Zeit in der „Weras Chauffeur“ spielt.

Insgesamt liefen 27 deutsche Filme, zum größten Teil Koproduktionen, auf den Karlsbader Leinwänden.

  • Im Internationalen Wettbewerb wurde Angelina Maccarones „Fremde Haut“ (auf englisch: „Unveiled“) gezeigt, eine Koproduktion mit Österreich. Es geht um das Schicksal einer junger Iranerin (Jasmin Tabatabai), die in einer Fabrik ihre sexuelle Identität verbergen muß, um illegal mit verfälschten Dokumenten in Deutschland bleiben zu können. Ein lesbisches Verhältnis zu einer jungen Frau führt zu Komplikationen. Ein Sozialdrama mit politischen Untertönen? Oder einfach eine Liebesgeschichte? Leider beides.

  • Fred Kelemens „Fallen“, eine Koproduktion mit Lettland in Riga gedreht, lief im neu gegründeten „East of the West“ Wettbewerb. In schwarz/weiß Bildern wird die düstere Geschichte eines Selbstmordes geschildert. Beobachtet von einem Mann während seines nächtlichen Spazierganges, springt eine junge Frau von einer Brücke. Der Mann versucht zu helfen, vergeblich. Als die Polizei ihre Leiche nicht finden kann, fängt der Mann an zu denken: Wer war diese verheiratete Frau, die an ihren Liebhaber alles hinterlassen hat? Je mehr der Mann nach Aufklärung forscht, desto mehr wird seine Untersuchung eine Spiegelung mit sich selbst. Dunkel, surreal, widersprüchlich. Dieser stilistisch geprägte Psychothriller eines anerkannten Kultregisseurs war ein Fressen für die Cineasten in Karlsbad.


zum Seitenanfang