Viele Gründe werden aufgeführt in Kinowelts Dokumentarfilm Gegenschuss
Aufbruch der Filmemacher, warum am 18. April 1971 der Filmverlag der
Autoren von 13 Münchner Filmemachern gegründet wurde. Der
Generationkonflikt; das Oberhausener Manifesto; das Kuratorium Junger
Deutscher Film. Auch die Filmakademien in Berlin und München. Günter
Rohrbach und das WDR Fernsehspiel. Die Unterstützung von Inter
Nationes und der Goethe Institute in aller Welt. Laurens Straub, einer
der Gründungsväter des Filmverlags der Autoren, hatte mir mal von
einem anderen Grund erzählt. Nämlich, daß der Hauptgrund die Quinzaine
des Réalisateurs beim 1971 Cannes Filmfestival war. Gerade als der
Filmverlag zur Presse gehen wollte, um den Verlag und sein Vorhaben
vorzustellen, meldete Pierre-Henri Deleau, Chef der Quinzaine des
Réalisateurs, daß vier Filme von deutschen Autoren schon gebucht
seien: Werner Herzogs Fata Morgana, Rainer Werner Fassbinders Pioniere
in Ingolstadt, Reinhard Hauffs Mathias Kneissl und George Moorses
Lenz.
Alle vier Filme wurden sofort von den Goethe Instituten in alle Welt
auf Tournee geschickt. Mit dem Ergebnis, daß die Goethe Institute von
Nordamerika über viel Resonanz für „New German Cinema" beim Publikum
in den USA berichten konnten. Keiner der vier Quinzaine Regisseure
gehörte damals zum Filmverlag der Autoren. Peter Lilienthal, ein
Mitglied, hatte gewisse Cannes Erfahrung. 1970 lief sein Malatesta im
Wettbewerb. Und sein Erfolg unter Kritikern war vielverspechend.
1971 war tatsächlich das Jahr des Durchbruchs für den Neuen Deutschen
Film. Als Richard Roud, Programmleiter für Filmfestivals in London und
New York, Fassbinders Pioniere in Ingolstadt im Cinéma Le Français an
der Rue d'Antibes gesehen hatte, buchte er den Film für das New Yorker
Filmfestival. „Das Publikum fand Fassbinder interessant," sagte Roud
zu mir später im Interview. „Es hat eine Weile gedauert. Die
Zuschauer seien nicht ganz sicher, sind aber zurück gekommen für den
nächsten Film. Warum? Ich weiß es nicht. Sie waren einfach da."
Während der Siebzigerjahre zeigte das New Yorker Filmfestival
mindestens einen, oft zwei Filme von Rainer Werner Fassbinder, seiner
Antitheater und Tango Produktionen, die damals im Verleih des
Filmverlags der Autoren waren. Und die entsprechenden Kritiken des
Cineasten Vincent Canby in der New York Times waren immer positiv.
1974 wurde Rainer Werner Fassbinders Angst essen Seele auf von Gilles
Jacob für den Wettbewerb in Cannes ausgewählt. Obwohl der Film von der
Internationalen Jury übersehen wurde, bekam er den FIPRESCI Preis der
Internationalen Kritiker und den Ökumenischen Preis, die Angst essen
Seele auf als eine Hommage an die Melodramas von Hollywood Kult
Director Douglas Sirk bejubelten. Ab sofort galt Fassbinder als
authentischer deutscher Filmautor. Bemerkung: während der Berlinale
lief RWFs Angst essen Seele auf im Filmkunst 66 als Teil der
Filmverlag der Autoren Retrospektive. Sehenswert für Cineasten: Helga
Ballhaus, die Frau von Kameramann Michael Ballhaus, spielt Yolanda.
Nach Angst essen Seele auf übernimmt Michael Ballhaus die Kamera
Arbeit für viele Fassbinder-Filme.
1976 kaufte Dan Talbot 11 RWF Filme vom Filmverlag der Autoren für
seinen amerikanischen Verleih New Yorker Films. Er plante, die Filme
während der 1977 „Berlin Now" Ausstellung in New York herauszubringen.
Im März 1977 brachte das Goethe House New York eine PR-Anlage in der
Sonntagsausgabe der New York Times, die nicht nur Hinweise auf das
gesamte künstlerische Programm „Berlin Now" gab, sondern auch
Informationen über die Produktionen von deutschen Filmautoren.
(Künstlerische Leitung: Kathinka Dittrich, Referentin für Film:
Ingrid-Scheib-Rothbart.) Als Dan Talbot die 11 Fassbinder Filme einen
nach dem anderen herausbrachte, war das Publikum vorbereitet. Für das
Goethe House New York war das „Rainer Werner Fassbinder Filmfestival"
ein Glücksfall. Monatelang liefen die Filme in Dan Talbots New Yorker
Kino an der Upper West Side. Auch andere New Yorker Institute wollten
deutsche Filme zeigen Museum of Modern Art (MoMA), Brooklyn Academy
of Music (BAM), Film Forum und Anthology Film Archives in Greenwich
Village.
Einmal fragte ich Dan Talbot, warum diese eigenartige Vorliebe unter
den Amerikanern für den Neuen Deutschen Film? Er meinte, es führe
zurück auf einen einzigen Artikel in der New York Times. „Da hatte
Vincent Canby einen langen Aufsatz über Fassbinder geschrieben. Damit
weckte Canby offentsichtlich das Interesse am deutschen Kino
überhaupt." Zwei Jahre später, als Talbot Fassbinders Die Ehe der
Maria Braun in seinem Cinema Studio herausgebracht hatte, lief der
Film ununterbrochen 54 Wochen lang. Und als der Film von anderen
amerikanischen Kunstkinos gebucht wurde, waren die Kassenerfolge
gewaltig Geld floß ein von San Francisco, Los Angeles, Boston,
Chicago, Minneapolis, Philadelphia, Denver und Washington DC. Dazu
forderten zirka 200 amerikanische Universitäten RWF Filme für ihre
Deutsch- und Film Abteilungen an. Unter den Kritikern bekam Dan
Talbots Cinema Studio den Namen: „Kino Maria Braun"!
So wie Fassbinder von Talbot entdeckt und gefördert wurde, so wurden
Werner Herzog und Wim Wenders von Tom Luddy für die West Coast USA
entdeckt. Luddy hat ein treffsicheres Gefühl für sein Publikum beim
Pacific Film Archive in Berkeley and beim Telluride Filmfestival in
Colorado. 1975 ehrte Telluride Werner Herzog mit einer vollständigen
Retrospektive seiner Filme. Und Tom Luddy fand einen Verleih in New
York, Don Rugoffs Cinema 5, für Herzogs Aguirre und Jeder für sich und
Gott gegen alle, der als L'énigma de Kaspar Hauser kurz vorher in
Cannes den Grand Prix Special du Jury bekommen hatte. Als Wim Wenders
Im Lauf der Zeit-1976 beim Cannes Filmfestival lief und den FIPRESCI
Preis bekam, sagte Tom Luddy zu mir: „Wenders war der allererste
deutsche Regisseur, den ich persönlich kennengelernt habe. Schon 1973
hatten wir im Pacific Film Archive Die Angst des Tormanns beim
Elfmeter und Alice in den Städten gezeigt. Wim war gerne in Berkeley,
und wir verbrachten eine lange Zeit zusammen." Zur dieser Zeit war
auch das Goethe Institut San Francisco unter der engagierten Leitung
von Ernst Schürmann dem deutschen Film sehr hilfreich. Durch Tom Luddy
hatte Wenders auch Francis Ford Coppola kennengelernt, der seinen
Hammett produzierte.
Im Lauf der Zeit ist einer der besten deutschen Filme in der „New
German Cinema" Bewegung. Von Wenders selbst produziert, ohne Drehbuch
und herausgebracht vom Filmverlag der Autoren kurz vor dem Ende des
Autoren Kollektivs. Bemerkung: jetzt während der Berlinale lief Wim
Wenders Im Lauf der Zeit im Filmkunst 66 als Teil der Filmverlag der
Autoren Retrospektive. Gedreht an den Grenzen zwischen zwei
Deutschlands sieht man eine Welt von damals, die nicht mehr existiert.