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2. Alba Regia Internationales Filmfestival in Ungarn
Ron Holloway, Berlin, den 6. Juni 2006

In Szekesfehervar (latein: Alba Regia, deutsch: Stuhlweißenburg), eine Stunde Bahnfahrt von Budapest entfernt, fand zum zweiten Mal (29. Mai bis 4. Juni 2006) das Alba Regia Internationale Filmfestival (ARIFF) statt. Keine Stadt in den „neuen EU Ländern“ ist vielleicht besser geeignet, Filme von jungen europäischen Regisseuren zu präsentieren. Szekesfehervar erhielt unter Stephan I. (er wurde hier 1001 zum König von Ungarn gekrönt) das Stadtrecht, war Krönungs- und Begräbnisstätte der ungarischen Könige und ist katholischer Bischofssitz. Sehenswert sind der prächtige katholische Bischofspalast, die zahlreichen Barockbauten, das Rathaus, der Dom und die Franziskanerkirche.

Zur Überraschung der meisten Zuschauer ging der Preis für den Besten Film – der „Goldene Reichsapfel“ (Krönungsstadt!) an einen Beitrag aus den Niederlanden und Belgien: Guernsey von Nanouk Leopold. Minimalistisch gedreht und feministisch orientiert, erzählt Nanouk Leopold die Geschichte einer Frau und Mutter, die ihr Leben neu überdenkt nach dem rätzelhaften Selbstmord einer Kollegin. Die Internationale Jury vergab auch zwei Schauspielerpreise. Der Preis für die Beste Schauspielerin ging an Annika Hullin in dem Film Vinterkiyss (Winterkuss) (Norwegen) von Sara Johnson. Auch hier geht es um eine berufstätige Frau, eine Ärztin, die nach dem Tod ihres kleinen Sohnes total desorientiert ist. Im winterlichen, verschneiten Norden findet sie langsam den Weg zurück in’s Leben – und findet auch die Kraft zum Geständnis, daß sie den Tod des geliebten Sohnes mitverschuldet hat. Der blutjunge finnische Schauspieler Julius Lavonen, der in dem Film Koti-ikävä (Heimweh) von Petri Kotwica einen Seelischkranken überzeugend spielt, bekam den Schauspieler Preis. Nochmals erfahren wir im Nachhinein, daß die psychopathische Mutter wohl nicht unschuldig ist an der Krankheit des Sohnes.

Beim ARIFF taten sich fünf Kritiker zusammen und gaben ihren „Preis der Filmkritik“ an Michael Witterbottoms A Cock and Bull Story (UK). In dieser herrlichen Satire geht es um die wohl unmögliche Verfilmung des britischen Klassikers „The Life and Opinions of Tristram Shandy“ von Laurence Sterne. Für Liebhaber des englischen Humors – ein Leckerbissen. Ich wußte garnicht, das Michael Witterbotton so komisch sein kann. Die Studentenjury bewies große Filmkenntnis als sie ihren Preis an Mistrz (Der Meister) (Polen) von Piotr Trzaskalski verlieh. Der Meister ist ein Außenseiter mit Charisma, ein Trinker, ein Zirkusmensch, ein weltklasse Messerwerfer – genial verkörpert von Konstantin Lavronenko, der in Andrej Zwjaginzews „Die Rückkehr“ (Goldener Löwe, Venedig 2003) den Vater spielt. Das „verrückte“ Wanderleben durch die polnische Provinz, – der Zirkusdirektor/Messerwerfer sammelt andere Außenseiter auf und baut sie in sein Programm ein, – ist wohl auch eine faszinierende Metapher für das schwierige, leidenschaftliche, chaotische Leben eines Künstlers – zumal im neuen Europa.
Das junge Team um Blanka Elekes Szentagotai, – sie is auch die Gründerin des Filmfestivals, – konnte sich über volle Kinos freuen, über einen informativen Katalog und über 11 sehenswerte Filme aus Europa im Wettbewerb. In Gegenwart von Oja Kodar, der langjährigen Mitarbeiterin von Orson Welles, wurde die Retrospektive „Die unvollendeten Werke von Orson Welles“ gezeigt. Im ganzen konnte man sieben kostbare Filmausschnitte bewundern, restauriert vom Filmmuseum München. Vier Ehrenpreise wurden in Szekesfehervar jeweils für das Lebenswerk vergeben: an Kameramann Vilmos Zsigmond (Oscar für Close Encounters of the Third Kind), an Filmkomponist Maurice Jarre (drei Oscars für Lawrence of Arabia, Doctor Zhivago, Passage to India) und an den ungarischen Schauspieler Ivan Darvas. Der vierte Geehrte war der amerikanische Kameramann Andrew Laszlo, der Präsident der Internationalen Jury. Als junger Mann war Andrew Laszlo nach USA ausgewandert, wo er an mehr als 100 Filmen und TV Shows mitarbeitete.

Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums „Blanka Teleki“ in Szekesfehervar, die deutsch lernen, hören wie im Zuschauerraum deutsch gesprochen wird. Sie organisierten auf eigene Faust zwei Deutschstunden in ihrer Schule. Dorothea Moritz las Friedrich von Schiller und Heinrich Heine für die ungarischen Schüler. Solch Eigeninitiative sollte Schule machen!