Wenn ein Filmfestival sein Publikum mit Autorenfilmen anlockt, fragt
man sich, ob das Angebot vielleicht zu ehrgeizig klingt. Kann sein.
Nicht aber in Belgrad, wo Festivalleiter Vojislaw Vucinic sein
Publikum sehr wohl kennt. Eine Woche lang (von 27. November bis 4.
Dezember 2007) waren fast alle Vorführungen beim 13. Festival der
Autorenfilme im Belgrader Kulturzentrum ausverkauft; auch die
Wiederholungen waren gut besucht. Gefragt warum, antwortete Vucinic
lächeln: „Belgrad ist bekannt als eine Stadt voller Filmenthusiasten.
Unser Publikum ist informiert, neugierig und aufgeschlossen.
Persönlichkeiten wie Charles Aznavour und Robert De Niro kommen sehr
gerne nach Belgrad". Außerdem wissen viele Filmverleiher, wie hoch das
Autorenkino in Belgrad geschätzt wird. Man erinnert sich, daß Tran Anh
Hung (Cyclo, 1995) aus Vietnam und Tsai Ming Liang (Der Fluß, 1997)
aus Taiwan als authentische Filmautoren hier bejubelt wurden. Die vier
Belgrader Filmfestivals das Autoren Filmfestival, das International
Filmfestival (kurzgenannt: FEST), das Kurzfilmfestival und das
Studentenfilmfestival werden großzügig von europäischen
Einrichtungen unterstützt z.B. vom Goethe-Institut Belgrad.
Jedes Jahr wird eine dreiköpfige internationale Jury berufen, um den
Aleksandar „Sasha" Petrovic Preis zu vergeben, genannt nach dem
legendären Regisseur (Ich trafe sogar glückliche Zigeuner, 1967) der
ehemaligen so erfolgreichen jugoslawischen Kino Ära . Unter anderen
hat Petrovic 1977 Heinrich Bölls Gruppenbild mit Dame mit Romy
Schneider verfilmt. Retrospektive, Ehrungen und Gesprächsrunde („Der
Autor in digitalizierten Medien") waren Teile der diesjährigen
Tagesordnung. Unter den 18 Filmen im Wettbewerb waren Beiträge, die
bei wichtigen Filmfestivals schon Erfolg hatten. Laut Reglement können
auch Filme aus den Produktionsjahren 2006 und 2007 eingeladen werden.
Besonders bejubelt wurden eine Reihe von ausgezeichneten Filmen aus
Cannes, Berlin, Venedig und Rotterdam. Aus Cannes allein kamen
Alexander Sokurows Alexandra (Rußland), Carlos Reygadas' Stilles Licht
(Mexiko), Nuri Bilge Ceylans Saisonen (Türkei), Cristian Nemescus
California Dreamin' (Rumänien), Anton Corbijns Kontroll (Australien)
und Lucia Puenzos XXY (Argentinien). Berlin war vertreten mit Özer
Kiziltans Takva (Türkei) und Julie Delpys Deux jours in Paris
(Frankreich). Venedig war anwesend mit Gianni Amelias Der fehlende
Stern (Italien), Rotterdam mit Nora Hoppes La fine del mare
(Deutschland/Italien/Frankreich).
Die internationale Jury unter der Leitung des serbischen Regisseurs
Srdjan Karanovic (Virdzina, 1991) gab den Sasha Petrovic Preis an
Cristian Nemescus schwarze Komödie California Dreamin' (Rumänien).
Vollendet von Cristian Nemescus Team nach dem frühen Tod des
27jährigen Regisseurs, geht es in California Dreamin' um eine
Begenbenheit, die tatsächlich im Juni 1999 in Rumänien passiert ist.
Während des Kosovo Konflikts wurde ein NATO koordinierter
amerikanischer Transport, ein Zug beladen mit Radar-Ausrüstung, in
einem rumänischen Dorf von einem bestechlichen Bürgermeister
angehalten, der behauptete, die „Papiere" des amerikanischen Offiziers
seien nicht in Ordnung. Daraufhin folgte eine Reihe von chaotischen
und aufwühlenden Mißverständnissen. Der „Prize for Free Artistic
Expression" ging an Özer Kiziltans Takva Gottesfurcht (Türkei).
Produziert vom deutsch-türkischen Regisseur Fatih Akin (Gegen die
Wand, Goldener Bär, 2004 Berlinale), erzählt Kiziltan die Geschichte
eines einfachen gläubigen Menschen, der von einem geizigen Sheikh
ausgebeutet wurde, um das geschuldete Rentengeld für seine Sekte
leichter abkassieren zu können. Takva, ein ausgesprochener
Kassenerfolg in der Türkei, löste eine Debatte aus über Glaube und
Sitten in der heutigen modernen Gesellschaft. Der Spezialpreis der
Jury ging an Anton Corbijns Kontroll (Australien). Gedreht in
schwarzweiß, beleuchtet Kontroll die kurze und aufregende Karriere von
Ian Curtis, Sänger und Chansonnier der Manchester Rockband „Joy
Division". Ein Epileptiker, der gegen Liebeskummer und andere innere
Dämonen kämpfen muß, suchte Ian Curtis 1980 seine Erlösung durch den
Freitod. Er war nur 23 Jahre alt.
Nora Hoppes La fine del mare wurde eingehend diskutiert. Gedreht in
Triest mit einem internationalen Team, darunter Schauspieler aus
Serbien (Miki Manojlovic) und Bulgarien (Diana Dobreva), geht es um
Menschenhandel und Immigration, Cigaretten-Schmuggel und
Überlebenswillen metaphorisch gesagt: „um das Mysterium unserer
Existenz und um den Sinn des Lebens" (Nora Hoppe). Der
Kammerspielfilm, Das Ende des Meeres, mit sparsamen Dialog, überzeugt
durch atmosphärische Tiefe; herausragend die Kamera von Rimvydas
Leipus aus Litauen und die Musik von Peyman Yazdanian aus Iran. Als
ich sie gefragt habe, woher kommt ihre Inspiration, ihre Vision als
Filmautorin, antwortete Nora Hoppe: „Mein erster Kurzfilm, eine Elegie
an meine Großmutter, wurde in Sankt Petersburg gedreht, zusammen mit
dem russischen Meister Alexander Sokurow".