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Theater: Lea-Marie Hauptvogel - „Das Opfer“

Mit der Premiere von "Das Opfer" am 03.04.08 im Metropoltheater München
beschließt Lea-Marie Hauptvogel ihr vierjähriges Regiestudium an der Bayerischen Theaterakademie August Everding. In Koproduktion mit dem Münchner Metropoltheater entsteht auf der Grundlage des Films von Andrej Tarkowskij ein Theaterabend, der versucht, die vielen Facetten der Opferthematik neu zu beleuchten.

Inszenierung
Ausstattung
Video, Lichtdesign
Dramaturgie
Lea-Marie Hauptvogel
Judith Hepting
Gerrit Jurda
Tanja Brandes
     Darsteller
Lilly Forgách,
Katharina Haindl,
Wolfgang M. Jörg,
Felix Kuhn,
Ina Meling,
Dascha Poisel,
Wolfgang Rommerskirchen

Die Interfilm-Akademie unterstützt das Theater-Projekt von Lea-Marie Hauptvogel.

Lea-Marie Hauptvogel

Lea-Marie Hauptvogel geboren 1984 in Leipzig,
studierte zunächst Theaterwissenschaft,
Kunstgeschichte und Kulturwissenschaften,
bevor sie 2004 ein Regiestudium an der Bayerischen Theaterakademie begann.

Sie absolvierte Regiehospitanzen
- am Nationaltheater Mannheim,
- der Bayerischen Staatsoper und
- an der Komischen Oper Berlin,
unter anderem bei bei Jens-Daniel Herzog,
Peter Konwitschny und
Hans Neuenfels.

Im Rahmen des Studiums erarbeitete sie eigene Inszenierungen
- von Sam Shepards „True West“,
- Tankred Dorsts „Karlos“ und
- Marivaux’ „Unbeständigkeit auf beiden Seiten“.

Für das Spielart Festival 2007 entwickelte sie gemeinsam mit Verena Stoiber den experimentellen Theaterabend „Treffen“ und beendet ihr Studium nun mit der Diplominszenierung von „Das Opfer“.

Film: Andrej Tarkowskij - „Das Opfer“ - Eine apokalyptische Parabel

Zum Nimbus, den teils Tarkowskij selbst, teils seine Anhänger um ihn schufen, gehört die Magie des zweiten Gesichts, die dunkle Ahnung des Unausweichlichen. Im Mittelpunkt seines letzten Films sollte ursprünglich die Geschichte eines krebskranken Mannes stehen: Tarkowskijs eigene Geschichte. Der Film selbst wurde zum Menetekel der nuklearen Epoche, das zum Zeitpunkt seiner Uraufführung von der Katastrophe in Tschernobyl bestätigt wurde.

Mit dem Film eröffnet sich einen kammerspielartiger Mikrokosmos, versunken in die Dinge, die für Tarkowskij zeit seines Lebens Zeichen waren:
- Ein Haus.
- Ein Kind.
- Baum,
- Wiese,
- Wasserpfütze.
An diesem Fluchtort des Friedens, den sich der Protagonist Alexander hier geschaffen hat, erreicht ihn eines Tages die Katastrophe: Der “Ernstfall” kündigt sich an: Das Stromnetz ist unterbrochen. Und während er noch am Morgen mit seinem Sohn einen dürren Baum gepflanzt hat - in der Hoffnung, dass er eines Tages blühen wird, wenn man ihn nur genug wässert - legt er jetzt ein Gelübde ab: Er bietet sich selbst als Opfer an für die Rettung der Welt und zwar innerhalb einer Gemeinschaft, in der jeder nur um sich und seine eigenen Wünsche und Probleme zu rotieren scheint.

Jungchen, der einen vertrockneten Baum gießt Alexander, Jungchen, Viktor und Adelaida im Wäldchen vor dem Haus
Jungchens Schlafzimmer
Martha am Klavier, Adelaida
Adelaida erleidet einen Nervenzusammenbruch
Alexander betätigt Stereoanlage

Dabei ist zu bemerken, dass mit dem zunehmenden Bedeutungsschwund von Religion und Kunst, das Thema des Opfers fast gänzlich aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden ist. Jeder scheint heute seinem anonymen Schicksal und dessen Bewältigung selbst überlassen zu sein. Dem entgegen tritt der Mensch als Opfer von Globalisierung, Kriegen oder Umweltkatastrophen dank massenmedialer Vermittlung deutlicher in Erscheinung als je zuvor. Die Ohnmacht gegenüber direkten oder anonymen Mächten und Gewalten, als Zeichen moderner Informationsgesellschaften, führt unausweichlich zur Frage nach der Bedeutung des Einzelnen und seinen Möglichkeiten etwas zu verändern.

Tarkowskij antwortet mit einer apokalyptischen Parabel, die mehrere Deutungsebenen eröffnet. Seine Botschaft müssen wir glauben, unser Verstand soll vor ihr in die Knie sinken. Denn es ist absurd, dass in einer Situation globaler Bedrohung ein Einzelner die Kraft aufbringt, die Zukunft der Menschheit zu retten. Wer sich diesem Glauben verschließt, wird das Geschehen eher als düsteren Traum eines Verrückten verstehen, der alles daran setzt sich aus der Bedeutungslosigkeit seines Daseins herauszuphantasieren.

Die Umsetzung des Drehbuchs als Theaterabend, eröffnet nicht nur eine zugespitzte Sicht auf einen problematischen Themenkomplex. Vielmehr konfrontiert die Geschichte von „Opfer“ seine Zuschauer mit der Last der Entscheidungsfreiheit und erinnert an die Kräfte der Veränderung, die nur zu gerne nach oben delegiert werden.

„Unsere Zukunft hängt von niemand anderem als von uns selbst ab. Wir aber haben uns angewöhnt, alles mit fremder Mühe und fremdem Leid zu begleichen, und ignorieren dabei die einfache Tatsache, dass doch alles in dieser Welt zusammenhängt und es schon deshalb keinen Zufall gibt, weil wir Willensfreiheit und das Recht haben, zwischen Gut und Böse zu entscheiden.“

Andrej Trakowskij in „Die versiegelte Zeit“



Stimmen zum Film

»Wenn der Film nicht Dokument ist, ist er Traum. Darum ist Tarkowskij der Größte. Er bewegt sich im Raum der Träume mit schlafwandlerischer Sicherheit, er erklärt nicht. Er ist ein Seher.«
Ingmar Bergman

»Solche Filmbilder wird nach ihm niemand mehr schaffen.«
Urs Jenny, Der Spiegel

»Die Spiritualität, die sein Werk geprägt hat, gibt es in der ›trivialen‹ Kunstform Kino, von Bresson abgesehen, kein zweites Mal. OPFER ist ein Schritt in eine neue Dimension.«
- Hans Günter Pflaum, Süddeutsche Zeitung


Andrej Tarkowskij - Philosoph des Kinos

Mit sieben Spielfilmen hinterließ der russische Regisseur Andrej Tarkowskij (1932-1986) ein schmales aber bedeutendes Werk, das von der sowjetischen Zensur behindert und wegen seines Perfektionismus und seiner ästhetischen Prinzipien fern vom geforderten sozialistischen Pomp-Kino im Ausland gefeiert wurde. Wegen seiner Exil-Situation in den letzten Jahren wurde es für Tarkowskij immer mühsamer, seine Filme zu vollenden.

„Tarkowskij ist für mich der bedeutendste, weil er eine Sprache gefunden hat, die dem Wesen des Films entspricht: Das Leben als Traum.“

Ingmar Bergman

Andrej Tarkowskij
Der Sohn des Dichters Arseni Tarkowskij, wurde in der russischen Provinz geboren und studierte an der Moskauer Filmhochschule wo er die Werke des internationalen Autorenfilms kennen lernte. Sein 45-minütiger Diplomfilm "Die Straßenwalze und die Geige" (1961) erzählt die einfache Geschichte eines sensiblen siebenjährigen Jungen. Mit "Iwans Kindheit" wurde Tarkowskij 1962 auf einen Schlag weltberühmt. Die tragische Geschichte des zwölfjährigen Iwan, der im Zweiten Weltkrieg als Kundschafter für die Rote Armee zwischen den Fronten agiert, brachte ihm den Goldenen Löwen von Venedig ein und zeigte in der poetischen Natur- und Wassersymbolik bereits Tarkowskijs eigenwillige Bilderwelt, die mit Metaphern von Pferden, Birken, Äpfeln und Laub immer wieder die Erzählung unterbricht.

Die während des Mittelalters zur Tatarenzeit spielende Lebens- und Leidensgeschichte des russischen Ikonenmalers, Glockengießers und Wandermönchs "Andrej Rubljow", deren Dreharbeiten sich über drei Jahre hinzogen, wurde von der Zensur wegen einer Nacktszene und der gezeigten Grausamkeiten kritisiert und erst 1973 für den Export freigegeben.

Das Leben und seine Vergänglichkeit spielt in allen Filmen Tarkowskijs eine wesentliche Rolle, so in der Verfilmung des Romans "Solaris", nach der Vorlage von Stanislaw Lem, die ihm zu einer Meditation über die Kultur- und Evolutionsgeschichte und den stets präsenten Vater-Sohn-Konflikt geriet. Der aufwendig produzierte Science-Fiction-Film wurde lange Jahre als sowjetischer Gegenentwurf zu Stanley Kubricks "2001" gehandelt.

Tarkowskijs weitere Filme sind mehr und mehr von seinem persönlichen Kosmos dominiert. Als innovativ gelten der autobiografische "Der Spiegel" (1975) mit seinen vielen Zeitebenen und Politbezügen und vor allem "Stalker" (1979), in dem drei Männer in einer rätselhaften "Zone" den Sinn des Daseins suchen.

Die Komplexität seiner Filme machte Tarkowskij zum Kultfilmer zivilisationskritischer Intellektueller. Schwierigkeiten mit den staatlichen Stellen trieben Tarkowskij 1983 ins Exil. Er thematisierte die Situation in "Nostalghia" am Beispiel eines exilierten Schriftstellers in Italien. In Schweden konnte er mit "Das Opfer" 1986 seinen letzten Film vollenden. Kurz nach der Uraufführung stirbt er im Alter von 54 Jahren an Krebs.


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