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Ulrich Maass: „Neue Deutsche Kinofilme“ auf dem Filmfest München 2005
  

Ulrich Maass ist auf dem Münchner Filmfest verantwortlich für die Reihe „Neue Deutsche Kinofilme“.
Die Fragen wurden von Christine Weissbarth gestellt.


Weissbarth Welche Tendenzen haben Sie in diesem Jahr im neuen deutschen Film festgestellt?

Maas Es zeigt sich - was schon in den letzten Jahren zu beobachten war - dass es eine Hinwendung zu einem neuen Realismus gibt, zu einer genaueren Beschreibung einer gesellschaftlichen oder privaten Situation, die mit dem Alltäglichen zu tun hat. In einigen Film lernen wir Figuren kennen, die das Gefühl haben, nur noch Teil einer großen öffentlichen und medialen Inszenierung zu sein. Sie verlieren ihre Individualität und wissen am Ende gar nicht mehr, ob ihre Gefühle echt sind oder ob sie bereits manipuliert sind. Bei meinem Programm ist mir aufgefallen, dass sich dies immer wieder als Grundmelodie durch verschiedene Filme zieht.
  
Weissbarth Nach welchen Kriterien suchen Sie die Filme für das Filmfest aus?

Maas Es gibt in Wahrheit nur ein einziges Kriterium, das ist das Qualitätskriterium. Da wir in diesem Festival einen Nachwuchspreis vergeben, spielt natürlich das Kriterium, dass es Nachwuchsfilme sein sollten, auch eine Rolle, d.h. beim Programmachen muss ich erste oder zweite Filme finden.Es sind aber auch etablierte Filmemacher im Programm, wie Gordian Maugg mit "Zeppelin!" oder Dagmar Knöpfel mit "Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern". Ein Schwerpunkt ist aber die Suche nach interessanten Nachwuchsleuten. Natürlich muß der Film für eine Festivalpräsentation etwas Außergewöhnliches sein, soll einen eigenen Ton, eine besondere Sprache haben.
  
Weissbarth Wo finden Sie die interessanten Filme?

Maas Mein Programm "Neue deutsche Kinofilme" geht von Uraufführungen oder zumindest von deutschen Erstaufführungen aus, d.h. die Filme dürfen auf keinen anderen Festivals gewesen sein. Ich kann also nicht auf Festivals fahren und dort Filme einladen, sondern ich muß mit der Lupe durchs Land gehen und gucken, wo die noch nicht aufgeführten Filme sind.
  
Weissbarth Wie sieht diese Arbeit konkret aus?

Maas Diese Arbeit verteilt sich über das ganze Jahr. Ich rede mit den Produzenten und den Filmemachern. Von denen, die hier sind, weiß ich natürlich, was ihre nächsten Projekte sind. Ich habe jetzt schon eine Liste von 60 interessanten Filmen für das nächste Jahr. Man muß wie ein Sammler vorgehen und gucken, wo etwas entsteht. Es gibt auch Produktionsspiegel, in denen man erfährt, was in Produktion ist und in welchem Stadium es ist. Aus all diesen Quellen mache ich mir eine Liste der Filme, die mich interessieren könnten und dann gehe ich den Spuren nach und beurteile, ob etwas interessant genug ist. Das mache ich das ganze Jahr über. Nach dem Festival ist vor dem Festival. Auch während des Festivals spreche ich schon mit den Filmemachern. Jörg Adolph, der Regisseur von dem Film „Houwelandt“ kommt z.B. gerade aus London zurück, wo er Teile seines nächsten Films gedreht hat. Natürlich bin ich interessiert daran, diesen Film vielleicht in zwei Jahren zu zeigen. Ich muss also immer vorausdenken.
  
Weissbarth Welche Filme haben Sie entdeckt, die sie außergewöhnlich finden und dem Münchner Publikum besonders empfehlen wollen?

Maas Zunächst muss ich sagen, wenn man so ein Programm macht – ich habe über 80 Filme gesehen und 15 ausgewählt - , dann liebt man sie irgendwie alle. Ich weiss ganz genau, warum ich bestimmte Filme genommen habe und andere nicht. Eigentlich mag ich sie alle gleich, jeden auf seine Art, aber ich kann natürlich einige nennen, die ich besonders interessant finde.
Roland Lang, der jüngste Teilnehmer im deutschen Programm, der noch an der Filmakademie Baden Württemberg studiert, hat den Film „Hastig werden wir leiser“ mit ganz wenigen Mitteln realisiert. In diesem Film wird das bereits angesprochene Thema behandelt. Drei Freunde fühlen sich total inszeniert und bezweifeln schließlich, ob sie ihr Leben wirklich noch leben oder ob sie es vielleicht nur noch spielen. Sie trauen ihren eigenen Gefühlen nicht mehr. Dieser Film ist ein Schlüsselfilm im Hinblick darauf, dass der Realismus im deutschen Film sich mit diesen Fragen auseinandersetzt. Der Film ist zwar nicht perfekt, aber er versucht auf interessante Weise, einem strukturellen Phänomen auf die Spur zu kommen und dieses darzustellen.

Roland Lang
„Hastig werden wir leiser“
Christoph Hochhäusler
„Falscher Bekenner“

Außergewöhnlich ist auch der Film „Falscher Bekenner“ von Christoph Hochhäusler. Es geht um einen verstörten jungen Mann, der den Anforderungen der Gesellschaft nicht gerecht werden kann. Er flüchtet sich in eine Gegenwelt aus Sex und beschuldigt sich verbrecherischer Taten, die er nicht begangen hat. Das ist das Psychogramm eines „Verkrüppelten“, wie er sich selber im Film nennt Der Film zeigt die Phänomene auf, die zu dieser psychischen Störung führen. Es ist keine groß konstruierte Handlung, sondern eine Beobachtung eines gesellschaftlichen Feldes, in dem sich plötzlich eine Figur aufgrund der Umstände, unter denen er lebt, „verkrüppelt“. Der junge Mann stößt ständig auf die Muster, die ihm die ihm die Gesellschaft andient und in denen er sich nicht mehr selber wiederfindet. Er wird zum Funktionär von Ansprüchen, die an ihn gestellt werden.Es gibt Vorstellungsgespräche, Bewerbungsgespräche und Anforderungen von Seiten der Eltern. Er merkt irgendwann, dass das mit ihm, mit seiner Persönlichkeit gar nichts zu tun hat, sondern dass dies ein Muster ist, das man ihm überstülpen will und das er nicht erfüllen kann, dem er nicht gewachsen ist. Es ist also eine absolut inszenierte Figur, die sich dieser Inszenierung entzieht, indem er etwas ganz Perverses macht.

Sehr interessant ist auch der Film "Schläfer" von Benjamin Heisenberg. Ein junger Wissenschaftler wird vom Verfassungsschutz angeworben, einen algerischen Kollegen zu bespitzeln. Diese Tätigkeit als Spitzel verändert so sehr seinen Blick, dass er langsam seine Identität dabei verliert, weil er nicht mehr weiss, was in seinen Beziehungen wahr ist. Der Film hat einen generelleren Aspekt als nur den der Beobachtung eines möglichen Terroristen. Es geht um die Wirklichkeitserfahrung an sich. Was wissen wir über die Wirklichkeit? Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Wirklichkeit zu interpretieren. Wenn man plötzlich angesetzt wird, jemanden zu beobachten, um herauszufinden, wie der wirklich ist, merkt man, wie komplex das Wirklichkeitsbild ist, das uns umgibt. Der junge Mann merkt dann auch, dass seine persönlichen Beziehungen zu anderen Personen möglicherweise ganz anders werden unter dem beobachtenden Blick, den er auf den Kollegen wirft. So entsteht in diesem Film ein merkwürdiges Gefühl von langsamem Realitätsverlust

Benjamin Heisenberg
"Schläfer"
Jörg Adolph
"Houwelandt“

Auch der Film "Houwelandt“von Jörg Adolph, ein Porträt eines Schriftstellers, der einen Bestseller geschrieben hat, nämlich „Houwelandt“, ist interessant. Er liefert keine Biografie, sondern erzählt über den kreativen Prozess des Schreibens
  
Weissbarth Wie beurteilen Sie die Qualität des deutschen Film im internationalen Vergleich in diesem Jahr?

Maas Man könnte das im Moment sehr positiv beurteilen. Wir hatten drei Filme in Cannes, wenn man den Wim Wenders Film mitrechnet, der zum Teil eine deutsche Produktion ist. Es waren zwei Filme in der interessantesten Sektion neben dem Wettbewerb „Un certain regard“. Das waren die schon angesprochenen Filme "Falscher Bekenner" und "Schläfer" – immerhin 2 deutsche Filme in dieser renommierten cineastischen Sektion, was beachtlich ist. Im letzten Jahr war die deutsche Produktion „Die fetten Jahre sind vorbei" im Wettbewerb, unser Standing ist also nicht so schlecht. Insgesamt aber meine ich, ist der deutsche Film nicht so gut, wie wir ihn uns wünschen. Ich denke, man sollte sich nicht blenden lassen. Ich sehe sehr viel Mittelmäßiges, Filme, die handwerklich ganz ordentlich gemacht sind, aber uninteressant sind. Insofern bin ich, was die internationale Qualität des deutschen Films betrifft, eher skeptisch. Es gibt immer wieder Filme, die auch international anerkannt werden, aber das rechtfertigt nicht, zu sagen, der deutsche Film sei wieder eine internationale Größe.
     
Weissbarth Für den Film gibt es zur Zeit wenig Geld. Ist das eine Chance für das Autorenkino? Wo sind die Autorenfilme im Programm?

Maas Das klingt immer ein bisschen zynisch, wenn man sagt: Wenn man kein Geld hat, dann macht man eben Autorenfilme - die Freiheit aus der Armut heraus sozusagen. Es ist aber tatsächlich so, dass man gezwungen wird, ein anderes Kino zu machen, wenn das Geld nicht mehr zur Verfügung steht. Natürlich kommt das einem Genre, wie dem Autorenfilm entgegen. Ich will aber nicht sagen, dass dies eine Chance für den Autorenfilm ist, sondern man kann dann notgedrungen nur noch Autorenfilme machen. Es ist keine freiwillige künstlerische Entscheidung. Es wird vielen Filmemachern in dieser Situation nichts anderes übrigbleiben, als sich auf andere filmische Formen wieder zu besinnen und einfachere Geschichten zu erzählen, die man mit einem Minibudget realisieren kann.

Alexander Schüler
„Rendezvous“
RP Kahl
„Rendezvous“

Es gibt z.B. im Programm zwei Filme, die völlig ohne Filmförderung und ohne Fernsehbeteiligung zustande gekommen sind. Es ist der Film „Rendezvous“ von Alexander Schüler, der drei Jahre an diesem Film gearbeitet hat, ebenso der kleine schöne Dokumentarfilm „Mädchen am Sonntag“ von RP Kahl. Er wurde von dem Team völlig alleine für 30.000 EUR hergestellt. Es ist das Porträt von vier Schauspielerinnen, die wir alle sehr schätzen, nämlich Laura Tonke, Katharina Schüttler, Inga Birkenfeld und Nicolette Krebitz. Dieser Film ist mit einer kleinen digitalen Kamera gedreht worden, aber mit unheimlich viel filmischer Phantasie. Es ist eine Hommage an diese Schauspielerinnen und ein gutes Beispiel dafür, wie man mit wenig Geld einen berührenden Film machen kann. Das ist natürlich nur bei bestimmten Sujets möglich. Andere Geschichten kann man einfach nicht so erzählen. Wenn es irgendetwas Positives durch die knapper werdenden Mittel geben könnte, dann vielleicht, dass der Elan größer wird, dass die Filmemacher sagen, jetzt trotzdem……, dass die Zurücklehn-Mentalität wegfällt, dass dann nur noch diejenigen Leute Filme machen, die einen sogenannten Ausdrucksstau haben.
Ein Beispiel: Ein Filmemacher weiss, dass dieses Projekt 1,5 Millionen kosten würde, er kriegt das Geld nicht zusammen, aber er hat hier eine kleine Idee und die realisiert er jetzt. Es könnte sein, dass die Gegenreaktion ist, dass sich manche sagen, ich bin nicht bereit, hinter den Förderungen hinterherzurennen und immer abgelehnt zu werden oder zwei Jahre auf die Fernsehbeteiligung zu warten, die dann nicht kommt. Ich will aber einen Film machen. Welche kleine Geschichte kann ich aus eigener Kraft realisieren? Das könnte natürlich kreative Kräfte freisetzen.

  

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