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Orson Welles, „Der Kaufmann von Venedig“ und Kameraman Tomislav Pinter
Ron Holloway, Berlin, den 19. April 2006


Der kroatische Kameramann Tomislav Pinter hat an mehr als 100 Filmen mitgearbeitet. Um einen davon, „Der Kaufmann von Venedig“ von Orson Welles (1969), ranken sich traurige Legenden. Viel wird erzählt und vermutet, wenig ist bekannt und bewiesen. „Der Kaufmann von Venedig“ sollte die vierte Welles-Verfilmung eines Shakespeare-Dramas werden, nach „Macbeth“ (1948), „Othello“ (1952, Goldene Palme, Cannes Filmfestival) und „Falstaff“ (1965). Natürlich wurde als Drehort Venedig gewählt. Shylock wurde von Welles selbst verkörpert, Charles Gray spielte den Antonio, Irina Maleeva war als Shylocks Tochter Jessica besetzt. Der Produzent war jemand aus Kanada; die Finanzierung reichte nur für eine Fernseh-Produktion. Leider, leider, wie so oft in der Kariere von Orson Welles, wurde der Film nicht vollendet.

Was in Venedig gedreht wurde, ist heute nicht mehr vorhanden. Man sagt, das Negativ sei verloren. Der Film als Ganzes, wie Orson Welles ihn konzipiert hatte, gilt als verschollen. Das Filmmuseum München jedoch besitzt einen rekonstruierten 40-Minuten Streifen. Die Lebensgefährtin von Orson Welles, Oja Kodar, behauptet, daß die Venedig-Szenen einmal auf der Leinwand gezeigt wurden. Als leidenschaftlicher Orson-Welles-Verehrer möchte ich unbedingt wissen, was überhaupt in Venedig gedreht wurde, und wie Welles zusammen mit seinem Kameramann Pinter gearbeitet hat.

Im September 2005, beim Filmkamerafestival „Manaki Brüder“ in Bitola, Mazedonien, wurde Tomislav Pinter vom mazedonischen Kulturminister mit einem Spezialpreis geehrt: „Für seinen herausragenden Anteil zur Kinokultur der Welt“. Das ehrenvolle Ereignis ließ den Kameramann Rückschau halten auf sein Leben als Künstler. Wir trafen uns beim Frühstück im Hotel Epinal. Frau Pinter brachte wunderbare Fotos mit, vor allem Aufnahmen von seiner Arbeit mit Orson Welles an „Der Kaufmann von Venedig“. Orson Welles hat gesehen, wie gut, wie exzellent Tomislav Pinter mit Veljko Bulajic an „Die Brücke über die Neretva“ (Jugoslawien, 1969) gearbeitet hatte. In dem Tito-Epos spielte Richard Burton die Hauptrolle; Orson Welles war der Tschnikführer Mihailovic.

Noch im selben Jahr wollte Welles einen Film nach Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ drehen. „Ich war frei, ich wurde engagiert, basta aus“, so Pinter. „Gage spielte keine Rolle. Es war für mich eine Offenbarung, mit Welles zu arbeiten“. Sechs Fotos dieser legendären Arbeit hatten die Pinters auf den Tisch gelegt. „Orson Welles wußte ganz genau, wo die Kamera zu stehen hatte, welche Optik zu benutzen war, welche Einstellung, wie die Aufnahme auf der Leinwand aussehen würde“. Pinter mußte morgens – also fast noch in der Nacht – morgens um 3 Uhr aufstehen, alles vorbereiten, während Welles sich schminken ließ. Ab 5 Uhr morgens bis 7 Uhr konnte gedreht werden, dann erwachte die Stadt – also Drehschluß. Das ging so drei Wochen. Dann war endgültig Drehschluß, denn das Geld war alle! „Eine Tragödie“, klagte Tomislav Pinter am Frühstückstisch in Bitola. „Ja, wirklich, denn das Negativ ist verschwunden, unauffindbar“. Vielleicht weiß der Leser dieser Zeilen wo das kostbare Orson-Welles-Negativ geblieben ist?


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