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Wim Wenders „Don’t Come Knocking
WIM WENDERS wurde 1945 in Düsseldorf geboren. Er brach sein Studium der Medizin und Philosophie ab, um Maler zu werden und entdeckte schließlich in Paris seine Liebe zum Kino.

In München besuchte er die Filmhochschule und dreht und produziert seit 1971 Filme. Auszeichnungen in Cannes, Venedig und Berlin hat er u.a.für Filme erhalten wie
„Die Angst des Torwarts beim Elfmeter“ (1971)
„Im Lauf der Zeit“ (1976)
„Der Stand der Dinge“ (1982)
„Paris, Texas“ (1984)
„Der Himmel über Berlin“ (1987)
„In weiter Ferne, so nah!“ (1993) und
„The Million Dollar Hotel“(2000)
Mit seinem letzten Film „Don’t Come Knocking“ war Wenders zum achten Mal im Wettbewerb von Cannes vertreten.
Der Film erzählt die Geschichte des Westernhelden Howard Spence (Sam Shepard), der frustriert vom Filmleben eines Morgens auf seinem Filmpferd in seinem Kostüm das Set verlässt, um in das wirkliche Leben einzutreten.

Erstmal fährt er zu seiner Mutter (Eva Marie Saint), von da nach Butte in Montana, wo er eine Frau (Jessica Lange) wiederfindet, die er einst geliebt hatte. Doreen, ihr gemeinsamer Sohn sowie eine Tochter aus einer anderen Liaison das sind die Menschen, die ihm nun einen Sinn in seinem Leben geben könnten…………
Das Drehbuch zu dem Film schrieb Sam Shepard zusammen mit Wim Wenders und übernahm auch die Rolle des Howard. Sam Shepard hatte bereits vor 20 Jahren die Geschichte „Paris, Texas“ für Wim Wenders erzählt.
Ein Interview von Christine Weissbarth mit Wim Wenders über seinen Film „Don’t Come Knocking.
| Weissbarth |
Was ist der Grundkonflikt, in dem Howard steckt?
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| Wim Wenders |
Der Hauptkonflikt für Howard ist, dass er immer Hauptrollen gespielt hat, dass er immer Held war, bis er eines Morgens aufwacht und realisiert, dass er in dem Film seines eigenen Lebens nicht einmal Statist ist. Wäre er in dieser Nacht krepiert, hätte ihm niemand eine Träne nachgeweint. Er erkennt plötzlich, dass er von seinem ganzen Leben nichts vorzuweisen hat und das gibt den Ausschlag seines Wandels. Eines Morgens ist der Held und die Freiheit des Westerns, an die er geglaubt hat, nichts mehr wert.
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| Weissbarth |
Steht Howard damit möglicherweise stellvertretend für den Mythos des amerikanischen Traums?
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| Wim Wenders |
Er verkörpert ihn ein bisschen. Der Cowboy ist ja die amerikanische Männerfigur schlechthin. Zwischendrin wurde diese Figur mal ersetzt durch Astronauten, aber die haben sich nicht so richtig gehalten. Der Cowboy war der Inbegriff des freien Mannes, deswegen wurde er ja auch in der Reklame zum Marlboro-Man. Und der Mythos, den man damit verbindet, und den wahrscheinlich auch Howard sein Leben lang damit verbunden hat, ist ein einziger Fake. Da ist nichts dahinter, davon kann man nicht leben, darauf kann man nicht bauen, das ist nur Schein. |
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| Weissbarth |
Hat der 11.September den amerikanischen Traum beendet?
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| Wim Wenders |
Ja, der 11.September 2001 ist der abschließende Beweis, dass der amerikanische Traum vorbei war. Das kam aber nicht plötzlich. Der amerikanische Traum hat sich über die letzten 20, 30 oder vielleicht sogar 50 Jahre langsam verduftet. Irgendwie war es dann letztendlich nur noch das Kino, das ihn aufrecht erhalten hat, die Politik hat noch ein bisschen davon profitiert, geglaubt hat aber schon längst niemand mehr daran. |
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| Weissbarth |
Was ist der amerikanische Traum konkret?
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| Wim Wenders |
Vielleicht war der amerikanische Traum von Anfang an nur der Traum von der großen Unabhängigkeit und der Freiheit. In unserem Film ist diese große Unabhängigkeit und Freiheit auch nichts anderes als eine Verantwortungslosigkeit. Howard hat keine Verantwortung übernommen, er hat nichtmal eine Bindung eingegangen und sich letzten Endes vor allem gedrückt. Vielleicht ist das auch eine politische Metapher. |
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| Weissbarth |
Sie haben das Drehbuch und die Demontage des amerikanischen Traums zusammen mit dem amerikanischen Schriftsteller Sam Shepard geschrieben.
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| Wim Wenders |
Sam Shepard ist der größte lebende amerikanische Theaterautor. Das ist der Tennessee Williams der Jetztzeit. Auf Ihre Frage würde der ihnen antworten, dass der amerikanische Traum seit langer Zeit nur eine Farce ist. |
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| Weissbarth |
Howard ist 60. Hat das einen bestimmten Grund, erkennt man die Welt mit 60 neu oder hinterfrägt man in diesem Alter vieles nochmals?
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| Wim Wenders |
60 deshalb, weil uns beiden die Idee zu diesem Film gekommen ist, als wir um die 60 waren und weil Sam die Rolle spielen wollte. Ich glaube, das Alter selbst hat keine Relevanz. Es hätte auch einem 50-jährigen passieren können. Nur glaub ich, hätte ich den Film noch nicht als 40- oder 50-jähriger drehen können, weil ich den Film Howard ist ja eine tragische Figur - zu tragisch hätte werden lassen. Ich denk es war ganz gut, dass wir beide in dieses weise Alter gekommen sind, in dem wir uns auch selbst nicht mehr so ernst nehmen, sodass Howard auch komische Züge bekommen hat und er letzten Endes ja auch so ein Don Quichotte geworden ist, den man zwar nicht ganz ernst nimmt, den man aber auch nicht so ganz abschreiben kann. |
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| Weissbarth |
Sam Shepard hat bis dahin immer ernste Rollen gespielt
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| Wim Wenders |
Als wir das geschrieben haben, ist Sam immer an der Schreibmaschine gesessen und hat gekichert. Als ich es gelesen habe, habe ich ihn dann gefragt, ob er das überhaupt spielen könnte. Sam hat ja in ungefähr 50 Filmen mitgespielt, aber immer ernste Rollen, so wie in dem Kriegsfilm „Stealth“ den Schiffskapitän. Er ist immer entweder Militär, Richter oder Astronaut, aber eigentlich immer trocken, so ein Gary Cooper, so einer, der nicht lacht aber auch vor allem nicht über sich selbst lacht. Ich wusste, wenn er das nicht spielen kann, dann wird der Film nichts. Und dann hat er gesagt, er wüßte das auch nicht. Er wusste aber, um zu solch einer Rolle zu kommen, müsste er sie sich selber schreiben. Das ist ja das Los aller Schauspieler, dass die Komiker Komiker bleiben, und die, die irgendwann mal den tragischen Helden gespielt haben, bekommen nie die Komiker-Rolle. |
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| Weissbarth |
Inwiefern hat die Geschichte des Howard mit der Lebensgeschichte von Sam Shepard zu tun?
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| Wim Wenders |
Sam hatte wohl in seiner langen Karriere mal eine Phase, in der er so eine Art Howard war, also zumindest was den Alkohol betraf und vielleicht auch was die Mädels betraf, aber das ist lange her. Er hatte also gewisse Ressourcen, auf die er sich verlassen konnte, aber gleichzeitig steht Sam weit neben Howard, und das war auch gut. Sam hat zwei Kinder, für die er immer da war, er hat eine Farm mit Pferden und Kühen und lebt mit seiner Frau seit 20 Jahren zusammen. Allerdings weiß er sehr viel über einen Mann wie Howard, ich glaube auch deswegen, weil sein Vater so ähnlich war. Ich glaube fast, er hat sich in dem Drehbuch mehr auf seinen Vater bezogen. |
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| Weissbarth |
Ist das Ihnen persönlich schon mal passiert, dass am Set jemand abgehauen ist?
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| Wim Wenders |
Peter Falk ist immer abgehauen. Aber nicht weil er keinen Bock mehr hatte, sondern weil er die Stadt Berlin so toll fand und weil er absolut keinen Ortssinn hatte. In den Drehpausen sagte er “ich geh mal kurz spazieren”. Einige Male mussten wir ihn mit der Polizei suchen lassen, weil er in völlig anderen Stadtbezirken auftauchte und nicht mehr wusste, wie er zurückkam. Wir haben dann schließlich jemanden beauftragt, der mit einem Walkie Talkie immer hinter ihm herging. Das war aber der einzige Schauspieler, der bei mir „abhauen wollte“. Manchmal wäre man ja froh, wenn einer abhauen würde, dann könnte man endlich umbesetzen. |
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| Weissbarth |
War das von Anfang an klar, dass Sie den Film mit dem Ehepaar Sam Shepard/ Jessica Lange besetzen würden.
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| Wim Wenders |
Ja, Sam sollte von Anfang an Howard spielen und Jessica wollte ich als Doreen haben. Ob ich sie kriegen würde, stand auf einem anderen Blatt. Wir haben 2000 angefangen, das Buch zu schreiben und wollten 2003 schließlich drehen. Letzten Endes hätte ich Jessica nicht gekriegt, weil beide Kinder noch in die Schule gingen und Sam auf jeden Fall den Howard spielen wollte. Die beiden hatten die Absprache, wenn der eine dreht, bleibt der andere bei den Kindern. Das hat sie mir auch angedeutet. Aber dann mussten wir wegen der Finanzierung um ein Jahr verschieben. 2004 hatte die Tochter von Sam und Jessica ihr Abitur und der Sohn war inzwischen auch 16. Nun hatte ich das Privileg, zum ersten Mal seit 20 Jahren mit beiden gemeinsam zu arbeiten. Als es schließlich klar war, dass Jessica die Rolle übernehmen könnte, hat Sam in der letzten Woche vor dem Dreh nochmals sämtliche Dialoge für sie umgeschrieben. Und nochmal richtig an allen Szenen gefeilt, und es ihr wirklich auf die Haut geschrieben. |
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| Weissbarth |
Wie haben Sie die Geschichte zusammen mit Sam geschrieben?
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| Wim Wenders |
Wir haben uns nicht die Geschichte ausgedacht, sondern überlegt, mit welcher Figur wir eine Geschichte erzählen wollen. Wir haben alles mögliche probiert, bis wir auf so einen wie Howard gestoßen sind. Wir haben schließlich begonnen, mit Howard langsam eine Szene nach der anderen zu schreiben. Sam schreibt nämlich nicht wie jeder andere Drehbuchautor der Welt, der sich erst eine Geschichte ausdenkt, sondern er schreibt Szene für Szene. Wir haben die Geschichte Szene für Szene hintereinander chronologisch erfunden, als ob wir sie selbst erlebt hätten. Ich wusste zur Hälfte auch nicht, ob noch neue Figuren kommen, wer da noch auftaucht, wo die Geschichte hinführt. Das hatte keine Dramaturgie, Sam verlässt sich nur auf seine Figuren. |
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| Weissbarth |
Das ist ja recht abenteuerlich.
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| Wim Wenders |
Eigentlich schon. Man sitzt da, hat natürlich viele Ideen als Regisseur, wie es weitergeht, und plötzlich geht es in eine ganz andere Richtung. Durch seine Theaterarbeit ist Sam völlig charakterbezogen, er arbeitet im Theater und im Film nur von den Charakteren her. Für mich war das eine tolle Erfahrung, weil dies der Geschichte ein ganz anderes Leben gibt. Aber man muss geduldig sein. Es waren nur die Figuren da. Wenn Howard vom Drehen abhaut, dann können die das doch nicht gut heißen, die werden ihn ja wohl suchen. So haben wir diese Parallelgeschichte zur Howard-Geschichte, eben diesen Detektiv Sutter eingesetzt. Ob der ihn schließlich finden würde, war erstmal auch nicht klar. |
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| Weissbarth |
Wie sieht das Drehbuchschreiben zu zweit konkret aus?
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| Wim Wenders |
Wir haben an vielen Orten geschrieben, in vielen Hotelzimmer in Los Angeles, in New York, in Sams Jagdhütte, die auf seiner Farm in Kentucky in einem kleinen Wald steht, wir haben unterwegs geschrieben, auch in Butte, wo der Film spielt. Wir saßen im Prinzip immer in einem Raum, Sam hat seine gute alte deutsche Reiseschreibmaschine und dann schreibt er eine Szene auf, die wir vorher diskutiert haben, dann lese ich sie, daraufhin diskutieren wir sie nochmals, es schreibt jeder mit der Hand etwas rein. Dann kommt die entscheidende Frage, nämlich „Was jetzt?“ Das heißt aber nicht die nächsten 3 oder 4 Szenen, sondern nur die nächste Szene. Was ist das nächste, das passieren sollte. Und dann the same procedure again. Manchmal hab ich gesagt, das find ich jetzt blöde, dann hat er mich entweder überzeugt, dass das gut war, oder er hat dann wieder neu angefangen. Wir haben das wirklich Szene für Szene zusammen gemacht. Und sobald ich mal nicht da war, hat Sam auch keine einzige Seite mehr weiter geschrieben. Er hat zwar gesagt, ich versuch mal die nächste Szene, ich schick sie dir dann, aber sie ist nie gekommen. Es hat auch nie länger als 2 Wochen gedauert, dann war nämlich bei ihm die Puste weg oder er hatte einen Job als Filmschauspieler oder es war Ernte auf der Farm, oder die Kühe mussten vom Berg runter in die Ställe gebracht werden, oder er hatte ein neues Pferd das war dann alles immer wichtiger. |
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| Weissbarth |
Was interressiert Sie speziell an dem Typ Howard, der einsam ist, der in seiner Sehnsucht nach einem neuen Sinn in seine Vergangenheit reist?
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| Wim Wenders |
Ich finde, er ist so ein Archetyp und für viele Leute ist das nach wie vor irgendwie eine Referenz. Die amerikanischen Männer haben zu lange an diese Referenzen geglaubt und sind konfliktunfähige Menschen. Howard ist ja wirklich konfliktunfähig und ohne Verantwortung. In Amerika gibt es diesen Mann, der abhaut noch mehr als bei uns. Es ist ein bißchen dadurch begünstigt, dass das Land so wahnsinnig groß ist, dass die Möglichkeiten so unendlich sind, irgendwo hinzufahren. Man muss sich nicht mal anmelden. Es gibt keine Anmeldepflicht, wenn man weg ist, ist man weg. |
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| Weissbarth |
Frauen übernehmen mehr Verantwortung?
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| Wim Wenders |
Ich finde, dass Frauen sowohl in Amerika als auch in Europa mehr Verantwortung übernehmen, zumindest Frauen mit Kindern, manchmal notgedrungen, manchmal einfach aus ihrer Natur heraus, weil sie die Mütter sind und die Kinder in die Welt gesetzt haben. Und Frauen sind tatsächlich das ist die Erfahrung in meinem Leben konfliktfähiger bzw. unfähiger, einen Konflikt ruhen zu lassen. Also meine Frau - wenn wir irgendwie einen Zoff haben - die geht nicht ins Bett, bis das nicht aus der Welt ist. Dass wir mal darüber schlafen das kommt überhaupt nicht vor, das geht nicht, die kann das nicht. Das muss auf den Tisch, und wenn das nicht vom Tisch runter ist, dann liegt sie die ganze Nacht wach, während ich selig schlafe. Ich hab da viel davon gelernt. Ich finde es inzwischen auch gut, Konflikte zu beheben und sie zumidest erstmal anzugehen, statt zu denken, das wird schon. |
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| Weissbarth |
Ist der Amerikaner im Vergleich zum deutschen, zum europäischen Mann noch konfliktunfähiger?
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| Wim Wenders |
Ich glaube, der Amerikaner ist ein bißchen konfliktunfähiger. Howard lebt das ja auch vor, er weiß ja nicht, wer er ist. Er glaubt etwas, was einfach nicht stimmt. Er benimmt sich entsprechend dümmlich und wenn er wirklich selbst mal was sagen soll, hat er nichts drauf. Wenn er mal seinen eigenen Dialog sagen soll, dann sagt er nichts mehr, oder nur noch so dummes Zeug.
Richtig verheerend ist es im ansonsten wunderbaren Kontinent Australien. Da sind die Männer durchgehend Witzfiguren. Wirklich, in der ganzen Filmindustrie sind nur Frauen. Sie finden da keinen männlichen Produzenten. Ich habe in Australien gedreht, aber ich habe nur Frauen kennengelernt. Mein australisches Team bestand nur aus Frauen. Die Männer waren alle hoffnungslos auf Fußball und Bier aus, aber ansonsten war nichts mit ihnen anzufangen. |
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| Weissbarth |
Kann man eine ähnliche Geschichte auch in Deutschland erzählen?
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| Wim Wenders |
Ich könnte mir schon vorstellen, dass man eine ganz ähnliche Geschichte in Deutschland erzählen kann. Ich bin aber zu Sam Shepard gegangen weil ich wusste, der wird mir keine Geschichte schreiben, die während der französischen Revulotion spielt und auch nicht in Bayern. Der kennt seine Gegend, das ist der Western und sein Thema ist die abgefuckte amerikanische Familie. Alle seine Theaterstücke handeln davon, und wenn man mit ihm was machen will, dann weiß man schon, was man kriegt. Und das wollte ich ja. In Deutschland würde ich das wahnsinnig gern mal erzählen und das mach ich auch als Nächstes. |
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| Weissbarth |
Sie waren jetzt acht Jahre in Amerika. Was hat Sie so fasziniert an diesem Land, wieso sind Sie so lange geblieben und haben dort die Filme gedreht und nicht hier?
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| Wim Wenders |
Ich bin hier weg in einer Zeit wo ich Deutschland richtig ein bißchen dicke hatte. 1996 war einfach nur so eine miese Stimmung, alle Leute waren schlecht drauf. Nicht nur in Berlin, wo ich gelebt habe, sondern überhaupt. Die Ossis hassten die Wessis und die Wessis die Ossis und jeder hat gemeckert und da hab ich gedacht, jetzt muss ich mal woanders hin. Inzwischen habe ich acht Jahre in Amerika gelebt und jetzt find ich Deutschland auch politisch gesehen ein richtig lebendiges und politisch durchaus gesundes Land, wo Sachen ausgesprochen werden und wo es um Sachverhalte geht, wo es Alternativen gibt, wo die Menschen informiert sind. Ich werde hier im Fernsehen und von den verschiedensten Zeitungen ganz ordentlich informiert.
In Amerika sind die Leute ja tragisch uninformiert und zwar über lange Zeit hinaus, nicht erst seit Bush, obwohl es immer schlimmer geworden ist. Die meisten Amerikaner in so einer Kleinstadt wie Butte wissen nicht, dass in Deutschland die Mauer weg ist, die meisten wussten nicht einmal, dass es je eine gab. Sie haben von der Welt keine Ahnung und sind auch nicht daran interessiert. Es wählt jeder dritte. Da ist gar kein politisches Bewußtsein, vor der letzten Wahl hat sich ein bisschen soziales Bewusstsein geschärft. Aber die Amerikaner sind in dieser Hinsicht unglaublich, sie sind durch das amerikanische Fernsehen und dadurch, dass es letzten Endes keine Zeitungen mehr gibt, so gemacht worden. Es ist ziemlich tragisch, dass ein Land, das so eine politische Macht hat, nach Innen hin so ein Vakuum hat. Butte ist eine ganz lebendige kleine Stadt. Die ist nämlich in diesem erzkonservativen Montana, 90% republikanisch, also richtig finsterste republikanische Provinz. Butte dagegen ist eine ganz linke, liberale Stadt, die eine lange Arbeitergeschichte hat. Da sind Frauengewerkschaften gegründet worden, es gab Streiks. Butte ist ein erstaunliches liberals kleines Städtchen. |
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| Weissbarth |
Haben Sie sich Butte auch wegen Dashiell Hammett ausgesucht, dessen mysteriöse Stadt „Poisonville“ in seinem Roman „Red Harvest“ auf Butte beruhte?
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| Wim Wenders |
Dashiell Hammetts Roman „Bluternte“ ist nach wie vor mein Lieblingsroman in der amerikanischen Literatur im 20. Jahrhundert. Da gibt es Streiks und Streikbrecher, da werden Leute gelyncht und es gibt Banküberfälle. Das hatte er alles in den 20er Jahren als Detektiv selbst erlebt. Und da wird der Gewerkschaftsführer umgebracht usw.. In meinem Film sieht Amerika ja eigentlich schöner aus. Die kleine Stadt Butte ist richtig schön gemalt und gezeichnet. Und ich hab ja auch mein Abschiesbild versucht so liebevoll wie möglich zu malen, ich wollte mich da auch nicht mit dem blauen Brief verabschieden. |
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| Weissbarth |
Ist das Nostalgie?
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| Wim Wenders |
Das ist auf jeden Fall in gewissem Sinne nostalgisch, weil es die Welt, die da vorkommt, nicht mehr gibt, es ist auch ein Genre, das nicht mehr existiert. In jedem Abschied ist immer ein bisschen Wehmut. Auch das Filmemachen ist für mich wie vor langer Zeit. Ich habe die letzten 4 Filme davor mit kleinem Team digital gedreht, schnell und spontan, mehr dokumentarisch. In „Don’t Come Knocking“ habe ich gearbeitet wie anno dazumal, so richtig mit einer Cinemasope- Kamera und großes Equipment, alles auf Schienen, die Schauspieler müssen erst 3 Stunden in die Maske, bevor man eine erste Einstellung machen kann - also mit so einem Troß von 80 bis 100 Leuten, die man bewegen muss, bis man überhaupt erst anfangen kann. Das ist richtig klassisches Filmemachen wie vor langer Zeit. Das hab ich selbst auch seit ewigen Zeiten nicht mehr gemacht. Ich weiß auch nicht, ob ich das je wieder mache, das ist ja so eine Art Luxus inzwischen geworden, so zu arbeiten. Es macht aber irrsinnig Spaß. |
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| Weissbarth |
Wie haben Sie die Weite in Amerika erfahren im Gegensatz zu der Enge in Europa?
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| Wim Wenders |
Die Weite Amerikas ist eine physische Weite und es ist gleichzeitig, wenn man irgendwo hinkommt dann auch eine traurige Enge, im Kopf. Amerika ist zutiefst provinziell. Es gibt diese herrlichen Landschaften, und gleichzeitig zählt alles, was keinen Profit macht, nichts. Unter Bush werden zurzeit alle National Parks zu Freizonen erklärt, um abzuholzen oder in Alaska nach Öl zu suchen oder an einem anderen Ort um Erze zu suchen. Es zählt nur Profit. Eine Stadt wie Butte verkommt und ist bereits eine Geisterstadt, weil die Amerikaner für ihre eigene Geschichte nicht den Sinn haben. Butte ist ja eine Stadt wie im Ruhrgebiet, eine reine Grubenstadt. Hier im Ruhrgebiet, da machen sie aus den ehemaligen Industrieanlagen Adventure Parks draus oder Theater. Auf so eine Idee kämen die Amerikaner überhaupt nicht. Das muss dort abgerissen werden. |
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| Weissbarth |
Wie hat sich Amerika verändert, im Vergleich zu vor 20 Jahre, als Sie „Paris, Texas“ gedreht haben?
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| Wim Wenders |
Amerika sah damals anders aus. Amerika war damals noch nicht ganz so provinziell und noch nicht ganz so narzistisch. Der 11. September hat verheerenden Schaden angerichtet, insofern, als er die Amerikaner, die sowieso immer sehr auf sich selbst bezogen waren und sich immer selbst betrachten, noch mehr auf sich selbst zurückgeworfen hat. Nun gab es nicht mehr nur die Schurkenstaaten, sondern auch Europa wurde zum Feindesland. Die Deutschen und die Franzosen waren die, die nicht mitmachen wollten, die sich drückten, es wurden Feindbilder kreiert. Deutsche Autos wurden nicht mehr gekauft und französischer Wein nicht mehr getrunken. Wir sind ins 21. Jahrhundert gekommen, während die Amerikaner mental zurückgewandter sind. Wenn ich mich zurückerinnere, in den 68er sind wir auf die Straße, auch in den Knast gegangen wegen Vietnam, aber immerhin hat Amerika das selbst verarbeitet. In den 70er Jahren war Vietnam im Bewusstsein der amerikanischen Bevölkerung ein Fehler. Sie wussten, da haben sie Scheiße gebaut. Heute ist es in Amerika anders. Allerdings beginnt sich das zurzeit ja wieder zu ändern - inzwischen sind sich ja über die Hälfte der Amerikaner nicht mehr so sicher, ob der Krieg im Irak nicht genauso ein Fehler war. Vor 2 oder 3 Jahren waren noch 90% der Bevölkerung für den alleinigen Marsch Amerikas gegen den Rest der Welt. Patriotismus pur. |
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| Weissbarth |
In „Don’t Come Knocking“ sind die Jugendlichen sowohl die Leidtragenden als auch die Hoffnung
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| Wim Wenders |
Ja, die Jugendlichen in Amerika sind die Leidtragenden. In Europa sind sie nämlich mitten in der Welt. Sie haben die unterschiedlichsten Nachbarn, Sprachen und Informationen sowie die verschiedenen Kulturen. In Amerika kann man genauso lang reisen wie quer durch Europa mit dem Europapass, jedoch hat man nie irgendetwas anderes gesehen. |
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| Weissbarth |
Kann denn durch die Amerikanisierung, die seit Jahrzehnten unverändert anhält, bei uns auch so eine Entwicklung stattfinden, dass alles kommerziell und unpolitisch wird?
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| Wim Wenders |
Das ist natürlich die Gefahr. In Italien ist das zum Teil auch der Fall, obwohl die Italiener eine andere Art von Humor haben und sich Widerstand in der Presse auftut, und doch wird vieles gleichgeschaltet. Ich glaube, dass dies letzten Endes nicht mehr ein Problem der Amerikanisierung, sondern der Globalisierung ist. Die Globalisierung ist ein Problem von großen Cooperations, die zwar in vieler Hinsicht amerikanisch kontrolliert sind, aber auch autark agieren, das ist ja so eine Art Nebenweltregierung geworden.
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| Weissbarth |
Glauben Sie auch an negative Folgen der Globalisierung im Kino?
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| Wim Wenders |
Im Kino ist das überhaupt nicht mehr so, glaube ich. Wenn in diesem Jahr so wenig Leute ins Kino gegangen sind, auch in Amerika, dann ist das m.E. nur deshhalb, weil sie keinen Bock mehr haben auf immer dasselbe, nochmals einen Batman will doch keiner, das ist so eine Art Recycling von Ideen. Die Leute wollen etwas anderes. Viele Leute gehen ja heute ins Kino, um dort einen Dokumentarfilm zu sehen, die wissen erstmal oft gar nicht, wovon der handelt, aber es ist erstmal interessant, das ist dieser Hunger nach etwas anderem und nicht nur special effects. Diese amerikanische Kultur, das ist ja eine reine Erfindung, und die wird den Jugendlichen genauso aufgepfropft wie die shopping malls quer durch Amerika. |
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| Weissbarth |
Was machen Sie jetzt als erstes in Deutschland?
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| Wim Wenders |
Erstmal werde ich eine Weile reisen. Es gibt nämlich viele deutsche Gegenden, die ich gar nicht kenne. Ich kenne ja Nevada und Montana viel besser als Deutschland, in Nevada kenne ich jede Straße und jedes Kaff, das kann ich Ihnen versprechen. Nevada ist so groß wie Bayern, aber es gibt nicht viele Städte da, sondern nur Wüste. Insofern war es dort sehr einfach. Ich musste nur 10 Städte kennen, um zu entscheiden, wo wir drehen und diese Städte habe ich mir alle angeschaut.
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| Weissbarth |
Wenn Sie zurückblicken.. welche Filme sind für Sie persönlich die wichtigsten?
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| Wim Wenders |
Ich glaube, der erste richtig wichtige Film für mich war
“Alice in den Städten” (1973)
- es war mein vierter Film -, denn erst da habe ich gemerkt, dass das Kino etwas ist, wo ich was zu suchen habe, da kann ich was, was kein andrer kann, da kann ich was ganz Spezifisches, und das wollt ich rauskriegen, ob ich was machen kann, was nicht genausogut jeder andere machen könnte. Sonst hätte ich auch weitermalen und schreiben können. Und das hab ich mit “Alice in den Städten” rausgekriegt, dass ich was Eigenes zu erzählen hatte, und dass ich auch wusste was ICH mit diesem Handwerkszeug ganz persönlich anfange und nicht nur Angelerntes umsetze. Danach war für mich ganz wichtig
„Paris, Texas“ (1984),
weil ich da zum erstenmal richtig vorbehaltlos draufloserzählt habe. Bis dahin waren meine Geschichten ja eher zurückhaltend. Ich habe den Geschichten nie so richtig geglaubt, ich habe meine Geschichten eher so als Konglomerat von Situationen erzählt, aber ich habe an das Erzählen nicht so richtig geglaubt. Das ist mir erst mit „Paris, Texas“ gelungen.
„Der amerikanische Freund“ (1977)
war nach einer Vorlage, nach einem Roman, den ich ganz toll fand, das war also keine Kunst, aber mit „Paris, Texas“ war das anders. Bei dem Film
„Der Himmel über Berlin“ (1987)
habe ich dann etwas ganz anderes gemacht. Der Film ist ohne Drehbuch entstanden, ich habe keine Geschichte erzählt, ich habe nur eine Stadt erzählt. Wie man ein Gedicht schreibt, so habe ich jeden Tag eine Zeile dazugeschrieben. Der Film war komplett improvisiert. Gegen jede Erwartung hatte ich mit diesem Film einen großen Erfolg in der ganzen Welt, größer als mit „Paris, Texas“, und der war schon gut gelaufen. Ein amerikanisches Studio, „Disney“ hatte mir dann später Geld geboten, um ein Remake zu machen. Für einen Film, den man nicht geschrieben hat (ich hatte ja kein Drehbuch und keine Geschichte), Remakerechte zu verkaufen, das gab es noch nie, also habe ich es angenommen. Der Film wurde erstmal nicht gemacht, das Studio hatte ihn für 10 Jahre. Im 9. Jahr hatten sie dann plötzlich ein Drehbuch, ich hatte sogar ein Veto, wenn es schlecht gewesen wäre. Aber ich fand das Buch nicht schlecht, es waren auch gute Schauspieler. Ich habe dann die Preview des Films „City of Angels“ von Brad Silberling gesehen (die Amerikaner machen ja immer Previews), da waren so 1000 Leute, die alle Zettel hatten, auf denen sie schreiben sollten, wie ihnen der Film gefallen hat. Ich saß in der letzten Reihe und hatte mich ganz klein gemacht, weil ich auf das Schlimmste gefasst war und bin aber dann im Laufe des Films doch aufrecht gesessen, der Film war für einen Hollywoodfilm ganz „erwachsen“, es gab keine Gewalt, das Ende war jedoch düster. Es war auch viel mehr Geschichte als bei mir, es war dauernd was los. Dann gab es da noch die alten Herren aus Kuba, die haben etwas richtig Neues in meiner Arbeit angerissen.
„Buena Vista Social Club“ (1998)
war eine grandiose Erfahrung, eine Art Geschenk. Ich war zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle und hab mich mit denen gut verstanden, was auch wichtig war. Es hat sich nie wie Arbeit angefühlt, sondern war einfach immer nur wie ein königliches Vergnügen. Dass der Film dann so aufgenommen wurde, dass er die „alten Herren“ dann nochmals zu den Beatles der 90er Jahre gemacht hat, war schon toll. Und dann kam
„Don’t come knocking“,
ein Film, der für mich ein wichtiges Kapitel aufschlägt, vielleicht die Leichtigkeit, die es in diesem Film gibt, vielleicht auch, was mir in dem Film mit den Frauen gelungen ist, dass die so lebendig sind, was ich noch nie so hingekriegt hatte. Oder dass ich überhaupt so ein tolles Ensemble hatte. |
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| Weissbarth |
Wie erzählen Sie Geschichten über Frauen?
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| Wim Wenders |
Als Mann habe ich mir meine Kinofiguren so zusammengewünscht und geträumt. Diesen Fehler habe ich ganz am Anfang mit
„Der Scharlachrote Buchstabe“ (1973)
und Senta Berger gemacht die habe ich mir auch so zusammengewünscht und das war nichts. Als Mann kann man seine Männerfiguren aus sich selbst heraus entwickeln, man kann sich damit identifizieren oder etwas projizieren, jedoch mit den Frauen funktioniert das nicht. Die muss man da stehen lassen. Denen kann man zugucken, die darf man sich als Mann nicht so zusammenwünschen wie man mag. Und das ist mir zum ersten Mal mit Nastassja Kinski in „Paris, Texas“ gelungen. Das lag auch an Sam Shepard, der hat es so geschrieben. Bei dem Film „Don’t Come Knocking“ habe ich gewusst, wenn ich die Mutter und die Doreen sowie die Tochter zu drei Wunschfrauen mache, wie ich mir Frauen vorstelle, dann wird das verheerend. Die wären dann wieder so papieren, so leblos geworden.
Mein größtes Trauma ist die Hanna Schygulla. Ich fand sie so toll in allen Filmen von Fassbinder, sie war das sprühende Leben. Dann habe ich einmal mit ihr gedreht, in dem Film
„Falsche Bewegung“ (1975)
da war der ganze Wind raus. Die Männer in dem Film waren ganz gut, aber Hanna Schygulla war ein Schatten ihrer selbst, und das muss an mir gelegen haben, weil sie davor bei Fassbinder so gut war und danach auch. Dann habe ich lange Zeit Filme gemacht, die mehr von Männern gehandelt haben.
In dem Film „Don’t Come Knocking“ habe ich mit drei Frauen gearbeitet Jessica Lange, Eva Marie Saint und Sarah Polley die die Kraft hatten, mir genau zu zeigen, wie die sein könnten. Wenn man seine Figuren idealisiert, dann macht man einen großen Fehler. Das wird dann eine Wunschfigur von einem Mann, und das ist falsch. Die Frauen sind dann nicht so lebendig und sie sind nicht mehr sie selbst. |
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| Weissbarth |
Sie haben in „Don`t Come Knocking” wieder mit Peter Przygodda im Schnitt zusammengearbeitet. Diese Zusammenarbeit zieht sich über Ihr gesamtes Filmschaffen hin, bereits bei ihrem Abschlussfilm hat er den Schnitt gemacht. Was hat sich im Laufe der Jahre in der Zusammenarbeit mit Peter Przygodda verändert?
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| Wim Wenders |
Den Przygodda wieder zu finden war eine tolle Sache für mich. Ich hab die letzten drei Filme vorher nicht mit ihm gemacht. Ich hatte
“Land of Plenty” (2004)
mit einem jungen 22-jährigen Mann gemacht, ich hatte
“The Million Dollar Hotel” (2000)
mit einer Amerikanerin geschnitten. Den letzten Film, den Przygodda und ich zusammen gemacht haben, war
“Am Ende der Gewalt” (1997).
Ich habe ihn allerdings nie aus den Augen verloren, Peter ist immer so eine Art Zwillingsbruder für mich geblieben. Wir haben über 20 Filme zusammen gemacht und das verbindet sehr und Peter ist ein Cutter, der so in das Material eintaucht, dass er am Schluss jeden Meter Film besser kennt als ich selbst. Den Peter kann ich eine Woche allein schneiden lassen, da hab ich vielleicht hier und da eine bißchen andere Ansicht, aber das ist, als hätte ich es selbst gemacht. Den Peter wieder zu finden war für mich wichtig, weil “Don`t come Knocking” ja so ein klassisches Filmemachen war, so wie früher. Und das konnte ich nur mit dem Przygodda machen. |
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| Weissbarth |
Die Musik spielt in “ Don`t Come Knocking” eine sehr wichtige Rolle. Sie ist
von T-Bone Burnett, der eigens für den Film eine Band zusammengestellt hat.
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| Wim Wenders |
Ja. der hat keine eigene Band, weil er die letzten Jahre über vor allem als Produzent gearbeitet hat, seit sechs, sieben Jahren fast nur Soundtracks gemacht hat, so hat er z.B. mit den Coen Brüdern viele Filme gemacht. Er hat andere Musiker produziert, z.B. Elvis Costello. Er hat sich zu meinem Leidwesen ein bisschen gedrückt vor seiner eigenen Musik. Er ist einer meiner großen Lieblinge, sowohl als Gitarrist als auch als Songwriter und als Sänger. Seine eigene letzte Platte liegt schon 12 Jahre zurück “The Criminal Under My own Hat”. Das war für mich eine der drei tollsten Platten der 90er Jahre. Aber irgendwie drückt er sich vor seiner eigenen Karriere, aber alles in dem Film ist von ihm selbst, entweder er singt selbst, man hört ihn immer aus der Jukebox oder er hat es geschrieben und die Band die da spielt, die hat es auch in sich. |
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| Weissbarth |
Wie haben Sie den Kamermann Franz Lustig kennengelernt?
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| Wim Wenders |
Franz Lustig habe ich vor ein paar Jahren bei einem Musikvideo kennengelernt, das mir gefallen hat, wir haben dann 2 Commercial gedreht, dann habe ich gemerkt, dass er - bei all seiner Jugend einer der Besten ist, mit denen ich je gearbeitet habe. Ich habe dann „Land of Plenty“ mit ihm gedreht, das war der erste Spielfilm von Franz. „Don’t Come Knocking“ ist sein zweiter Spielfilm und der ersterichtige Film. Franz Lustig ist jetzt schon einer der Großen und wird noch eine große Karriere machen. Er ist sehr schlau und sehr fein. Er hat seit “Don`t Come Knocking” drei riesengroße amerikanische Produktionen angeboten bekommen, die er alle abgelehnt hat. Er macht stattdessen jetzt einen Dokumentarfilm, bei dem er nichts verdient. Er sagt, er sei noch nicht so weit, und bei so einem riesen Projekt verliere er nur alles, was er kann.
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| Weissbarth |
Sie haben in den 70er Jahren mal gesagt, Film ist Wahrheit und Video ist Lüge und Bedrohung. Hat sich Ihre Einstellung zu Video geändert?
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| Wim Wenders |
Video hat sich in den 80er und 90er Jahren stark verändert. Video war früher eine Art Feind des Kinos. So lange Video im Consumer-Bereich VHS hieß, habe ich es gehasst wie die Pest. Ich habe auch alles entsorgt, was es überhaupt nur gab. Ich hab 1000e von Videokassetten weggeschmissen. Ich war froh, endlich den ganzen Schrott aus dem Haus zu haben. Ich habe in den 80er und 90er Jahren viel experimentiert. Im Film “Bis ans Ende der Welt” (1991)
war ich der erste, der mit High Definition gearbeitet hat. Mittlerweile habe ich bereits vier Filme auf digital gedreht. |
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| Weissbarth |
Die Tiefe von Filmen hat es jedoch nicht…….
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| Wim Wenders |
Die Informationsdichte und Tiefe hat es nicht. Aber dafür kann es andere Sachen. Filme wie “Buena Vista Social Club” oder “Land of Plenty” gäbe es so nicht. Das war nur möglich, weil es diese neuen Handwerkszeuge gibt. Meinen Film „Land of Plenty“ hätte ich nicht realisieren können, selbst auf 16 mm nicht. Diesen Film habe ich damals innerhalb von vier Wochen auf die Beine gestellt, das wäre nicht möglich gewesen, wenn ich ihn auf Film gedreht hätte, da hätte ich erstmal 3 Monate länger finanzieren müssen. Auch diese Intimität mit den Schauspielern und die Spontaneität wäre nicht möglich. Was auf diesem Feld noch möglich ist, ist ja noch nicht ausgelotet, da stehen ja Möglichkeiten offen, wovon wir vor 10 oder vor 20 Jahren haben träumen können. |
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| Weissbarth |
Was halten Sie denn persönlich von Dogmafilme?
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| Wim Wenders |
Dogmafilm ist für mich das habe ich dem Lars Trier auch gesagt eine schöne Sache. Ich freue mich, dass dies so eine realitätsbezogene Schiene im Kino geworden ist, aber es kommt für mich nicht in Frage, weil ich mit zwei Regeln einfach nicht klar komme: dass man Musik nicht hinterher verwenden kann und nur mit vorhandenem Licht arbeiten darf. Aber die mogeln auch alle. Aber eigentlich habe ich mich darüber gefreut. Und Lars hat mir erzählt, die Idee sei ihm gekommen, als er sich nochmals “Alice in den Städten” angeschaut habe, dieser Film wäre eine Inspiration für Dogma gewesen. |
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| Weissbarth |
Wo glauben Sie, dass es hingeht mit dem Kino?
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| Wim Wenders |
Das digitale Kino wird ganz aufgehen, und wird meiner Erachtens die Bandbreite des Kinos wieder ganz ganz groß machen. |
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| Weissbarth |
Und das wird im Kinosaal stattfinden?
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| Wim Wenders |
Ja, im Kinosaal und jedes Dorfkino wird theotetisch zur Cinemathek, weil man im Prinzip jeden Film der Filmgeschichte hinschicken kann. Im Moment wird es ja vorwiegend für Dokumentarfilme benützt, gleichzeitig werden digitale Effekte benutzt auf der Blockbuster- und Actionfilmszene. Das kommt irgendwann mal zusammen und schließlich wird es ein Luxus sein, eine Filmkopie herzustellen, und irgendwann gibt es gar keine mehr. Dann muss man ins Filmmuseum, wo es noch ein paar zu sehen gibt, und ein paar alte Knacker wissen dann noch wie die Projektoren laufen. Das Kino wird dabei nicht untergehen, im Gegenteil: das Erzählen wird vielfältiger. Auch jetzt ist das, was man technisch machen kann ja schon richtig toll, also so eine digitale Vorführung mit einem guten Beamer schlägt eigentlich jede Filmkopie, die nicht vom originalen Negativ ist. |
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| Weissbarth |
Und Sie glauben, dass das Gemeinschaftsgefühl neben dem Home-Entertainment bestehen bleiben wird?
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| Wim Wenders |
Ich glaub nicht, dass das Kino von irgendwas ersetzt werden kann. Das wird gebraucht. Dieses Gemeinschaftsgefühl, das das Kino vermittelt und dieses Teilen von diesem Abend und diesen zwei Stunden - das geht so schnell nicht weg. Ich glaube, das wird sogar in Zukunft noch mehr benötigt. |
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