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37. Ungarische Filmwoche in Budapest 31. Januar bis 7. Februar 2006)
Ron Holloway, Berlin, den 28.02.2006

Traditionell vor der Berlinale findet alljährlich eine ungarische Filmwoche in Budapest statt. Nicht traditionell war, daß es bei der 37. Ungarische Filmwoche
(31. Januar bis 7. Februar 2006)
eine Internationale Jury gab unter der Leitung von Dimitri Eipides, dem Programmer vom Filmfestival Toronto. Innerhalb von fünf Tagen waren 24 Spielfilme anzuschauen, um 15 Preise verteilen zu können. Es war eine kluge Entscheidung von Eva Vezer, Chefin vom Verband der ungarischen Filmemacher: Sie wußte, daß in der Mitte des Festivals der ungarische Kulturminister Andras Bozoki die neue Linie für die ungarische Filmindustrie bekanntmachen würde, und daß durch ein neues Filmgesetz ein Boom für die ungarische Filmindustrie zu erwarten sei. „Die Zeit der Stagnation ist vorbei“, sagte Eva Vezer. Ungarn, zusammen mit Polen und der Tschechischen Republik in der sogenannten „CentEast Region“, könnte jetzt mehr Unterstützung von den EU Ländern bekommen, um Produktionen und Koproduktionen mit größeren Budgets zu realisieren.

Bei einer Pressekonferenz kündigte Andras Bozoki an, daß in der naher Zukunft ein neues State-of-the-Art Filmstudio in einem Vorort von Budapest errichtet würde. Eben so wichtig waren die Nachrichten, daß sein Ministerium eine zusätzliche Unterstützung von 80 Millionen Forints (zirka Euro 400,000) für Filmkultur in den nächsten Monaten verteilen würde. Dabei würden die Budgets von sechs Institutionen aufgestockt: (1) zwei ungarische Filmfestivals: das Titanic Internationale Filmfestival in Budapest und das Pecs Filmfestival für Filmemacher aus den Nachbarländern, (2) das Archiv für Dokumentarfilme aus CentEast Ländern in Györ, (3) ein digital online Portal für ungarische Filmgeschichte, (4) eine Database für die ungarische Filmindustrie, (5) technologisches Training und Beihilfen für junge Filmemacher, und (6) die Schaffung eines neuen Filmpreises, der „Young Master of Motion Picture Award“. Zum ersten Mal wurde Aron Gauder diese Ehre zuteilt für seinen Studentenfilm „Nyocker“ (Der Bezirk). In dem Film geht es um die Armen – vor allem Zigeuner, Prostituierte, Kleinkriminelle – die in dem 8. Bezirk Budapests leben und um ihre Existenz bangen.

Die Hauptpreise der Internationalen Jury gingen an anerkannte Regisseure der neuen Generation. György Palfi, der für seine schwarze Komödie „Hukkle“ (Schluckauf) (2002) eine Einladung zum Sundance Institut in Utah bekommen hatte, zeigte die Früchte seines Sundance Besuches. György Palfis neuer Film „Taxidermia“ – wieder eine skurrile Attacke gegen die Kleinbürger, an Pasolinis „Salo“ wird man erinnert, – gewann nicht nur den Hauptpreis, er bekam auch noch den Gene Moskowitz Kritikerpreis. In „Taxidermia“ geht es um drei Generationen – Großvater, Vater, Sohn – und jeder hat einen Tick. Im Zweiten Weltkrieg machte der Opa sein Liebesspiel gern in einem Schweinestall. In der Ära des Sozialismus gewann der Vater jeden Wettbewerb im Schokoladen-Waffel-Essen. Jetzt, in der heutigen Gesellschaft möchte der Sohn der Beste sein in der Kunst des Tierpräperators! Teils Porno, teils Gewalt, teils Horror – ein wahrhaft phantasievolles Kinospektakel, nicht aber für jeden Zuschauer geeignet.

Der Preis für die Beste Regie ging an Hajdu Szabolcs für „Feher tenyer“ (Weiße Palme), eine kluge Überlegung, ob Trainingsmethoden für junge Turner schon in früher Jugend vernünftig sind. Gedreht in Kanada und Ungarn mit einem verletzten Sportler als Trainer in der Hauptrolle, überzeugt „Weiße Palme“ durch Authentizität. Ob in Kanada oder in Europa die besten Trainingsmethoden angewendet werden, das muß der Zuschauer selbst entscheiden. Wie erwartet, gewann die Komponistin Zsofia Taller den Preis für die Beste Musik. Ihre Komposition für das „Film-Oratorium“ „Johanna“ – Regie: Kornel Mundruczo – erinnert an Arthur Honeggers „Johanna auf dem Scheiterhaufen“. „Johanna“ ist die Fortsetzung von Mundruczos „Johanna im Nachtbus“ (2003). In beiden Filmen überzeugte Orsi Toth in der Hauptrolle – und sie verdient wahrhaftig den Preis für die Beste Schauspielerin in Budapest.

Überall, im Festivalprogramm und im Fernsehen, waren historische Dokumentarfilme zu sehen – verständlich, denn am 23. Oktober wird der Helden des „Ungarischen Aufstandes von 1956“ gedacht. Der Preis für den Besten Dokumentarfilm ging an „A fekete kutya“ (El Perro Negro – Geschichten aus dem Spanischen Bürgerkrieg) von Peter Forgacs. Zwischen dem Ungarischen Aufstand und dem Spanischen Bürgerkrieg gibt es natürlich Parallelen.

Kurz vor der Eröffnung des Festivals wurde ein Bericht von Andras Gervai mit dem Titel „Identifikation eines Informanten“ in der Zeitschrift „Leben und Literatur“ abgedruckt. Es ging um Istvan Szabo, der als ganz junger Mann in der Zeit des Sozialismus Informant gewesen sein soll. In einem Fernsehinterview gab Szabo zu, daß der Bericht stimmt. Er konnte aber nicht erklären, warum er, als Oscar Preisträger und Ehrenbürger der Stadt Budapest, sich nicht schon früher offenbart hätte. Seine Antwort: „Ich habe alles in meinen Filmen gesagt“. Und er hat Recht! Von „Mephisto“ (1981) und „Oberst Redl“ (1984) bis „Taking Sides“ (2001) und „Rokonok“ (Verwandte) (2006), die Gala-Eröffnung des Budapester Festivals, geht es in all den Szabo-Filmen um Informanten und Mitläufer, die keinen Weg aus ihrer persönlichen Misere finden.
In der Mitte des Festivals versammelten sich Kollegen aus der Akademie an der Seite Istvan Szabos, – u.a. Judit Elek, Janos Rozsa, Zsolt Kezdi-Kovacs, Lajos Koltai, – vor laufenden Kameras stellten sie sich an die Seite ihres Kollegen und waren mit Istvan Szabo solidarisch: „Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“. Die 37. Ungarische Filmwoche wird in Erinnerung bleiben.

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