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Andreas Ströhl: Filmfest in München 2005
  

Dieses Inteview mit Herrn Andreas Ströhl wurde am 20.Juni 2005 anlässlich des Filmfestes in München geführt. Herr Ströhl ist seit 2004 Leiter des Münchner Filmfest.
Die Fragen wurden von Christine Weissbarth gestellt.

Weissbarth Wie einfach oder schwierig ist es, für das Münchner Filmfest herausragende Filme zu bekommen?
  
Ströhl Obwohl die Konkurrenz immer härter wird, wird es nach meinem Eindruck für München trotzdem leichter herausragende Filme zu bekommen. Ich vermute, es liegt daran, dass wir gewisse Erfolge in der Vermarktung von Filmen erzielen. Im vergangenen Jahr hatten wir vier italienische Filme auf dem Filmfest und drei davon sind hier an deutsche Verleiher verkauft worden. Das hat natürlich zur Folge, dass es danach sehr viel leichter ist, Filme aus Italien zu bekommen, die man gerne haben möchte. Diesmal hatten wir also sehr gute Karten. So kam auch die Italienische Reihe zustande. Da haben wir im Vergleich zu anderen Festivals eine gute Position.
  
Weissbarth Wie ist das Verhältnis zu anderen europäischen Festivals?
  
Ströhl Mit vielen Festivals sind wir in freundschaftlichem Kontakt. Es gibt zwar einen Wettbewerb um die interessantesten Filme. Natürlich wollen alle die Uraufführungen und Europa-Premieren von interessanten Filmen ausrichten, aber trotzdem gibt es einen freundschaftlichen Austausch. Wir liegen eingebettet zwischen Moskau und Karlsbad, gleichzeitig finden auch andere Festivals in Japan statt. Gerade mit Karlsbad gibt es eine lange Zusammenarbeit. Wir teilen uns sogar Gäste und Filmkopien. Es gibt einen Bus, der mit Gästen, Besuchern und Filmkopien von München nach Karlsbad fährt. Ich glaube, dass wir uns zu den 20 wichtigsten Festivals in Europa rechnen dürfen.
  
Weissbarth Was haben Sie ganz bewusst im Vergleich zum Filmfest in den letzten Jahren geändert?
  
Ströhl Ich versuche, das Festival mit einem leichteren, entspannteren atmosphärischen Endruck zu versehen. Ich versuche,eine gewisse Fröhlichkeit und Offenheit für das Pubikum umzusetzen, als ich das selbst als Besucher in den früheren Jahren erlebt habe. Ob das gelingt, kann das Publikum selbst beurteilen.
  
Weissbarth Was ist das ganz konkret?
  
Ströhl Es gibt Veranstaltungen, die früher sehr stark abgeschottet waren, und die wir jetzt etwas zugänglicher gestalten. Zum Beispiel finde ich es wichtig, dass es jeden Tag Kontakte zwischen den Regisseuren und dem Publikum gibt. Weiters finde ich es eine Geste an das Publikum, dass die Abschlußparty für alle offen ist, denn wir sind vor allem ein Publikumsfestival. Das ist immer auch die Stärke des Münchner Filmfestivals gewesen. Ich will damit nicht sagen, dass dies früher sehr dröge war, aber das sind Aspekte, die man stark betonen sollte. Der Versuch, publikumsfreundlicher zu werden, hat sich schon in einem gewissen Anfangserfolg umgesetzt. Schließlich hatten wir im vergangenen Jahr einen Besucherrekord. Es spielt auch eine Rolle, dass die Kinos in Gehweite zueinander liegen. Allerdings hängt dies auch von vielen Faktoren ab, die wir überhaupt nicht beeinflussen können, wie z.B. dem Wetter. Im letzten Jahr hatten wir fantastisches Kinowetter, nämlich bedeckten Himmel, trocken, aber nicht sonnig. Von diesem Wetter profitieren die Kinobetreiber und die Festivals am meisten.
  
Weissbarth In diesem Jahr haben zum ersten Mal auch Jugendliche ein eigenes Programm auf dem Filmfest.
  
Ströhl Das ist ein Versuch, eine Lücke zu schließen. Das Kinderfilmfest ist genau so alt wie das Filmfest, also 23 Jahre. Bisher haben wir die Kinder sehr erfolgreich ansprechen können.  Die Veranstaltungen des Kinderfilmfest sind immer als erstes ausverkauft. Für die Jugendlichen hatten wir bis jetzt kein Angebot. Die Filme auf dem Filmfest haben außerhalb des Kinder- und Jugendfilmfest keine Altersfreigaben. Die Altersfreigaben sind sehr schwierig zu erhalten. Jetzt unternehmen wir den Versuch, auch die 14-18jährigen an uns zu binden, bis sie dann die Filme sehen können, die nur für Erwachsene freigegeben sind. Das ist auch deshalb sehr wichtig, weil Gewohnheiten geprägt werden, die dann sehr lange vorhalten, wie z.B., ob und wie oft man ins Kino geht und mit welcher Offentheit man sich auch ungewöhnliche Filme anschaut. Deswegen ist es uns ganz wichtig, diese Altersgruppe anzusprechen, obwohl uns auch bewusst ist, dass sie sehr schwer ansprechbar ist,  weil sich Jugendliche sehr ungern als "Jugendliche " bezeichnen lassen, sondern gerne als Erwachsene wahrgenommen werden möchten.  Möglicherweise dauert das ein paar Jahre. Wir wollen diesen Versuch unbedingt machen, schon aus Eigennutz, um  dieses Publikum ans Filmfest heranzuführen. Zudem meinen wir, dass es kulturpolitisch und gesellschaftlich notwendig ist, da anzusetzen, wo diese kulturellen Gewohnheiten geprägt werden.
  
Weissbarth Es gibt auch Kurzfilmprogrammme und Kurzfilmpreise auf dem Filmfest München.
  
Ströhl Ja, da ist zum einen der Short Tiger Award, das ist der Kurzfilmpreis der FFA (Filmförderungsanstalt). und der Shocking Shorts Award. Die „Shocking Shorts Night“ ist eine ganze Nacht mit Kurzfilmen. Außerdem zeigen wir die BMW Kurzfilme. Der Preis besteht darin, dass diese Filme produziert werden. Das sind in diesem Jahr drei Filme.
Darüber hinaus zeigen wir noch ein paar japanische Kurzfilme als Anreicherung des Programms. All das tun wir, obwohl die Kurzfilme bei uns nicht im Mittelpunkt stehen. Aber auch das ist eine Frage von Nachwuchsförderung, die uns auch wichtig ist.
  
Weissbarth In diesem Jahr wird Mario Adorf mit dem CineMerit Award geehrt. Was ist an ihm als Schauspieler so außergewöhnlich?
  
Ströhl Das ist ganz besonders außergewöhnlich, dass Mario Adorf ausgezeichnet wird, weil dieser Preis - der CineMerit Award – eigentlich ein Mittel ist, bekannte Namen aus dem Ausland nach München zu holen, um sie hier auszuzeichnen, vor allem wenn sie schon älter sind und vielleicht keinen aktuellen Film haben. Wir haben uns trotzdem für Mario Adorf entschieden, weil er einer der wenigen deutschen Schauspieler ist, der einen internationalen Ruf und internationale Erfahrung hat. Seit Klaus Kinsky ist Mario Adorf wahrscheinlich der bekannteste Name. Die beiden haben auch oft zusammen gedreht. Außerdem wird Mario Adorf in diesem Jahr 75 Jahre alt.Als Münchner Filmfest wollen wir diese Situation wahrnehmen. Mario Adorf ist Wahlmünchner und hat hier studiert. Es ist gut – wenn wir zum ersten Mal einem Deutschen diesen Preis geben - dass dies Mario Adorf ist, der ja sowohl Italiener als
auch Amerikaner ist. Seine Filmografie ist besonders umfangreich. Wir zeigen ihm zu Ehren 6 Filme, die auch die verschiedenen Schaffensperioden spiegeln.
Weissbarth Mit dem Bernhard-Wicki-Filmpreis „Die Brücke“ wird auf dem Filmfest der Film „Sophie Scholl-Die letzten Tage“ von Marc Rothemund ausgezeichnet. Der Preis würdigt Arbeiten, die Brücken schlagen. Welche Brücke schlägt dieser Film?
  
Ströhl Das ist der Friedenspreis des Deutschen Films – so versteht die Preisstifterin diese Auszeichnung. Ich will ihr da nicht vorgreifen. Die Begründung muss Elisabeth Wicki-Endriss geben oder die Laudatoren. Aber es ist offensichtlich, dass es in dem Film „Sophie Scholl - Die letzten Tage“ um die Integrität eines Einzelnen geht, der sich dem grossen Druck stellt.Es ist sicherlich der Friedensaspekt an diesem Film, dass sich da jemand, unter Aufgabe seiner eigenen Existenz, treu bleibt und für eine Sache einsetzt, an die er glaubt.
  
Weissbarth In diesem Jahr gibt es einen japanischen Schwerpunkt sowie die italienische Reihe „Vento d’Italia“ Warum gerade Italien und Japan?
  
Ströhl Ich denke, wir sind das größte Publikumsfestival in Deutschland und das zweitgrößte Filmfestival überhaupt in Deutschland. Es geht uns darum, Filme zu zeigen, die wir für zeigenswert halten, was extrem subjektiv ist. Wir hatten im vergangenen Jahr 65.000 Besucher, was ein neuer Rekord war. Diesem Publikum wollen wir das zeigen, was wir in der aktuellen Welt-Filmproduktion ausfindig machen konnten. In jedem Jahr gibt es deshalb auch andere Akzente. In diesem Jahr ist es ein starker japanischer Akzent. Das ist nicht steuerbar, d.h. wir wollen es gar nicht steuern. Wir suchen Filme, die wir so schön, so gut, so bemerkenswert halten, dass wir sie anderen Leuten auch noch zeigen wollen.
  
Weissbarth Werden die Film in Originalfassung mit Untertitel gezeigt?
  
Ströhl Wir bemühen uns, alle Filme in Originalfassung mit Untertiteln zu bekommen und zwar tendenziell lieber mit englischen als mit deutschen Untertiteln, weil es ein internationales Festival ist und wir auch mehrere tausend Besucher aus dem Ausland haben, worauf wir sehr stolz sind. Damit haben wir gute Erfahrungen gemacht. Die meisten Festivals machen das nicht so. Aber offenbar kann man dem Münchner Publikum zumuten - das ist jetzt wirklich ein Kompliment - Filme mit englischen Untertiteln zu sehen. Zudem ist es oft leichter, englischen Untertiteln zu folgen als einen Film aus Irland, Australien oder Südafrika im Original ohne Untertitel zu verstehen.Beim Eröffnungsfilm z.B., der aus Südafrika stammt, werden wir deutsche Untertitel anbieten. Ansonsten steht im Programmagazin, im Internet und im Katalog, welche Sprachfassung jeweils gezeigt wird. Mit durchschnittlichen Englischkenntnissen kommt man ganz gut zurecht.
  
Weissbarth Sie haben den Begriff „Isarmeile“ geprägt…….
  
Ströhl Die Kinos liegen alle in Gehweite zueinander auf der von uns sogenannten "Isarmeile", das ist das Rio l und ll am Rosenheimer Platz sowie der Gasteig gegenüber. Im Gasteig benutzen wir den Carl-Orff-Saal und den Vortragssaal der Bibliothek sowie eine Landwand, die wir im Cilibidache-Forum, also im Innenhof, aufbauen, außerdem bespielen wir da ein Podium im ersten Stock, sowie die Blackbox und verschiedene andere Räume, dann die zwei Inselkinos am Deutschen Museum und die 7 Kinos im Max am Isartor und das Filmmuseum. Karten gibt es am allerleichtesten im Internet. Da sind sie auch 50 Cent billiger, ansonsten an den Vorverkaufsstellen an den Kinos selbst oder im Gasteig und im Presse- und Gästezentrum im Forum sowie im Max.
  
Weissbarth Was ist das besondere in diesem Jahr?
  
Ströhl Die größte auffallendste Änderung, die wir im Vergleich zu den vergangenen Jahren haben, ist sicherlich der Japanschwerpunkt mit 44 Filmen aus Japan. Es gibt zum ersten Mal ein Jugendfilmfest und nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder eine italienische Reihe.
  
Weissbarth Gibt es Highlights, die man dem Publikum besonders hervorheben sollte?
  
Ströhl Es ist sehr schwer, Filme besonders hervorzuheben. Der Eröffnungs- und Abschlussfilm ist ja ohnehin schon ausgezeichnet. Ein Film, den ich besonders betonen möchte, ist CRASH von Paul Haggis. Paul Haggis ist der Drehbuchautor von „Million Dollar Baby“, der den Oskar als bester Film bekommen hat. Crash ist sein erster Film, es ist ein Assemblefilm, vage zum Thema Rassismus, aber überhaupt nicht didaktisch. Es ist ein äußerst spannender, gut gemachter Film mit einem Dutzend Hollywood-Stars wie Matt Dillon und Sandra Bullock. Wir zeigen die europäische Premiere dieses Films.
  
Weissbarth Können Sie Highlights aus der Gästeliste nennen?
  
Ströhl Es kommen sehr viele Regisseure. Es ist ja ein Festival, auf dem wir versuchen, Regisseure mit dem Publikum in Kontakt zu bringen. Wir erwarten etwa 80 Regisseure, die fast alle auf einem Podium im ersten Stock im Gasteig im Gespräch mit dem Publikum präsentiert werden. Jeder kann an diesen Gesprächen teilnehmen. Wir haben natürlich auch viele Schauspieler wie Daniel Brühl, August Diehl, Hannelore Hoger, Judi Dench aus England, die große Dame des britischen Theaters und Films. Mit dieser Aufzählung tu ich natürlich vielen unrecht. In nenne nur die, die mir als erstes einfallen. Es sind mehrere der Hauptdarsteller des Eröffnungsfilms aus Südafrika da. Die Liste ist im Internet abrufbar.
  
Weissbarth Welche Begleitveranstaltungen gibt es?
  
Ströhl Es gibt jeden Tag eine ganze Fülle von Begleitveranstaltungen, sowohl Fachveranstaltungen wie Diskussionen in der Black Box wie auch die bereits erwähnten Gespräche mit den Regisseuren meist gegen 22.45 Uhr. Wenn die letzten Vorführungen begonnen haben, kommen die Regisseure dort auf das Podium. Außerdem gibt es eine ganze Menge Parties, die meist von Filmproduzenten veranstaltet werden.
Es gibt am Samstag, den 2. Juli ein Abschlussfest im Innenhof des Gasteig für alle. Jeder ist willkommen. Es spielt eine japanische Band passend zum Japanschwerpunkt. Darüber hinaus gibt es noch einige japanische Begleitveranstaltungen. Verleiher und Produzenten richten ihre eigenen Parties aus, über die wir selbst nicht informiert sind.

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