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2002

Projekt 2002: Burkina Faso
Dokumentation des Filmgespräches im Rahmen des Interfilm Seminars "Jeunesse et Cinema"

Von Adelheid Meinzolt-Depner und Abbé Dominique Yanogo

Zum Film:

In dem Film wurde eine Zwangsheirat geschildert. (siehe Interfilm-Bericht). Trotz eines gesetzlichen Verbotes ist dies immer noch gängige Praxis auf dem Land und in der Stadt.. Früher wurden die Heiraten insbesondere in der Familie oder im Dorf ausgehandelt, heute haben sich die Abmachungen vielfach auf finanzielle Geschäfte verlagert; Korruption und Machtpolitik spielen eine wachsende Rolle. Der Film thematisiert auf eher humorvolle Weise eine Strategie, um sich aus diesen Zwängen zu befreien, indem das junge Liebespaar sich der Familie entzieht und flieht. Der Film hat die Sensibilisierung der Gesellschaft für Missstände zum Ziel und will den Mut und das Selbstwertgefühl insbesondere von Frauen aus einem emanzipatorischen Ansatz heraus stärken. Filme aus der Reihe „Naître fille en Afrique“ lösten bereits viele Diskussionen im kleinen Kreis z.B. in den sog. Frauenhäusern, nach Fernsehsendungen oder in der Öffentlichkeit aus. Sie vermitteln die Probleme kritisch und haben damit einen hohen pädagogischen Anspruch. Außerdem sind sie ästhetisch ansprechend und sollten weiter gefördert werden als wertvoller Beitrag im Hinblick auf eine gesellschaftliche Entwicklung für mehr Rechte.

Der Film thematisiert außerdem eine Reihe spiritueller Alltagspraktiken, die für Europäer fremde Welten erschließen : den Besuch bei Scharlatanen, die Konsultation von SeherInnen und Wunderheilern. Eine Figur agiert mit Fetischen, die ein Umdenken beeinflussen sollen, eine andere Magierin liest aus Stöckchen im Sand die Entwicklung in der Zukunft. Diese alten Praktiken sind nach wie vor sehr präsent in der afrikanischen Gesellschaft. Im interkulturellen Dialog darüber findet eine interessante Annäherung statt und ein gegenseitiges Verständnis wird gefördert.

Zur Bedeutung von Spiritualität:

Spiritualität in Europa ist eine Randerscheinung, die sich weitgehend in esoterischen Zirkeln abspielt.. An die tatsächliche Aussagekraft von Horoskopen oder Karten glauben nur wenige – außer wenn die versprochene Perspektive positiv aussieht..
In der afrikanischen Gesellschaft ist Spiritualität ein Alltagsbegleiter: Übernatürliche Phänomene spielen eine wesentlich größere Rolle. Man konsultiert die Scharlatane, wenn man Probleme hat - jeder kennt einen. Die Marabous (Wunderheiler), verstecken sich nicht; jede Familie hat ihren Marabou, zu dem sie auch Freunde und Bekannte mitnimmt, wenn es ihnen schlecht geht, oder sie in Not sind. Die Funktion dieser Personen ist es ein Voyeur (ein Seher/in) zu sein, der/die etwas sieht, was sich dem normalen Blick entzieht, etwas was sich hinter der Fassade verbirgt..
In der afrikanischen Mentalität gibt es nicht nur eine Realität, sondern alles hat mehrere Dimensionen, ist vielschichtiger. Man bewegt sich in einem komplexeren anthroplogischen Kontext.. Europäer kennen die Dualität von Körper und Geist. Der Afrikaner nennt mindestens 5 Ebenen: z.B. das Njinga, die Überraschung, das Sira – der Geist, Pera, das Gefühl. Als studierter katholischer Priester teilt Abbé Yanogo diese Sicht der Komplexität nicht, aber er kennt sie als Grundlage afrikanischen Denkens.
Beispiel: In Afrika gibt es traditionell keine Friedhöfe, auf denen man seine Toten besucht, die toten sind immer noch da, die Anwesenheit der Vorväter reicht in die Gegenwart. In der europäischen- christlichen Diskussion bereitet z.B. die Leichenverbrennung große Probleme – da sie der Vorbereitung auf die Auferstehung entgegensteht. In Afrika ist sie kein Problem, da die Person weiterlebt.

Zwischen Tradition und Moderne

Auch unter den jungen Leuten sind nach allgemeiner Einschätzung 90% in der Tradition verankert., bzw. sehen sie als wichtige Bestimmung in ihrem Leben an. Auch wenn sich immer mehr junge Leute auf ihre Selbstständigkeit berufen und ihr Leben, ihre Ausbildung selbst in die Hand nehmen und damit Traditionen zunehmend in Frage stellen, so spielt vor allem in Problemsituationen der familiäre Hintergrund immer noch eine sehr große Rolle; es ist üblich, sich mit den Alten zu beraten – nach Geschlechtern getrennt. Man greift in kritischen Situationen bereitwillig auf Scharlatane, Wunderheiler und Seherinnen zurück und man rechnet direkt damit, daß einen die Alten strafen können, sollten man gegen ihren Willen verstoßen, oder die Tradition ignorieren. Man sieht sich somit in einen anderen Zeitfaktor eingebunden, der nicht das hier und jetzt definiert.. Lösungen liegen nicht vorrangig im rationalen Bereich. Vieles an traditionellen Strukturen verändert sich mit der wachsenden Bedeutung des Geldes. Korruption und Geld regieren die Welt – zunehmend auch die der Wunderheiler und so verlagern sich die Interessen nicht immer ins Positive.

Individualität und Gemeinschaftswesen

In Europa ist man höchstens als selbständiges Individuum in die Familientradition eingebunden. Die Eigenständigkeit der Person steht im Vordergrund, die Kontakte zu den Großeltern sind meist spärlich – auf Geburtstage und Festtage beschränkt . Nach der Schule geht man weg zum Studieren, wohnt mit Freunden z.B. in Wohngemeinschaften, die Eltern zahlen – darauf reduziert sich manchmal die funktionale Beziehung – man besucht sich von Zeit zu Zeit . Viele alte Menschen sind in Institutionen der Altenpflege untergebracht, den Rest der Probleme schafft das „soziale Netz“. Dies ist für Afrikaner unverständlich, sie sind stolz auf ihre familiären Bindungen und Verpflichtungen – die Deutschen haben fast ein bisschen ein schlechtes Gewissen, auch wenn sie auf ihre Freiheiten nicht verzichten wollten. In Europa sucht man bei Problemen die Gründe zunächst in sich selbst, man verlässt sich auf die Psychologie des Individuums, die auch Grundlage vieler Psychotherapien ist, Lösungen beziehen die subjektiven Urerfahrungen und das Unterbewusste und(Freud), mit ein.
Das Individuum hat in Europa eine lange Tradition von der Aufklärung, der Philosophie des Rationalismus, der Demokratieentwicklung, des technologischen Fortschritts und wirtschaftlichen Erfolgsdenken (als Ersatzreligionen?!). Aber es bleibt festzustellen, daß die individuellen Lösungen keineswegs ein Allheilmittel oder die absolute Wahrheit beinhalten, da der Mensch in einer Gemeinschaft lebt und nur in ihr überlebensfähig ist..
In Afrika ist die Gemeinschaft manchmal durchaus auch eine Bedrohung fürs Individuum, wenn z.B. Menschen aus der Dorfgemeinschaft ausgestoßen werden.

Fazit

Die Diskussion eröffnete für alle Beteiligten neue Horizonte des gegenseitigen Verstehens. Sie spiegelte das Wesen von Interkulturalität, indem die jungen Menschen lernen zu differenzieren, sich kritisch anzunähern und mit Respekt vor dem Anderssein auch ihre eigene Lebenswirklichkeit neu erfassen. Das Filmgespräch war insofern eine pädagogische wie ästhetische Bereicherung, die fortgeführt werden sollte.

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