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Sonntagsblatt-Bayern. Ausgabe: 28 - vom: 10.07.2005


Wenn Kirche ins Kino geht
25 Jahre Interfilm-Akademie in München

Der Gautinger »Film-Pfarrer« Eckhard Bruchner ist ein Unikum. Während des Filmfests 2005 feierte seine evangelische Filmarbeit im Münchner Rio-Kino ein rundes Jubiläum.

    Eckhard Bruchner überreicht der Produzentin Galina Antoschewskaja aus Russland den One-Future-Preis 2005 der Interfilm-Akademie.
Der russische Film »Der Italiener« von Andrei Kravchuk, in dem ein Waisenjunge nach seiner Mutter sucht, mache »jungen Menschen Mut, sich auf eine selbstverantworliche Zukunft zu besinnen«, urteilte die Jury.
Foto: Harmsen

Film ab: Auf die Bühne im Münchner Gasteig tritt der evangelische Pfarrer Eckhard Bruchner, die wehenden grauen Haare funkeln auf dem schwarzen Schal, der trotz Sommertemperaturen locker über dem Anzug liegt. »Ich freue mich, den diesjährigen Preisträger des One-Future-Filmpreises 2005 verkünden zu dürfen: Es ist der russische Regisseur Andrei Kravchuk mit seinem neuen Film 'Der Italiener'«, verkündet der Pfarrer mit feierlicher Stimme. Die Jury-Mitglieder - bunt gemischte, in Pailletten-Kleider und schillernde Anzüge gewandete Filmleute - stehen auf und klatschen. Das Publikum applaudiert. Pfarrer Bruchner lächelt.

Zum 25-jährigen Bestehen der Interfilm-Akademie, erklärt Bruchner weiter, sei ein neuer Preis aus der Taufe gehoben worden: Der mit 5000 Euro dotierte »Interkulturelle Preis« soll Nachwuchs-Filmschaffende auszeichnen, die sich mit anderen Kulturen und Religionen beschäftigen. Im November soll er zum ersten Mal auf dem Internationalen Filmhochschulfestival in München verliehen werden. Applaus. Aus dem Lächeln wird ein Lachen.

Der in Gauting lebende Filmpfarrer Bruchner ist ein Unikum: Seit 1980 leitet er die 1970 in Amsterdam gegründete Interfilm-Akademie, und er wird nicht müde, die Bandbreite dieser Institution zu preisen. Da gibt es Seminare und Forschungsprojekte, es werden Filmproduktionen unterstützt, Filmreihen oder Podiumsdiskussionen. »Ein Missionswerk sind wir nicht«, ereifert sich Bruchner. Vielmehr gehe es darum, »den Dialog zwischen den Generationen, Kulturen und den Religionen zu fördern.«
Geld gibt es kaum für diese Arbeit, dafür ein Netzwerk aus Förderern und Sponsoren sowie Ehrenamtlichen. Dennoch kommt die Akademie gut an: Bei der One-Future-Preisverleihung ist eine Abordnung der russischen Botschaft zugegen, und bei dem zweitägigen Seminar lässt es sich der Filmfest-Geschäftsführer And?reas Ströhl nicht nehmen, die Arbeit der Akademie ausführlich zu loben.
Von einem Aufhören kann für den 61-jährigen Religionslehrer Bruchner daher nicht die Rede sein. Für die Zukunft sprudelt er nur so vor Ideen: Den Nachwuchs will er fördern, denn schließlich könne man mit Filmen junge Leute erreichen wie sonst kaum. Filmreihen und Seminare will er organisieren. Und zum ökumenischen Kirchentag 2010 soll es im Münchner Olympiastadium eine Großveranstaltung »Kino und Kirche« geben. Film ab!

DAS STICHWORT
Interfilm-Akademie
Ein Vorläufer der »Interfilm-Akademie« wurde 1970 in Amsterdam gegründet. Die Akademie ist Teil des Netzwerks kirchlicher Filmarbeit »Interfilm« und veranstaltet Seminare zu aktuellen Themen aus dem Spannungsfeld von Kirche, Kino und Gesellschaft. Daneben fördert sie Forschungsprojekte und Filmproduktionen.
Aus Anlass der Katastrophe von Tschernobyl wurde 1986 der One-Future-Preis begründet. Er wird jährlich auf dem Filmfest in München verliehen.

Rieke C. Harmsen

Filmseminar der Hanns-Seidel-Stiftung in Kooperation mit der Kath. und Ev. Erwachsenenbildung im CityDom . Mai 2005


„Nachkriegsvisionen im Straubinger Land nach 1945“

Das Filmseminar der Hanns-Seidel-Stifung in Kooperation mit den örtlichen kirchlichen Bildungswerken der katholischen und evangelischen Kirche am Vorabend des Pfingstfestes, thema-tisierte das Kriegsende als auch den Neubeginn nach 1945 vor 60 Jahren. Der Ortsbezug war demnach den Veranstaltern wichtig, das kam in den Diskussionen und den Redebeiträgen der Film-analysen als auch in den einführenden Bemerkungen zu den jeweiligen Streifen immer wieder zum Ausdruck. Prof. Eckart Bruchner, Direktor der Interfilm-Akademie, München/Antwerpen, Edmund Speiseder für die Katholische Erwachsenenbildung Straubing-Bogen sowie Elke und Hasso von Winning zeichneten für das Evangelische Bildungswerk.

Unter dem Aspekt „Jugend zwischen Missbrauch und neuer Orientierung“ stand das Seminar am Freitagabend mit dem im Jahre 1959 entstandenen Film „Die Brücke“, der in Cham in der Oberpfalz von Bernhard Wicki gedreht wurde, und der das tragische Ende einer Gruppe sechzehnjähriger Jungen zeigt, die in den letzten Kriegstagen die Brücke ihres Heimatstädtchens sinnlos verteidigen. In ihrem Erleben und Sterben spiegelt sich die grausige Realität des Krieges, der mit einer unübertroffenen Echtheit und Konsequenz dargestellt wird. Und ein Teilnehmer, in Berlin geboren und an der Ostfront als 16-jähriger von gleichen Erlebnissen berichtete, wundert sich heute noch, mit welchem Fanatismus erzogen wurden. Oliver Hirschbiegels „Untergang“, das Historiendrama, das im Herbst des vergangenen Jahres in der Produktion von Bernd Eichinger in die Kinos kam, fand Begeisterung und Ablehnung gleichermaßen in der Filmkritik der Teilnehmer; vor allem die durchaus als höchst überzeugend gespielte Rolle Adolf Hitlers durch Bruno Ganz. Und manche Teilnehmer thematisierten in der Filmbesprechung erst recht, die Filmprofessor Eckart Bruchner moderierte, die menschenverachtenden Äußerungen und Einstellungen des Führers. Mit Bruno Ganz äußerst deutlich sichtbar. Und dabei wurde allenthalben sichtbar, hätte dieser Untergang in diesem Maße verhindert werden können. Die Teilnehmer dieses Filmseminars jedenfalls waren überwiegend der Meinung, dass „Niebelungentreue“ und „Kadavergehorsam“ unausweichlich in diesen Abgrund führen mussten.

Durchhaltewillen bis zum Letzten. Im Führerbunker, unter meterdicken Betonmauern, flieht man vor der Realität. Die Generalität wagt bis zuletzt nicht, dem „Führer“ Widerstand entgegen zu setzen. Selbst die unsinnigsten Befehle werden noch ausgeführt. Tausende müssen sterben, weil Adolf Hitler glaubt, die Vorsehung hätte ihn auserkoren die Welt zu regieren.

Nachkriegsvisionen im Straubinger Land
Marianne Rosenbaum, 1940 in Leitmeritz/Böhmen geboren, kam 1945/46 mit ihrer Familie nach Straubing und verbrachte hier ihre gesamte Schulzeit. Anfangs in Sossau prägte die Nähe zum Außenseiterleben der Straubinger Sintis in Hennenwöhrd, ein weiteres ihrer Lebensthemen, die Solidarität mit den Schwachen. Ihre Kindheit war geprägt durch die Auswirkungen des Krieges und den Möglichkeiten seiner Überwindungen. Aus diesen Erinnerungen heraus hat die Filmemacherin zunächst als Malerin gearbeitet und kam nach einem Filmstudium in Prag zum Genre Film.

1982 drehte sie ihren ersten Kinofilm „Peppermint Frieden“ mit Peter Fonda in der Hauptrolle, der in Schwarzweiß die Nachkriegsjahre bis 1950 nachzeichnet und mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet wurde. Drehort war Sossau, vor den Toren Straubings, der Ort ihrer Kindheit.

Und einige Filmbesucher kamen auch aus dem Grund, so erzählten sie im Filmgespräch, weil sie Darsteller der damaligen Dreharbeiten kannten bzw. den Drehorten in den damaligen Erscheinungsbildern wieder begegnen wollten. Hubert Reisinger aus Sossau mimte beispielsweise einen amerikanischen Soldaten, der im Rahmen einer Verhaftung zu sehen ist. Marianne Rosenbaum thematisierte aber auch in Filmen das Leben einer Jüdin, eines Kommunisten und eines Zigeuner, die in Theresienstadt, Dachau und Auschwitz waren. Viele der Teilnehmer konnten sich und ihre Kindheit, die unmittelbar nach dem Krieg stattfand, wiedererkennen. Marianne Rosenbaum und Gèrard Samaan hatten ein Gefühl für die sehr dichte Wiedergabe der Stimmung in der Bevölkerung oder die Darstellung der Lebensumstände und der Kleidung. „Wir hatten damals auch gestrickte Unterhosen“, erinnerte sich schmunzelnd eine Teilnehmerin. Auch die Erlebnisse mit den Amerikanern sind vielen noch im Gedächtnis. „Mein Vater sagte damals zu mir, von diesen nimmst du keinen Kaugummi; denn das sind die Sieger!“

-spe-

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