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2002

Seminarbericht 2002: Filmland Afrika

Von Chris Doherty

Im Rahmen des Filmfest München vergab die INTERFILM-Akademie zum 17. Mal den ONE-FUTURE-PREIS. Das internationale Seminar dieser Vereinigung für ökumenische Filmarbeit beschäftigte sich in diesem Jahr mit der aktuellen Filmlandschaft in Afrika.
      Die Menschen unseres Jahrhunderts haben nur eine einzige, unteilbare Zukunft: One Future. In diesem Sinne zeichnete der One-Future-Preis einen Film aus dem Programm des Filmfest München aus, der diese Gedanken in ethisch wie filmästhetisch überzeugender Weise umsetzte.
Im Jahr 2001 war die Auszeichnung an Promises von B.Z. Goldberg und Justine Shapiro vergeben worden - ein einfühlsamer Dokumentarfilm über Jugendliche vor dem Hintergrund des israelisch-palästinensischen Konflikts.
Arbeitsgruppe im Seminar "Filmland Afrika"

Die Menschen unseres Jahrhunderts haben nur eine einzige, unteilbare Zukunft: One Future. In diesem Sinne zeichnete der One-Future-Preis einen Film aus dem Programm des Filmfest München aus, der diese Gedanken in ethisch wie filmästhetisch überzeugender Weise umsetzte.
Im Jahr 2001 war die Auszeichnung an Promises von B.Z. Goldberg und Justine Shapiro vergeben worden - ein einfühlsamer Dokumentarfilm über Jugendliche vor dem Hintergrund des israelisch-palästinensischen Konflikts.

Über den Preisträger 2002 entschied eine international besetzte Jury: Pfarrer Eckart Bruchner (Vorsitz, Deutschland), Chris Doherty (USA), Valerie Kabore und Abbé Dominique Yango (Burkina Faso), Perea Fuensanta (Frankreich/Spanien), Alexandra Tchegourova (Russland) sowie Adelheid Meinzolt-Debner und Beate Mehr (Deutschland)

Die Preisverleihung fand am Samstag, 6. Juli 2002, um 12.00 Uhr im Gasteig (Black Box) statt.

Information und Diskussion über Entwicklungen und Zukunftsperspektiven des Films auf dem afrikanischen Kontinent boten das 19. Internationale Seminar der INTERFILM-Akademie. Es fand am Samstag, 6. Juli und Sonntag, 7. Juli jeweils um 10 Uhr im Rio Filmpalast statt. Die INTERFILM-Akademie veranstaltete das Seminar in Zusammenarbeit mit der Hanns-Seidel-Stiftung, München. Medienexperten und Filmschaffende aus zahlreichen Ländern waren anwesend, darunter Abbé Dominique Yango und die Regisseurin Valerie Kabore aus Burkina Faso. Die Gesamtleitung des Seminars hatte der Direktor der INTERFILM-Akademie Pfarrer Eckart Bruchner.



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Projektbericht 2002: Burkina Faso

Von Adelheid Meinzolt-Depner

Ökumenisches Seminar der Interfilm-Akademie im Rahmen von „Jeunesse et Cinéma“
in Ouagadougou/Burkina Faso in der Zeit vom 2.-12.1.02

Teilnehmer:
Eine Schülergruppe des Otto-von-Taube-Gymnasiums in Gauting bei München und Gautinger Stundenten (10 Personen) unter der Leitung von Heidi Meinzolt-Depner – Französischlehrkraft und Mitarbeiterin der Interfilm-Akademie - und 30 junge Leute (z.T. Germanistikstudenten und Schauspieler) aus Ouagadougou, unterstützt von dem Germanistikprofessor der Universität Augustin Bazona Bayili, dem Leiter der deutsch-burkinesischen Freundschaftsgesellschaft Philippe Nikiema, dem Medienreferenten der Katholischen Kirche, Abbé Dominique Yanogo, dem evangelisch-reformierten Pastor Jean-Pierre Rabré.

Allgemeine Eindrücke:
Im Rahmen ihres Aufenthalts in Burkina Faso hat die Gruppe vielfältige Eindrücke von Land und Leuten gewonnen und neue, begeisternde, z.T. auch schwierige, zum vertieften Nachdenken anregende, Erlebnissen gehabt. Die Erfahrung drastischer Widersprüche im Alltagsleben: zwischen Armut und Reichtum, Elend und Lebensfreude, Freiheiten und traditionellen Zwängen haben u.a. tiefe Empfindungen ausgelöst. Die Gruppe hat viel Zeit genutzt, um ihre Vorstellungen vom Leben in Afrika und den Afrikanern zu differenzieren, um Toleranz und Respekt gegenüber dem Anderssein und anderen Lebensvorstellungen und Alltagsrealitäten einzuüben. Eine Vielzahl von Mosaiksteinchen aus gezielten Informationen, Beobachtungen und Bewertungen - auch in Gruppengesprächen- ergänzen sich zu einem Gesamtbild, das aus pädagogischer und ästhetischer Sicht sehr wertvoll ist.

Das Filmseminar und zahlreiche Gespräche, Begegnungen und Kontakte (siehe Detailbericht) wurden von Niklas Bruchner filmisch dokumentiert, um auch nachbereitet werden zu können und längerfristig einen Multiplikationseffekt in Schule, Gemeinde und anderen Institutionen zu erreichen für Entwicklungspartnerschaft und interkulturelle Verständigung im Sinne der „Einen Welt“. Somit ist das „Abenteuer“ dieser besonderen Reise und der Aufwand voll gerechtfertigt im Sinne ihres Bildungsauftrages.

Zum Filmseminar im speziellen:
Der afrikanische Film „La mariée était barbue“ aus der Filmreihe „Naître fille en Afrique“ von Valérie Kaboré – produziert von Media 2000 – Burkina Faso - ist eine soziale Satire, die die immer noch übliche Praxis der Zwangsheirat in der afrikanischen Gesellschaft denunziert und Intrigen und Bestechung im Alltag zum Thema macht. Das Ziel der Filmreihe ist die Sensibilisierung der Bevölkerung für emanzipatorische Anliegen, die Gleichberechtigung von Frauen und Mädchen, die in der traditionellen afrikanischen Gesellschaft noch nicht verankert ist und für die Bedeutung unveräußerlicher, universeller Menschenrechte mit dem Ziel einer weiterreichenden Demokratisierung der Gesellschaft. Der Film spiegelte eine für deutsche Jugendliche eher fremde Lebenswirklichkeit wider, die sich über eine visuelle Herangehensweise mit Hilfe des Mediums Film besser erschließen lässt, als durch rein verbale Gesprächsrunden. Damit sollte sich ein breiteres Verständnis für die Vielfalt und den Wert von kulturellen Eigenheiten und Unterschieden zwischen den jungen Leuten aufbauen, das auch zu gemeinsamen Aktionen in der Zukunft Anregungen geben sollte .

Das Filmseminar hatte einen zentralen Stellenwert im Rahmen des Burkina Faso -Aufenthalts der Gruppe. Die Diskussion ergab nicht nur Kontakte, die über das Filmseminar hinausreichen werden, sondern beeinflusste auch die sensible Wahrnehmung gesellschaftlicher Phänomene und Probleme während der Reise und im Nachhinein in der Betrachtung Afrikas von Europa aus.
Für diese Chance bedanken wir uns für die großzügige Unterstützung durch die Interfilm-Akademie, das evangelische Missionswerk und das Institut für Zusammenarbeit im Erziehungsbereich (IFZE).


1. Besuche in der Partnerschule
Mitarbeit am Bau des – vom Afrikakreis Gauting/Stockdorf finanzierten – Klassenzimmers mit Einblicken in grundlegende handwerkliche Tätigkeiten unter klar erschwerten Bedingungen, in Unterstützung einheimischer Fachkräfte (Betonmischen, Verputzen, Sägen, Balkenschneiden...), unterstützte den Willen zur aktiven und konkreten Zusammenarbeit zwischen den jungen Europäern und den Afrikanern.
Projekte mit Schülern
Kreative Stoffmalaktion mit den Kindern; 2 große Fahnen wurden im Anschluss daraus in einer Gemeinschaftsaktion (für die Ecole Wend-Zoodo und das Otto-von-Taube-Gymnasium) genäht. Teilnahme am Unterricht mit: singen, malen, lesen, erzählen, handarbeiten – und Spielen im Hof – Fußballmatchs, Frisbeeturniere- interessante Gespräche mit den Lehrern.
Beobachtung der Herstellung und Verteilung der Schulspeisung .

2. Einblicke ins Alltagsleben
Wohnen im Hof von dem Lehrer Pierre Nikiema mit dessen Familie die Gruppe das Alltagsleben teilt
Essen: Einkauf der täglichen Verpflegung (Brot, Gemüse, Eier, Obst) auf den Stadtteilmärkten zusammen mit der Gastmutter – eine Vorratshaltung gibt es kaum. Zubereitung des Essen gemeinsam nach afrikanischer Tradition und Geschmack und am offenen Feuer. Sorgfältige Aufbereitung von Trinkwasser. Abwaschen und Waschen (Haare und Wäsche) offen im Hof – Erlebnis der Wasserknappheit!
Nachbarschaftliche Kontakte: regelmäßiger Besuch vieler Gäste, die mit den Deutschen reden, oder sie einfach nur freundlich und neugierig zu betrachten wollten. Gespräche und gemeinsames Essen u.a. mit einer Jugendgruppe (den Superboys), diverse Aktivitäten mit deutschen Zivildienstleistenden und Besuche bei Bekannten und Verwandten der Familie.
Einkaufserlebnis am Grand Marché im Stadtzentrum: Stoffe und Souvenirs werden erhandelt.
Besuche bei Weberin, Batiker, Friseur, Schneider und diversen anderen Kleinhandwerkern
Besuche in der „Dolobrauerei“ und beim Bierausschank
Vielfältige Erfahrungen mit Verkehr – Verkehrschaos- in engen überfüllten Taxis, mit großer Dynamik, Staub, Hitze und Gestank
Eindrücke vom wegweisenden friedlichen Zusammenleben der Ethnien und Religionen, eingebunden in die Francophonie

3. Besuch im Waisenhaus – AMPO
Gespräche mit Kathrin Rohde, der deutschen Projektleiterin über soziales Elend, Straßenkinder und konkrete Projektarbeit (u.a. Werkstätten, Krankenstation), über ihre Erfahrungen mit kulturellen Eigenheiten, Geschlechterverhalten, Zusammenarbeit
Theaterspielen mit der Marionettentruppe

4. Besuche in der Kirche
In Kirchen der evangelisch-reformierten „Assemblée de dieu“ an Sonntagen und Festtagen ( Silvester, 3. Januar) gibt es wunderbare kraftvolle Gesänge, es wird fröhlich getanzt, getrommelt und auf rituellen Instrumenten aus heidnischen Traditionen (z.B. Tranceflöten) gespielt. Alle Generationen sind am fröhlichen Festcharakter beteiligt – Männer und Frauen auf getrennten Seiten. Dazu gibt es im Wechsel stark fundamentalistisch geprägte Predigten - zweisprachig in Moré und Französisch
Die katholische Messe in der Kathedrale war traditioneller. Eine funktionierende Ökumene gibt es nach Aussagen nicht (protestantisch-missionarische Sekten und katholische Staatskirche), aber auch keine virulenten Auseinandersetzungen der Religionen.

5. Drei Fahrten aufs Land
Hinter einem Stausee alsTrinkwasserreservoir der Stadt, Gemüsefeldern und Militärposten ist der Übergang von der Stadt aufs Land fließend. Es gibt dort eine wilde kleinräumiger Bautätigkeit, die jeglicher geplanter Urbanisierung vorausgeht. Bald fangen die traditionellen Runddörfer und geschlossenen strohgedeckten Höfe an mit ihren einfachen Vorratsspeichern . Das Leben am Land findet in einer Ruhe und Abgeschiedenheit statt, wie bei uns möglicherweise in grauer Vorzeit – ohne technische Hilfsmittel, Energie, Maschinen. Tiere (Esel, Schweine, Hühner) werden gehalten und unter dem schattigsten Baum (Mango oder Baoab) sitzen die Männer zusammen und reden, während die Frauen arbeiten.
Im Süden (Pô, Tiébélé) konnten wir die Kultur eines anderen Stammes sehen, die Gourounsi, die ihre Häuser u.a. mit symbolischen Zeichen wunderbar bemalen. Die Gegend an der Grenze zu Ghana ist grüner und hügeliger.
Eine Fahrt in den Norden Richtung Sahel brachte uns ins Museum der Mossi, wo die Kultur des größten Stammes, seine Rituale und künstlerische Fähigkeiten glänzend erläutert werden.

6. Filmseminar
Unter der Leitung von Abbé Dominique Yanogo, dem katholischen Medienbeauftragten und Heidi Meinzolt-Depner fand ein reger interkultureller Dialog statt zwischen den deutschen Jugendlichen, afrikanischen Studenten und jungen Theaterschaffenden - im Austausch über einen Film(Thema Zwangsheirat) der Serie „Naître fille en Afrique“. In der lebhaften Diskussion ging es um die Spannungsfelder von Tradition und Moderne, geschlechtsspezifische Alltagserfahrungen, Spiritualität, Freiheiten und Zwänge, Familienbindungen und Individualität. Vielfältige divergierende, aber auch ähnliche Vorstellungen der jungen Menschen vom Leben zwischen Zukunft und Vergangenheit, kamen auf den Prüfstand. In großer Selbstverständigkeit im Umgang nährten die intensiven Gespräche auch beim gemeinsamen Mittagessen gegenseitiges Verständnis, Respekt und Toleranz. Sie weckten Neugier und Interesse an der Fortsetzung des Dialogs. (siehe Dokumentation)
Im Anschluß fand eine interessante Nachbesprechung über die mit dem Film angestrebte Sensibilisierungskampagne bei den Autoren in der Produktion von Media 2000 statt.

7. Deutschland-Burkina Faso-Kontakte
Besuch bei der GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit), Informationen und Gespräche mit einem Projektleiter über Hintergründe und Optionen von konkreten Entwicklungsprojekten und Entwicklungspartnerschaft allgemein.
Gespräche und Informationen über die Deutsch-Burkinabesische Freundschaftsgesellschaft mit Philippe Nikiema dem Vorsitzenden.
Gespräch mit Verena Frick, der stellvertretenden deutschen Botschafterin in Burkina Faso über Land und Leute, persönliche Erfahrungen, Entwicklungszusammenarbeit, politische und soziale Lage
Diskussionsrunde mit Deutschstudenten von der Universität unter der Leitung ihres Professors Auguste Bazona Bayili über Rassismus und Vorurteile, Hintergründe eines Deutschstudiums, Alltagserfahrungen, Jugendthemen. Die Diskussion wurde zu Hause an mehreren Abenden bei privaten Besuchen fortgesetzt.

8. Politische Kontakte
Gespräch mit Yacouba Touré, dem vormaligen Umweltminister und jetzigen Tourismusminister über Vorstellungen und konkrete Projekte im Rahmen von nachhaltigem Tourismus für eine solidarische Entwicklung erzählt.
Gespräch mit Ali Kassamba, dem Geschäftsführer eines Hotels und Vorsitzenden der Grünen über die kommenden Parlamentswahlen und demokratische Perspektiven des Landes
Gespräch mit Ram Ouédraogo, dem Minister für nationale Versöhnung, der Stellung nimmt zu politischen Problemen in der Folge eines Attentats auf den oppositionellen Journalisten Norbert Zongo 1998, zur nationalen Versöhnungsarbeit und aktueller Reformpolitik.
Interview von Halidou Ouedraogo, dem Vorsitzenden der Menschenrechtsliga, der die Menschenrechtslage und demokratische Verfasstheit im Land recht kritisch beurteilt.

Zusammenfassung und Ausblick
Das ökumenische Filmseminar im Rahmen des Burkina Faso - Aufenthalts war ein großer pädagogischer Erfolg, der über den Moment hinaus wirken soll.
Dazu trägt eine Ausstellung und erste Präsentation (kurze Videodokumentationen, Ausstellungen von Fotos, Kunsthandwerk, Instrumenten Informationsmaterialien) im Rahmen der Projekttage am Otto-von-Taube-Gymnasium in Gauting am 16.2.2002 bei. Sobald der Film geschnitten ist, gibt es im April und Mai zwei öffentliche Veranstaltungen mit Lesungen in Gauting und Stockdorf, zu denen noch gesondert eingeladen wird.
Über weitere Film- und Ausstellungstermine wird noch verhandelt.
Die Kontakte mit den Leitern des Filmseminars und der Dokumentarfilmerin werden fortgeführt möglichst im Rahmen eines interkulturellen Austausches – dieses Mal in Deutschland.

Wir danken allen Sponsoren und Förderern, die dies möglich gemacht haben und machen.


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