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Solidarnosc beim 30. Gdynia Festival des polnischen Spielfilms
Ron Holloway, Interfilm Akademie, den 18. Oktober 2005

Im großen Stil feierte das Gdynia Festival des polnischen Spielfilms seinen
30ten Geburtstag (12. bis 17. September 2005) und jeder under den Gästen wußte
warum. Vor 25 Jahren, im September 1980, wurde in der Hafenstadt Danzig
(Gdansk auf polnisch) Solidarnosc, die legendäre polnische "Solidaritäts"-Bewegung,
ins Leben gerufen. Ich kann mich noch daran erinnern, daß kurz nach der
Gründung von Solidarnosc im August 1980 Lech Walesa von der Danziger Werft zum 5.
Danziger Filmfestival (so wie es früher hieß) kam, um mit Regisseuren und
Journalisten diskutieren zu können. Er saß in der ersten Reihe neben Andrzej Wajda,
der ein Jahr später für seinen Czlowiek z zelaza (Mann aus Eisen) (1981) auf
dem Festival in Cannes die Goldene Palme erhielt. Lech Walesa spielte übrigens
eine kleine Rolle in Mann aus Eisen: in der Hochzeitsszene steht er neben Jerzy
Radziwilowicz (der "Mann aus Eisen") und Krystyna Janda. Beide waren auch
die Protagonisten in Czlowiek z marmuru (Mann aus Marmor) (1978), Wajdas
Meisterwerk.

Auf Anregen von Andrzej Wajda wurde das 30ste Gdynia Filmfestival mit 13
Solidarnosc-Kurzfilmen eröffnet, gedreht meistens von Altmeistern (wie Wajda,
Krzysztof Zanussi, Feliks Falk, Robert Glinski) und u.a. von polnischen
Regisseuren, die zum Festival aus dem Ausland gekommen waren (der Kanadier Ryszard
Bugajski, der Australier Jerzy Domaradzki). In Andrzej Wajdas Kurzfilm Czlowiek
z nadziei (Mann aus Hoffnung), eine sehr persönlich Huldigung an Solidarnosc,
erinnern Wajda, Jerzy Radziwilowicz, Krystyna Janda und Lech Walesa an eine
Filmproduktion, die nicht realisiert werden konnte. Damals sollte Mann aus
Hoffnung das Ende der Solidarnosc-Trilogie sein: ein Film über die Zukunft der
polnischen Solidaritätsbewegung. Im September 1981 aber wurde das Kriegsrecht
verhängt. Andrzej Wajda ging nach Frankreich ins Exil. Das Projekt blieb auf dem
Papier.

In Piotr Trzaskalskis Solidarnosc-Kurzfilm, Dlugopis (Kugelschreiber),
stellt sich Trzaskalski ein Fernseh-Ereignis von damals vor: Wie ist dieser
komisch aussehende Kugelschreiber in die Hand von Lech Walesa gekommen? Der
Kugelschreiber, mit dem er das historische Abkommen mit der Regierung unterschrieben
hat und danach triumphierend mit seiner Hand hoch hielt? In Jerzy Domaradzkis
Tablice (Tafel) sieht man, wie ein einfacher Werftarbeiter, der ein Händchen
für Graphik hat, die Solidarnosc-Plakate gestaltet.

Später, während der Zeit des Kriegrechts, wollte die polnische Geheimpolizei diese Tafeln aus dem
Danziger Maritime Museum entfernen. Sie hatten aber kein Glück. Was sie damals
gefunden hatten, waren nicht die Originale, sondern schlecht nachgemachte Kopien.
Der traurigste unter den Solidarnosc-Kurzfilmen war Robert Glinskis
Krajobraz (Landschaft). Hier erlebt man die Danziger Werft von heute im desolaten
Zustand, wo leere Werkstätten von japanischen Touristen besucht werden. Der
Raum, wo die Arbeiter ihr Recht auf Freiheit und Mitbestimmung besiegelt hatte,
wo ein großes Bild von Lech Walesa während der Unterzeichnung immer noch zu
sehen ist, wirkt wie eine tragische Ruine aus dem Mittelalter. Gefragt, ob sein
Kurzfilm die volle Realität wiederspiegelt, antwortet Robert Glinski lakonisch:
"Viel schlimmer! Sehen Sie selbst. Leider ist unter den Politikern von heute
Solidarnosc fast vergessen". Ein Paar Tage später präsentierte Glinski seinen
neuesten Spielfilm im Wettbewerb: Wrozby kimaka (Unkenruf), eine Verfilmung
des Günter-Grass Romans, koproduziert von Regina Ziegler und wieder mit Krystyna
Janda in einer Hauptrolle. Dieses Mal ist Matthias Habich ihr Partner. Die
Uraufführung von Unkenruf fand allerdings in Danzig statt, im Geburtsort des
Nobelpreisträgers, der persönlich anwesend war. Feliks Falks Komornik (Der
Gerichtsvollzieher) gewann den Golden Löwen des 30sten Filmfestivals in Gdynia. Es
ist die Geschichte eines übereifrigen Gerichtsvollziehers, der zu seinen
Fehlern steht, als er eines Tages seine erste Liebe in Armut wieder trifft. Eine
Metapher auf das Schicksal von Solidarnosc? Nostalgie? Vielleicht. Andrzej Wajda
war Präsident der Festival-Jury.


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