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| FILMFEST MUENCHEN | ||||
Mal abgesehen davon, dass das Münchner Filmfest mit mittlerweile mehr als 40 TV-Movies im Programm immer mehr zum Fernsehfestival mutiert, scheint im deutschen Film ohnehin gerade "Feiertag" zu herrschen. Wenngleich die Festivalleitung dieses Jahr die acht "Feiertage" unter das wie jedes Jahr recht allgemeine Motto: "Die Magie der Filme - The Magic of Movies" stellte, wagte sich doch zumindest kaum ein deutscher Macher vorurteilsgemäß an große Themen oder überzeugte das Auge durch visuell innovative Bandbreiten filmischen Erzählens. Mit insgesamt über 100 deutschen und ausländischen Produktionen umkämpfte das Medium Film zwar auch in diesem Jahr 2002 tapfer seinen Platz in den Festivalkinos, doch scheint es das Fernsehen in seiner Verflachungstendenz angesteckt zu haben. Die Nähe ist schuld, Titel an Titel in den Programmheften, Kinosaal an Kinosaal in den zentralen Zelluloid Palästen Maxx und Gasteig. Aber es geht ja nicht nur um den "Heimatfilm". International interessiert das Festival Fans, die Bereicherung der Phantasie vorzugsweise im Film finden wollen. Traditionell trennte man alles in Reihen: Das "World Cinema" brachte ein breites Spektrum internationaler Produktionen von Almodóvar bis John Sayles zur Erstaufführung und besann sich erstmals auch formal auf gewissen Gleichklang - Gemeinsamkeit der Machart im Ursprung des Kinos, anstatt modischer Vielfalt. Die "American Independents" konzentrierten sich wie immer auf zahlreiche Low Budget Produktionen aus den USA, die Reihe "Made in Germany" stellte sowohl solides Fernsehmachwerk, wie zum Beispiel Friedemann Fromms "Unter Verdacht", als auch neue Kinoware aus deutschen Landen vor. Neu in diesem Jahr war einzig die Reihe "Videoart- und Experimentalfilm", die sich den kaum beachteten Rand-existenzen unter den Filmkünstlern dieser Sparte und ihren visuellen Spielarten widmete. Aber zurück zum "Feiertag", dem die Jury des "Förderpreis[es] deutscher Film" dieses Jahr einen Sonderpreis zuerkannte. Als einen "Ensemblepreis für besonders innovative Leistung" begründete Jury Mitglied Oskar Roehler die ungewöhnliche Entscheidung. Schauspieler und Regiedebütant Detlef Bothe schildert in seinem schlappe 3000 Euro teuren DV-Wackel-Reigen, wie sechs erbarmungslos durchschnittliche Menschen auf einer Skihütte Sylvester verbringen und einen böse endenden "Feiertag" erleben. Wen wundert´s? Als derartig eindimensionales Arschloch kommt Überzeugungs-Bösewicht "Didi" Mössmer in seiner Rolle des Rächers daher, um dem Festtag ein Ende zu setzen. Gefallen haben mag die gnadenlos das Auge des Betrachters schwindelnde Kameraführung oder die coole Perspektive, die es so konsequent umgeht, sich ihren Figuren zu sehr zu nähern, daß das Eingeständnis ihrer Bedeutungslosigkeit gekonnt vermieden wird. Freunde feiern routiniert sich selbst und tarnten dies als Film. So setzte sich "Feiertag" ohne den Anspruch, eine Aussage haben zu wollen über klassische Wege des Erzählens hinweg und triumphierte beim "Big-Sponsor-Preis" mit dem Hypo Vereinsbank, Bayerischer Rundfunk und Bavaria an Aufwand und Veranstaltungsrahmen wohl ein wenig dem deutschen Filmpreis huldigen wollten, über engagierte Erstlingswerke anderer Filmemacher. Thorsten Löhns Liebesgeschichte zweier Jugendlicher unterschiedlicher Gesellschaftsschichten, "Paule und Julia" ging trotz seiner ehrlichen Figuren-Nähe genauso leer aus, wie Anne Wilds berührendes Portrait der ungewöhnlichen Beziehung eines kleinen Mädchens zu einem Familienvater in "Mein erstes Wunder". "Neue Wege des Erzählens" beschritt wohl auch Michael Hofman in seinem zweiten Spielfilm "Sophiiiie", der dieses Jahr den Förderpreis deutscher Film in der Kategorie Regie erhielt. Sein schunungslos derber Blick auf die Selbstzerstörung einer jungen Frau innerhalb einer einzigen Nacht wird zur harten Prüfung für den Betrachter, dem jegliche Nachvollziehbarkeit der verzweifelten Odysse Sophies verwehrt bleibt. Hauptdarstellerin Katharina Schüttler hatte sich ihren Preis in der Kategorie "Schauspiel" durch ihre erschütternde Darstellung hart verdient und rief vor der Feudal-Feier des Förderpreises in der Muffathalle als erstes ihre Mutter an. Das Fernsehen feierte sich bereits am zweiten Abend des Festivals mit dem "TV-Movie Award" selbst, der - nicht ganz unüblich - an einen Dominik Graf ging, oder viel mehr an seinen Bavaria Produzenten Michael Hild, der den, etwas wackelig wirkenden "Die Freunde der Freunde" (wieder einmal ein "DV-Felsen" in der Brandung der Material Klassiker) für den WDR produziert hatte. Dieser Preis bleibt auch immer unter Freunden oder zumindest Kollegen, nämlich den Produzenten, die ihn auch im Namen der VFF (Verwertungs- Gesellschaft der Film- und Fernsehproduzenten) vergeben. Graf wagte sich immerhin an eine Henry James Vorlage, die er als Coming of Age Geschichte getarnt in ein Internat verlegte, in dem zwei Freunde die erste Liebe erleben. Und nicht nur das, übersinnliche Fähigkeiten zweier Figuren werfen in der "gothic tale" geheimnisvolle Fragen auf, die den Ansatz eines vielschichtigen "auf zwei Körper verteilte Seele" -Themas vermuten lassen, das schließlich leider in einer unentschlossenen und etwas wirren Auflösung endet. Das Erfolgs- oder vielmehr "Preisrezept", um gefeiert zu werden sei also die Materialwahl DV! "DV" als Kürzel für wie "Dogma-Versuch", der die, von den dänischen Vorreitern so geheiligte "Figuren - Nähe" und unverfälschte Beweglichkeit im Film schaffen soll. Den dogmatischen Deutschen dient er jedoch nur als Mittel, den Zweck zu entfremden. Und Preis wie verliehener Preis oder eben Preis für die Aufgabe filmästhätischer Ausdrucks-Mittel, die als visuelle Untermauerung von Geschichten und nicht als krampfige Störfaktoren eingesetzt werden sollten? Aber es gab ja auch in diesem Jahr wieder weitere Preisverleihungen, die nicht allein dem deutschen Film Ehre erboten, und traditionell den Augen geladener und zuweilen gelangweilter Gäste vorbehalten waren. Darunter wurden gleich zwei neue schicke Statuetten auf der Bühne des Carl Orff Saals überreicht: Zum einen der von der VG-Bild-Kunst gesponserte "Experimentalfilm-Förderpreis", dessen Veranstaltungscharakter, durch ausgiebige Lehrvorträge bereichert, wahrlich experimentell daher kam, zum anderen der "Bernhard Wicki Filmpreis", der gleich ganz auf ein Moderations-Konzept verzichtete und voraussetzte, dass die Idee der Auszeichnung als "Brücken schlagender Friedenspreis" dem Publikum bekannt war. Der berührende und ehrliche Preisträgerfilm, Goran Paskaljevics m "How Harry became a tree", tröstete darüber hinweg. Die Kategorie des Dokumentarfilms, fand ihren Feieranlass bereits am Abend vor dem ofiziellen Festivalbeginn bei der Verleihung des "Jungen Löwen" durch die bayerische Staatsregierung, was ihren Vertreter so sehr rührte, daß er zum Abschluss anstatt den Ehrenpreisträgern Chris Hedgedus und D.A. Pennebaker (aus Versehen?) lieber "Alles Gute für den Freistaat" wünschte. Neben dem Ehrenpreis an die beiden Star-Dokumentarfilmer, denen das Filmfest auch eine Hommage widmete, konnte interessanter Einblick in aktuelle Produktionen des internationalen Dokumentarfilmnachwuchses gewonnen werden. Am 29. Juni eröffnet und am 6. Juli beschlossen, wurde das Filmfest dann ebenfalls durch zwei internationale Produktionen, die seinem Identitätsmangel auch keine Abhilfe schaffen konnten, da es seinen Blick sicherheitshalber auf viele große Produktionen richtete, anstatt kleinen cineastischen Schmankerln den Weg zu ebnen. José Campanellas Eröffnungsfilm "El hijo de la novia - der Sohn der Braut" befriedigte nach allen Regeln der Kunst den Durst nach "großen Gefühlen". Er sparte nicht an Rührseligkeit und ziellos verstrickten Handlungssträngen, die ein starkes Schauspielerensemble allerdings mit kraftvoller Lebendigkeit und brüchigen Einblicken in die Facetten menschlicher Vielschichtigkeit auszugleichen vermochte. Zu Ende war die hochgesteckte Hoffnung ans Sehen mit der Verleihung des "High Hopes Award", der wie immer die Erstlingsleistung eines jungen Filmemachers würdigte. "Human Nature" von Michel Gondry bestach durch skuril humoristische Eskapaden auf Kosten des guten Geschmacks und ließ die bittere Wahrheit einer durch und durch symbiotisch -anpassungsfähigen menschlichen Natur zurück. Was gab es sonst noch so in acht Filmfesttagen zu feiern? Den runden Geburtstag natürlich! Zum zwanzigsten Mal redete Festivalleiter Eberhard Hauff München zur Medienstadt und meisterte meist eher melancholisch als munter dreinblickend seine repräsentative Aufgabe, stellvertretend für die gesamte Münchner Filmwochen GMBH. Außerdem den Ehrengast Barbara Hershey, die dieses Jahr den Cine Merit Award verliehen bekam und mit einer Reihe ihrer Filme das Programm bereicherte. Des weiteren die sozial engagierten Arbeiten der indischen Filmemacherin Aparna Sen, der eine Werkschau gewidmet wurde. Oder auch den Seitenblick auf ein abwechslungsreiches und unkonventionelles Programm internationaler Kurzfilmproduktionen im Rahmen des parallel laufenden Festival der Filmhochschulen, das in unverfälschter Gleichberechtigung gegenüber allen Stoffen und Umsetzungsarten noch seinen eigenen Weg ging. Zwischenzeitlich spielte sich das eigentliche Dealen um Stoffe, Pitches und Packages tagsüber bei Brunches und Empfängen ab, die zahlreiche Sponsoren, Sender, Produktionsfirmen und andere Business-Instititutionen vom Film-Fernsehfond Bayern bis zum Equipment Hersteller Gürtler wieder großzügig veranstalteten. Zumindestens gab es genügend Gelegenheit, das Gesicht zu zeigen, sei es das wahre oder das wandelbare. Der Bayerische Rundfunk verwöhnte die Presse sogar mit einem gemütlichen Frühstück, bei dem sinnvollerweise Regisseure, wie Oliver Hirschbiegel und Thorsten Löhn zum entspannten Gespräch zur Verfügung standen und bereitwillig und ungekünselt Einblick in Ideen-Findung und detaillierte Vorgehensweise des Filmemachens gewährten. Auch zahlreiche Werkgespräche, Panels und Diskussionen waren während des Münchner Filmfests im Zentrum Gasteig Weg interessanten Informationsaustausches. Das Thema "Tatort Bild" wurde von Fachleuten spannend und lehrreich erörtert und stellte einen angenehm realistischen Kontext zum schwärmerischen Motto der "Magie des Films" dar. Schließlich sollte ein Filmfestival auch immer einen gewissen Lerneffekt für Laien wie für Profis mit sich bringen, um Kunst im Film oder Filmkunst möglichst facettenreich beleuchten und beurteilen zu können. Bis in die frühen Morgenstunden entmystifizierte die Medienwelt sich dann vorzugsweise bei unzähligen Premierenfeiern und Partys unterschiedlicher Mottos weiter, bis irgendwann die Präsentationsfähigkeit gänzlich erschlaffte. Ulla Rapps Glückssträne des stetigen Sonnenscheins bei der Veranstaltung der beliebtesten und lauschigsten Feier im Innenhof des Filmmuseums, der "Indie-Party", war abgerissen und es schüttete so reichlich, dass es eigentlich nicht mehr feierlich war. Das dichte Drängen unter den Sonnenschirmen ließ allerdings sympatischerweise die gewohnte Oberflächlichkeit ein wenig bröckeln und man zwischenmenschelte. Ordentlich abgetanzt wurde im bunten Blut-Dekors eine Nacht später im alten Militärschwimmbad auf Kosten von Premiere Pay TV-"Action&Suspense-Channel 13th Street". Wer dann noch nicht genug hatte, war mit der Luxus Nacht nach der Verleihung des Förderpreises deutscher Film endgültig bedient und verließ die folgende letzte Nacht des magischen Festivals mit viereckigen Augen, fertigen Füßen und vorbildlichen Vorsätzen, nie wieder einen so langgezogenen Feiertag einzulegen. zum Seitenanfang |
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