|
|
Oskar Roehler: Elementarteilchen
Ein Film von Oskar Roehler
produziert von Bernd Eichinger und Oliver Berben
nach dem Weltbestseller-Roman von Michel Houellebecq
Inhalt
Michael (Christian Ulmen) und Bruno (Moritz Bleibtreu) sind Halbbrüder, die getrennt bei den Großmüttern aufgewachsen sind, während ihre Mutter Jane (Nina Hoss) ein unbekümmertes Jet-Set-Leben geführt hat. Die Brüder sind sehr verschieden, der introvertierte Michael ist Molekularbiologe und kümmert sich lieber um seine Genforschungen als um Frauen, während Bruno seine sexuellen Begierden nicht im Griff hat. Schließlich aber begegnen beide der Liebe ihres Lebens: Michael trifft seine ehemalige Schulfreundin Annabelle (Franka Potente) wieder, zu der er schon als Kind Zuneigung empfunden hat und Bruno lernt in einem esoterischen Urlaubscamp Christiane (Martina Gedeck) kennen, mit der er auch seine sexuellen Obsessionen ausleben kann. Doch das Glück scheint von kurzer Dauer beide Frauen erkranken schwer. Bruno und Michael stehen vor einer schweren Entscheidung: entweder altgewohnte Einsamkeit oder neuartige Zweisamkeit………….
Buchvorlage
Trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer offenen Tabubrüche und ihres umstrittenen Autors Michel Houellebecq hat sich der 1998 erschienene Roman „Particules élémentaires“ in Frankreich sensationell verkauft. Das oft als Skandalroman des ausgehenden 20.Jh. bezeichnete Werk erlangte bereits kurz nach seiner Veröffentlichung Kultstatus. Mittlerweile ist der Roman in mehr als 25 Sprachen übersetzt. 1998 erhielt Michel Houellebecq für “Elementarteilchen“ die französische Literaturauszeichnung „Prix Novembre“
Christine Weissbarth führte auf der Berlinale 2006 ein Interview mit den beiden Darstellern Moritz Bleibtreu und Franka Potente.
| Weissbarth |
Hast du den Roman gelesen?
|
| Potente |
Ja.
|
| |
|
| Weissbarth |
Der Roman galt ja als skandalös, was hast du skandalös gefunden?
|
| Potente |
Also ich habe den gelesen, nachdem diese Diskussion aus Frankreich herüberschwappte. Ich glaube, es wurde auf sehr hohem Niveau über die 68-er Generation gestritten. Es gibt ja eine Schuldzuweisung an diese Generation, dass sie sich den Kindern verweigert haben. Mich betrifft das erstmal altersmäßig nicht, ich kann da nicht mitschimpfen. Ich fand es aber immer eine interessante Auseinandersetzung oder anders rum ich finde es immer interessant, wenn Kunst in irgendeiner Form solche Diskussionen auslöst und diese wurden auf sehr hohem Niveau und in Frankreich sehr intellektuell geführt. In Deutschland war das ja nicht so schlimm, ich glaube da wurde nur aufgekocht, was aus Frankreich kam. Ich habe immer den Eindruck, hier regt man sich nicht so sehr über Literatur oder Kunst auf. Ich hatte vorher auch schon „Ausweitung der Kampfzone“ von Houellebecq gelesen, was nicht ganz so zynisch und pessimistisch ist, also ich finde Houellebecq nicht so schlimm. Kunst ist immer ein Angebot entweder ich kann darüber nachdenken oder ich leg’s halt weg. Es wurde wohl ein Nerv getroffen, sonst hätte man sich ja nicht so aufgeregt. |
| |
|
| Weissbarth |
Kannst du die Figur der Annabelle und ihre verschiedenen Facetten beschreiben. Inwieweit kannst du dich selber mit Annabelle identifizieren?
|
| Potente |
Also ich fand’s schön, dass sie so etwas Introvertiertes hat. Ich glaube, dass sie eine sehr zarte Seite hat, aber in dem Moment, als sie den Michael wieder trifft, ist sie sehr spröde. Sie ist eigentlich ein verblühtes Mädchen, gar nicht so sehr diese Schöne, was im Roman eher der Fall ist. Sie ist sehr aufgerieben. Wir haben versucht, in dem kleinen Rahmen, der der Rolle gegeben war, das mitzuerzählen. So eine Rolle habe ich so noch nicht gespielt, dass man eben in Kürze probiert, ein bisschen zu vermitteln, dass da jemand so mit sich am Hadern ist. Ich glaube, diese Aggressionen, die sie so unterschwellig hat, richten sich nicht nur gegen Michael, sondern auch gegen sich selber. Da ist jemand an einem Punkt, und das ist ja so eine Lebensphase, in der ich mich auch befinde - weniger depressiv und so düster als sie vielleicht - aber ich kenn das auch aus dem Bekanntenkreis, dass man irgendwie denkt: „Okay, wie oft raff ich mich jetzt eigentlich noch mal auf, wie geht’s jetzt eigentlich weiter, und, was war eigentlich bisher?“ Und wenn ich dann zurückschaue, oh Mann, da will ich gar nicht hingucken. Ich glaube, das geht allen Figuren im Film so, dass man respektiert, dass man Ecken und Kanten hat und sie sind alle in einer Phase, dass sie auf sich schauen. Das passiert so um die 30 das ist so ein Moment, wo man sich wie in Slow Motion umdreht und sich plötzlich selber sieht und man hat das nie gesehen, man ist bis dahin nie darauf gekommen, sich mal umzudrehen. Man fängt plötzlich an, auf sich zu schauen und man fängt an, Strukturen zu entdecken und fängt an, darüber nachzudenken, wo das herkommt. Das hätte mich mit 20 Jahren nicht berührt, weil ich das Leben nicht so gesehen habe und jetzt bin ich aber in einer Phase, wie auch die Figur in dem Film, in der ich das Leben auch so sehe in allem, was es so kompliziert macht, aber auch, was es schön macht. Und das denke ich ist auch so die Textur, aus der der Film ist, und das Buch auch. Das Buch ist zwar sehr viel pessimistischer und zynischer, aber wir haben uns im Film entschieden, das nicht so extrem zu sehen. Wenn ich Filme sehe, in denen ich sehr früh Zynismus erkenne, dann interessiert mich der Film nicht mehr. Man kann bestimmte Romane sicher eher 1:1 verfilmen, wenn man z.B. an Isabel Allende denkt, weil sie epischer und narrativer sind, aber im Fall von Houellebecq wäre einfach ein Stück der Quintessenz verloren gegangen. |
| |
|
| Weissbarth |
Wie war die Stimmung am Set?
|
| Potente |
Ich hab die meiste Zeit mit Christian verbracht, was superlustig war, wir haben uns sofort verstanden. Wir haben dieser Ernsthaftigkeit des Kunstfilms, die manchmal am Set war, eine totale Albernheit für uns entgegengesetzt. Oskar war manchmal tierisch genervt von uns, aber wir brauchten das. Das war so, wie wenn man sagt, o.k. jetzt gehen wir mal kurz auf den Spielplatz, danach konnten wir wieder ganz ernst und fokussiert sein. Martina kannte ich vorher persönlich auch nicht. Und ansonsten waren natürlich ständig Geschichten, da war Jasmin Tabatabei da und dann Uwe Ochsenknecht. Uwe Ochsenknecht hatte nur einen kurzen Auftritt, aber mich hat das so an Benicio Del Toro in „Usual Suspects“ (dt: „Die Üblichen Verdächtigen“) erinnert, wie der so nuschelt, ich find das super! Ich hab den erst gar nicht erkannt. Und auch der Knaup-Auftritt…… Es gibt manchmal Filme, bei denen man denkt, es gibt diese Schauspieler nur, damit der Name da ist, aber hier fand ich das ganz skurril. Das finde ich bei Oskar Roehler immer interessant, welche Schauspieler er auswählt und es ist auch immer positiv überraschend, was er mit den Leuten macht. Oskar schafft es immer, dass die Schauspieler alle mitmachen, ich glaube, das ist so eine Neugier, dass er den so oder anders sehen will. |
| |
|
| Weissbarth |
Zu deiner Zeit in L.A. hast du dich oft kritisch über Amerika geäußert, was sind die Vor-und Nachteile, in Berlin zu sein?
|
| Potente |
Ich glaube, das kriegt man auch in meinem Buch ganz gut mit, in dem dies auch Thema ist. Da war ja vor allem Alltag für mich. Die Zeit, in der ich in Los Angeles war, war eine sehr, sehr amerikanische. Das war, als die Amerikaner wieder in Bagdad einmarschiert sind und überall die Flaggen hochgingen. Ich war ja vorher schon oft da, ich habe das aber als ganz außerordentlich empfunden. Und das hat sicher auch dazu beigetragen, dass es von der Stimmung her schwieriger für mich war. Es ist ganz einfach: Berlin ist zu Hause, ich bin hier aufgewachsen, vieles macht mir einfach mehr Sinn hier, weil ich aus diesem kulturellen Kontext komme. Los Angeles ist für mich vor allem ein Ort, wo ich Freunde habe, wo ich auch immer wieder hinfahre und wo ich hin und wieder eben arbeite. Wenn dann manchmal in der Presse stand „Abrechnung“ oder so was, das hab ich niemals gesagt und das ist ein totales Missverständnis. Ich glaube, das ist die Sehnsucht, etwas zu vereinfachen, das ist keine „Abrechnung“, einfach eine kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Alltagen, indem man einfach für sich feststellt, das funktioniert für mich gar nicht. Aber ich glaube, dass das andersrum für Amerikaner hier auch so ist oder für andere, das sind einfach völlig unterschiedliche Kulturen, die sich auf ganz unterschiedliche Säulen stützen und dann kommt man eben nicht unbedingt mit allem klar. Wenn das vor allem so ein Jahr ist, in dem so eine sehr patriotische Stimmung ist - und Deutschland war ja auch ganz klar auf der anderen Seite -, dann nimmt man das auch wirklich so sehr wahr. |
| |
|
| Weissbarth |
Hast du Aggressionen mitgekriegt?
|
| Potente |
Ja, Unverständnis - bei mir auch, also wenn plötzlich einer sagte: „Wir gehen nicht mehr zum Franzosen essen“, also so Leute, von denen man denkt, das kann nicht dein Ernst sein. Die wussten das dann selber nicht so genau, ob das in der Zeitung stand, also solcherlei Geschichten habe ich erlebt ……. da war, glaube ich, Befremdung auf beiden Seiten. |
| |
|
|
|
|
|
Seitenanfang
|
|