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Volker Schlöndorff:
"DER NEUNTE TAG",
seit 11.Nov. 2004 im Kino
Volker Schlöndorff erzählt die dramatische Geschichte des Luxemburger Abbés Henri Kremer (Ulrich Matthes), der für neun Tage aus dem KZ Dachau entlassen wird. Innerhalb dieser Tage muss er nicht nur über sein Schicksal, sondern auch über das seiner Familie sowie anderer Häftlinge im Pfarrerblock Dachau entscheiden. Und diese Entscheidung muss er ganz alleine fällen. Er kann sich weder hinter der Kirche, noch hinter dem Gesetz oder dem Staat verstecken. Schlöndorff schuf basierend auf dem autobiografischen Bericht von Jean Bernard einen beinah unerträglich spannenden und aufwühlenden Film.
Christine Weissbarth sprach mit Volker Schlöndorff.
| Weissbarth |
Wo haben Sie diese Geschichte gefunden und was hat Sie motiviert, darüber einen Film zu drehen?
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| Schlöndorff |
Ich habe das Buch selbst entdeckt, und ich habe nicht gewusst, dass es in Dachau einen Pfarrerblock gab, in dem 3000 Priester gefangen waren.
Ich habe das Tagebuch von Jean Bernard gelesen, in dem er ganz nüchtern und unpathetisch schreibt, wie er in Dachau war und ihm das Ungeheuerliche passiert, dass er nach einem Jahr Hölle plötzlich entlassen wird. Er bekommt eine Woche Urlaub und findet sich kaum in der Welt zurecht. Er muss nun entscheiden, ob er flieht oder zurückgeht. Beides hat natürlich Konsequenzen.
Das ist ein unglaublich dramatischer Stoff. Es wird nicht wieder das große Thema abgehandelt, wie Kirchenpolitik, Nazis und Konzentrationslager, sondern es ist ein Einzeldrama. Dadurch hatte ich das Gefühl, dass man dies erzählen könne. Den ganzen anderen Horror weiss man, man will es nicht mehr wissen, man kann es sowieso nicht verstehen, wie das möglich war. Aber eine Einzelgeschichte kann man emotional nachvollziehen.
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Begegnung des Abbé Henri Kremer
(Ulrich Matthes) mit Untersturmführer Gebhardt (August Diehl)
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| Weissbarth |
Sie haben eine historisch fundierte Geschichte fiktiv entwickelt.
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| Schlöndorff |
Das Starke war, dass man dokumentarisches Material hatte, das Tagebuch von einem, der das Lager von innen Tag für Tag beschreibt. Aber das wäre ja ein Dokumentarfilm. Dazu kam nun die Möglichkeit, ein Drama zu machen: Zwei Menschen kämpfen gegeneinander. Der eine ist nicht ganz gut und der andere ist nicht ganz böse, bzw. der Böse hat sehr gute Argumente auf seiner Seite. Man weiss, am Ende wird einer von beiden zerstört sein: Der Pfarrer, indem er ins Lager zurück muss oder der andere, indem er merkt, er kann mit seinem jugendlichen Idealismus gegen den Glauben eines Einzelnen nichts ausrichten. Er, der die Macht hat, ist eigentlich ohnmächtig.
Das ist für uns als Zuschauer das Befriedigende an dem Film und der Triumph, dass auch Macht ohnmächtig sein kann.
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Wortgefecht zwischen Henri Kremer und Gebhardt
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| Weissbarth |
Ein Mensch entscheidet über das Schicksal anderer Pfarrer im KZ sowie über sein eigenes Leben. Was hat dieser Konflikt bei Ihnen ausgelöst?
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| Schlöndorff |
Ich musste mich mit meinem eigenen Glauben auseinandersetzen.
Wenn man jemanden sieht, der eine so starke Überzeugung in sich hat, dass er sagt: Eher gebe ich mein Leben auf, als dass ich ein Stück von dem, an das ich glaube, aufgebe - dann fragt man sich selbst:
- Gibt es irgendetwas, an das ich so stark glaube, dass mir das wichtiger wäre als zu überleben?
- Wie kann ich das überhaupt in mir finden. Wo bekomme ich da einen Rat von Freunden, vom Bischof, von der Kirche, oder gibt es eine Möglichkeit, selber mit dem lieben Gott zu reden.
Ich bin nicht wirklich im kirchlichen Sinne gläubig. Ich merke jedoch, dass alles sinnlos ist, wenn man nicht daran glaubt, dass in jedem Einzelnen irgend ein göttlicher Funke ist.
Das kann man vielleicht einfach vom Humanismus ableiten.
Ich selber hatte großartige Vorbilder, weil ich als Schüler im Jesuiteninternat in Frankreich war. Es waren sehr emotionale Menschen, die immer heiter waren, immer einfach blieben, von denen ich wusste, dass einige auch in der Resistance gewesen sind. Auf der einen Seite wussten sie über Philosophie gut Bescheid und konnten darüber diskutieren, und gleichzeitig züchteten sie Hühner und Enten und misteten den Stall aus.
Dieses, sowie ihre Begeisterung für Kunst und Kultur, das hat mich ermutigt, Filmemacher zu werden. Sie sind mir immer ein Beispiel geblieben.
Sie haben auch nie versucht - ich bin Protestant - mich zu bekehren.
Religion war kein Thema, über das man gesprochen hat Aber sie haben vorgelebt, dass diese Heiterkeit, die Freundlichkeit sowie die Einfachheit, die sie haben, was Besonderes ist: und das kann ja nur aus dem Glauben kommen.
Und insofern haben sie mich dann doch bekehrt, dass sie für mich ein Leben lang Vorbilder geblieben sind.
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| Weissbarth |
In Ihrem Film wird die Judas-Problematik thematisiert....
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| Schlöndorff |
Ja, auch die Judas-Problematik war mir unbekannt. Es ist ein philosophisch spannendes Problem. Er sagt ja, das Gute könne es gar nicht geben, wenn es nicht das Böse gäbe. Wenn Judas Jesus nicht verraten hätte, dann wäre Jesus nie gekreuzigt worden, und wenn er nicht gekreuzigt worden wäre, dann gäbe es kein Erlösertum und auch keine Kirche. Also hat der böse Judas sozusagen das Gute bewirkt.
Das ist natürlich eine ganz perverse Theorie, ganz bestimmt nicht religiös, aber natürlich hier ein verführerisches Argument auf der Seite dieses jungen, sehr idealistischen Nazis gegenüber unserem Pfarrer, der nicht weiß, was er machen soll.
Er kann ja seine Leute aus dem Lager retten, er kann auch in seiner Gemeinde viel bewirken, wenn er - wie Judas - ein ganz klein bisschen Böses in sich zulässt und ein ganz klein bisschen von seinem Glauben aufgibt, und mit den Nazis zusammenarbeitet.
Da merkt man auf einmal, dass Religion und Politik sowie Machtfragen ganz nah beisammen liegen. Und überall, wo es um Macht und Gesellschaft geht, kann man nicht so radikal zwischen Gut und Böse trennen. Im Religiösen kann man leicht zwischen Gut und Böse trennen, aber im menschlichen Zusammensein gibt es nicht das absolut Gute. Das Böse ist auch immer mit da. Und das ist das Drama, das da drunterspielt, weil jeder sofort einen Bezug zum eigenen Leben herstellen kann, auch wenn es da nicht auf Leben und Tod geht.
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| Weissbarth |
Henri fühlt sich in Ihrem Film schuldig, weil er eine kleine Menge Wasser heimlich getrunken hat, anstelle diese mit seinem Mithäftling zu teilen. Die Schuldthematik ist ja auch tief im Christentum verwurzelt.
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| Schlöndorff |
Der Film beruht auf dem Tagebuch des Pfarrers Bernard sowie auf dem Bericht von Primo Levi, einem italienischen Physiker, der in Auschwitz war, überlebt hat, und der die Episode von diesen Wassertropfen schildert.
Und das Spannende ist, dass Primo Levi, der überzeugter Atheist ist, sich dennoch schuldig fühlt, dass er dieses Glas Wasser nicht mit dem anderen geteilt hat, der am verdursten war. Er war so reduziert, dass es bei ihm nur noch um Leben und Tod ging, und so sagte er sich: Eh ich das jetzt teile, trink ich es lieber selbst, dann überlebe ich eben. Und das hat ihn jahrzehntelang später nicht losgelassen.
Diese Geschichte gibt unserem Film noch das Rückgrat - glaube ich - , denn diese Episode von Primo Levi, verbunden mit der Erfahrung von Jean Bernard, bringt eigentlich erst das Drama, weil es zeigt, dass dieser Mann, der hier in Versuchung geführt wird, schon mal der Versuchung erlegen ist. Deshalb ist er sozusagen das prädestinierte Opfer für den Teufel. Der Teufel sucht sich die aus, die schon einen Knacks haben.
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| Weissbarth |
Was bedeutet der "Bernhard-Wicki-Preis" für Sie?
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| Schlöndorff |
Bernhard Wicki war ein großes Vorbild für meine Generation, als wir Filme machten. Er war der einzige Regisseur in der Nachkriegszeit, zu dem wir aufblickten, den wir als Vorbild hatten, und dies ganz besonders wegen seines Films "Die Brücke".
Wir haben das nach dem Krieg noch so nachgespürt, wie diese 15-, 16-jährigen verführt werden konnten, mit der Waffe in der Hand und mit diesem unbedingten Glauben, das Vaterland zu verteidigen. Das setzt sich natürlich fort in der Figur, die August Diehl als Untersturmführer Gebhardt im Film spielt. Deshalb ist das nicht eine Auszeichnung wie irgendeine andere, sondern da ist schon wirklich eine Brücke, die von Bernhard Wickie zu meinem Film geschlagen wird.
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