Interfilm-Akademie News

Das Schweigen der Lämmer / The Silence of the Lambs (englische OF)

USA 1991 | 118 min. | Regie: Jonathan Demme | mit Jodie Foster, Anthony Hopkins u.a.
Mittwoch, 09.05.2018, 21:15
Metropolis, Kleine Theaterstr. 10 / 20354 Hamburg

Als 10. Hamburger Filmgespräch zeigen wir ein Highlight des Thriller-Genres! Um einen grausamen Serienmörder zu finden, setzt das FBI die eigene Mitarbeiterin Clarice Starling, die sich noch in Ausbildung befindet, als Lockvogel der besonderen Art ein: Sie soll das Interesse des inhaftierten, kannibalistischen Psychiaters Dr. Lecter an dem Fall wecken. Ihre Begegnung wird beide verändern.

Jonathan Demmes bildgewaltiger ‚amerikanischer Albtraum‘ nach dem Roman von Thomas Harris porträtiert auch einige der grausamsten Mörder der US-Historie wie Ted Bundy und Ed Gein, der bereits Vorbild für Psycho und Texas Chainsaw Massacre war.

Moderiert wird die Veranstaltung vom Filmemacher Franz Indra und dem Autor Stefan Preis.

Das schweigende Klassenzimmer

Deutschland 2018 | 111 Min. | Regie: Lars Kraume | mit Jonas Dassler, Judith Engel, Tom Gramenz u.a.
Mittwoch, 11.04.2018 19:45
Filmeck Gräfelfing, Bahnhofplatz 1 / 82166 Gräfelfing

1956: Bei einem Kinobesuch in Westberlin sehen die Abiturienten Theo (Leonard Scheicher) und Kurt (Tom Gramenz) in der Wochenschau dramatische Bilder vom Aufstand der Ungarn in Budapest. Zurück in Stalinstadt, wo sich die Oberschüler mit ihren Mitschülern Lena (Anna Lena Klemke), Paul (Isaiah Michaelski) und Erik (Jonas Dassler) auf das Abitur vorbereiten, entsteht der Plan einer solidarischen Schweigeminute für die Opfer des Aufstands gegen die russische Übermacht während des Unterrichts.

Einführung und Diskussion: Pfarrer Eckart Bruchner, Interfilm-Akademie.

Große Vögel, kleine Vögel / Uccellacci e uccellini

Italien 1966 | 89 min. | Regie: Pier Paolo Pasolini | mit Totò, Ninetto Davoli, Femi Benussi u.a.
Mittwoch, 11.04.2018, 18 Uhr
Rio Filmtheater, Rosenheimer Str. 46 / 81667 München

Zunächst musste Ennio Morricone für diesen aus jedem Rahmen fallenden Film nach dem Willen Pasolinis einen gesungenen Vorspann im Stil eines italienischen Kinderliedes komponieren. Es folgt eine surrealistische Fabel voller Slapstick und Poesie, in die der heilige Franziskus ebenso eingestreut wird wie Dokumentaraufnahmen von der Beerdigung des kommunistischen Politikers Palmiro Togliatti. Wir finden Vater und Sohn auf der Straße des Lebens, der Vater wird verkörpert von dem berühmten italienischen Komiker Totò in einer seiner letzten Rollen, der Sohn des in fast allen Pasolini-Filmen präsenten Ninetto Davoli. Belästigt werden sie auf ihrem Weg von einem sprechenden Raben, der sie vergeblich mit existentiellen Fragen zwischen Christentum und Marxismus konfrontiert.

Einführung und Diskussion: Pfarrer Rainer Hepler, Kunstpastoral

Maria Magdalena

Vereinigtes Königreich, USA, Australien 2018 | 120 Min. | Regie: Garth Davis | mit Rooney Mara, Joaquin Phoenix, Chiwetel Ejiofor u.a.
Donnerstag, 29.03.2018 19:30
Kino Breitwand Gauting, Bahnhofsplatz 2 / 82131 Gauting

Eine Frau, die von Männern zum Schweigen gebracht wurde, indem man ihren Ruf beschmutzt – das war Maria Magdalena, die zum engen Kreis um Jesus von Nazareth gehörte. Wie in der Bibel nachzulesen ist, wurde sie von seinen Jüngern nicht anerkannt, galt als Sünderin und Prostituierte. Passend zu Ostern kommt jetzt Maria Magdalena von Regisseur Garth Davis in die Kinos, der erste Bibelfilm aus weiblicher Perspektive. Rooney Mara (Oscar-Nominierung für die Rolle der Lisbeth Salander in David Finchers Millennium) spielt die verleumdete Jesus-Jüngerin, erstmals und einzige, die Jesus (Joaquin Phoenix) wirklich versteht und erkennt, was es heißt, mit Gott eins zu sein. Bis zur Kreuzigung hat sie Jesus begleitet, hat ihn zusammen mit seiner Mutter Maria beweint und war auch bei der Auferstehung dabei – was ihre besondere Stellung eigentlich schon hätte bezeugen müssen.

Einführung und Diskussion mit Filmpfarrer Eckart Bruchner, Interfilm-Akademie.

Das Leuchten der Erinnerung / The Leisure Seeker

Italien / Frankreich 2017 | 112 Min. | Regie: Paolo Virzì | mit Helen Mirren, Donald Sutherland u.a.
Mittwoch, 07.03.2018 19:45
Filmeck Gräfelfing, Bahnhofplatz 1 / 82166 Gräfelfing

Ella und John sind schon viele Jahre verheiratet. Das Leben des in die Jahre gekommenen Ehepaares wird mittlerweile aber größtenteils von ihren Arztbesuchen und den Bedürfnissen und Ansprüchen ihrer Kinder bestimmt. Um ein letztes richtiges Abenteuer zu erleben, beschließen die beiden, sich in ihrem Oldtimer-Wohnmobil, auf die Reise entlang der US-Ostküste – von Boston bis nach Florida – zu begeben. Der Beginn einer Reise, von der keiner weiß, wohin sie die beiden führen wird… (Quelle: Zelluloid.de)

Einführung und Diskussion mit Pfarrer Eckart Bruchner, Interfilm-Akademie.

Die Totenliste / The List of Adrian Messenger (dF, 35 mm)

USA 1963 | 98 min. | Regie: John Huston | mit Kirk Douglas, Robert Mitchum, Tony Curtis, Burt Lancaster, Frank Sinatra u.a.
Mittwoch, 14.03.2018, 19:00
Metropolis, Kleine Theaterstr. 10 / 20354 Hamburg

Der ehemalige Geheimdienstagent Anthony Gethryn steht vor einem Rätsel: Sein Freund Adrian Messenger ist unter mysteriösen Umständen ermordet worden. Der Tod des Schriftstellers scheint im Zusammenhang mit einer Liste zu stehen, auf der sich die Namen von elf Männern finden, die gemeinsam im Burmakrieg gedient haben. Alle fallen nach und nach unterschiedlichen Mordanschlägen zum Opfer. Gethryn macht sich auf die Jagd nach dem Serienkiller, doch die Raffinesse und ständig wechselnden Masken und Verkleidungen des Killers erschweren die Suche erheblich.

John Huston (Der Malteser Falke) schuf ein Juwel des ausklingenden Film Noir, der auch ein in der Kriminologie eher marginal behandeltes Thema aufgreift: beispiellose Verbrechen mit bizarrer Motivation wie die Eisenbahnattentate des Sylvester Matuska, die Germanwings-Katastrophe oder aktuell den BVB-Anschlag. Huston beeinflusste mit dem Plot auch spätere Klassiker des Thriller-Genres wie Neun im Fadenkreuz, Kill Bill oder RED.

Moderiert wird die Veranstaltung vom Autor Stefan Preis.

Die Geschichte um eine kleine, zierliche Frau, einen großen dicken Mann und um einen Garten

Nun will ich Ihnen mal erzählen, wie es dazu gekommen ist, sagte der große dicke Mann dem langen Dünnen. Die beiden saßen in einem chinesischen Restaurant hinter dem Bieberhaus in einer – ja, Weltstadt, möchte man gern sagen. Aber sie ist keine Weltstadt trotz des chinesischen Restaurants (oder war es ein japanisches?) Sie ist eine Großstadt, aber verglichen mit anderen Orten eben keine Weltstadt, keine Metropole.
Beide griffen sie gleichzeitig zu dem kleinen Fäßchen, das die Zahnstocher enthielt. Tschuldigung, sagte der lange Dünne, als ihre Hände fast kollidierten, und beide lachten.
Es waren sechs anstrengende Wochen gewesen, die sie für ein gemeinsames Projekt gearbeitet hatten. Nun war der Druck vorbei, und bevor jeder endgültig seines Weges ging und sich anderen Aufgaben zuwendete, hatte der große dicke Mann den langen Dünnen zum Abendessen in das chinesische Restaurant eingeladen. War es nicht doch ein japanisches?, egal, Zahnstocher sind überall gleich, und obwohl das Essen ausgezeichnet war, gibt es das Restaurant nicht mehr. Es war so, nahm der große dicke Mann seinen Monolog wieder auf (er monologisierte gern und sehr gut). Wir waren uns nie begegnet, die kleine zierliche Frau und ich. Er sah dabei in die fragenden Augen des langen Dünnen und fügte deshalb schnell hinzu: Seltsam, nicht wahr.

In der Tat war es seltsam, beide waren sehr berühmt, weltberühmt sogar, arbeiteten im selben Beruf, die kleine zierliche Frau schon seit sechzig, siebzig Jahren und der große dicke Mann seit mindestens vierzig.
Natürlich hatten die beiden viel voneinander gehört, nur über den Weg gelaufen, das waren sie sich noch nicht. Geschweige denn hatten sie je miteinander gearbeitet, bis, ja, bis …
Ich rezitierte gerade in einem Hotel in einer großen Stadt vor einem, er schmunzelte, ich muß sagen, begeisterten Publikum, als ich sie entdeckte. Die kleine zierliche Frau saß in der ersten Reihe. Tränen flossen aus ihren wundervollen großen Augen, Tränen der Freude und des Glücks. Sie lachte laut und aus vollem Herzen.
Verstohlen machte die kleine zierliche Frau in der ersten Reihe dem großen dicken Mann ein Zeichen und noch eines. Er wirkte jetzt gar nicht so massig, saß er doch an einem Tisch und las vor. Er war verwirrt und lief Gefahr, sich zu versprechen.
Nicht nur die wiederholten, kaum sichtbaren Zeichen, die die kleine zierliche Frau mit der rechten Hand machte, verwirrten ihn. Das machten Frauen öfter; denn der große dicke Mann war berühmt.
Nein, in diesem Falle war es umgekehrt. Sein ganzes Leben hatte der große dicke Mann die kleine zierliche Frau bewundert. Schon immer wollte er sie sehen, ihr gegenüberstehen, ihr seine Bewunderung kundtun. Aber sie war weit weg, lebte schon ein halbes Leben lang in einer richtigen Weltstadt mit einer fremden Sprache.
Und nun war sie plötzlich da, bewunderte sie ihn, der sie ja eigentlich viel mehr bewunderte. Sie wohnte sogar im selben Hotel. In seiner Rührung wäre der große dicke Mann wahrscheinlich trotz seiner Begabung verbal ins Stolpern geraten, wenn ihm am Ende seiner Darbietung nicht die Idee gekommen wäre, andere Menschen, seine Gäste in seine Bewunderung mit einzubeziehen und so von seiner eigenen Rührung ein wenig abzulenken. Einige der Zuhörer hatten die kleine zierliche Frau schon vorher wiedererkannt. Als aber jetzt der große dicke Mann am Ende der Vorstellung beide Arme hob und damit den Applaus unterbrach, um scheinbar ein paar Dankesworte auszusprechen, als er jedoch ganz etwas anderes sagte, daß nämlich unter ihnen diese von ihm und von vielen anderen, besonders älteren Gästen bewunderte Kollegin weilte, brach frenetischer Beifall aus. Die Zuhörer sprangen von den Sitzen und bildeten ein Spalier, durch das schließlich der große dicke Mann mit der kleinen zierlichen Frau am Arm zum Ausgang schritt.
Nachdem sich der Sturm der Begeisterung, der sich durch das ganze Hotel hinzog, endlich gelegt hatte, saßen sich die beiden berühmten Menschen in einer ruhigen Ecke des Foyers gegenüber. Sie waren sich tatsächlich begegnet, die großartige kleine zierliche Frau und der berühmte große dicke Mann, der fast ihr Sohn sein könnte.
Wir werden beide alt, sagte sie und strafte mit ihren lebendigen Augen und ihren jugendlichen Bewegungen ihre eigenen Worte Lügen. Und doch sagte sie: Wir werden beide alt. Ich will mit Dir noch einmal zusammen arbeiten, bevor es zu spät ist und nicht mehr geht.
Der große dicke Mann saß seinem Ideal gegenüber und konnte nichts sagen. Diese berühmte Frau bat ihn um eine gemeinsame Arbeit, etwas, was er niemals für möglich gehalten hatte. Er konnte nicht sprechen, und sie schwieg ebenfalls, aber ihre Augen sahen ihn fragend an. Wir müssen nur etwas Gemeinsames finden. Da war sie wieder, die praktische und zielstrebige Vitalität dieser kleinen zierlichen Frau. Sie fand es, sagte der große dicke Mann zu dem langen Dünnen. Unsere Zahnstocher lagen benutzt und zerknickt auf den Untertassen. Bitte, noch einmal grünen Tee.
Es dauerte viele Monate, bis alle Mitarbeiter zusammen waren – und nachdem die kleine zierliche Frau ihren Willen durchgesetzt hatte. Nein, traurig sollte ihre Zusammenarbeit nicht enden. Dafür seien sie beide zu alt, es müsse schon harmonisch ausklingen. Und so wurde das Drehbuch von Tim Aspinall am Ende umgeschrieben, nur die letzte Seite.

„Der Garten“ mit Elisabeth Bergner und Gert Fröbe wurde eines der schönsten Fernsehspiele, die je produziert wurden. Mit Wolfgang Liebeneiner als Regisseur und seinem Schwiegersohn Michael Thiele als Kameramann hatte die Polyphon zwei Garanten für gute Arbeit gewonnen.
Die sechswöchigen Dreharbeiten, zur Hälfte auf dem Gut Jersbek bei Bargteheide, zum anderen Teil im Studio Hamburg, verliefen im Nu und in einer Harmonie, wie sie selten bei einer Fernsehproduktion zu finden ist.
Der lange Dünne war Frau Bergner als Fahrer zugeteilt, Herr Fröbe hatte seinen eigenen.
Wenn sie abends ins Atlantic zurückkehrten, erwarteten Frau Bergner Stapel von Post, dazu deutsche und englische Zeitungen. An der Rezeption fragte sie ihr Chauffeur dann regelmäßig: wie geht’s heute? Es gab auf diese tägliche Frage zwei möglich Antworten, entweder: begleiten sie mich bitte bis zur Tür, mein Kreislauf spielt heute ein klein wenig verrückt. Damit hakte sie sich bei ihrem Fahrer, der ihr Enkel sein könnte, ein und verschwand mit ihm in die zweite Etage, in der am Ende eines langen Ganges ihre Suite lag. Dann wieder sagte Frau Bergner: es ist alles in Ordnung, ich wünsche Ihnen eine ‚Gute Nacht‘, bis morgen um zehn, wobei zehn als Frage gestellt, aber nur rhetorisch gemeint war; denn Frau Bergner wußte genau, was sie sagte und wie sie es tat.
Wolfgang Liebeneiner wohnte auch im Atlantic. Er war seiner Hauptdarstellerin ebenbürtig, sowohl was die Berühmtheit als auch was das Alter anbetraf. Das Bild, wie Herr Liebeneiner in einem Sessel des Foyers sitzend auf seinen Fahrer wartete und dabei in der ihm eigenen Art seine alte Aktentasche festhielt, ist unvergessen.
Der Regisseur mußte aus praktischen Gründen ins Atlantic umziehen, das ersparte ihm viel Zeit und abendliche Wege. Spät, sehr spät zitierte ihn nämlich seine resolute Altersgenossin regelmäßig in ihre Suite und arbeitete den viel zu langen Text für den nächsten Tag noch einmal durch. Manchmal wurde dann später, noch später der Fahrer zu Hause angerufen: morgen erst um elf, statt um zehn. Frau Bergner hatte wieder einmal gewonnen.
Dem abendlichen Ritual bei der Rückkehr vom Drehort folgte eines am nächsten Morgen bei der Abholung (diesmal um zwölf bitte), ohne Alternative allerdings.
Frau Bergner hatte ihrem Fahrer klipp und klar gesagt, sie wolle sich im Auto nicht anschnallen. Das brachte den langen Dünnen in arge Schwierigkeiten. Wenn er nun auf der 45minütigen Fahrt vom Atlantic nach Gut Jersbek einen Unfall hatte mit diesem berühmten Fahrgast auf dem Beifahrersitz? Frau Bergner war zwar ständig hellwach, aber trotzdem. In seiner Not wandte sich der Fahrer an den Produktionsleiter, vergeblich: Er als Fahrer sei verantwortlich dafür, daß der Fahrgast angeschnallt befördert wird.
Mit einiger Überredungskunst (und Sympathie auf beiden Seiten) überzeugte er schließlich seinen Fahrgast von der Notwendigkeit, sich anzuschnallen … Nein, so ist das nicht richtig, sich anschnallen zu lassen, muß es heißen. Denn jeden Morgen (oder Mittag), nachdem Frau Bergner im Auto Platz genommen hatte und nach ihrem: dann bitte! mußte sich ihr Fahrer zu ihr hinüberbeugen und an den vielen Briefen, Zeitungen, der Hand­tasche und der an einer Schnur baumelnden Lesebrille vorbei den Gurt ergreifen und ihn einklinken. Erst dann konnte die Fahrt vorbei an jedem tiefer liegenden Gully ins schöne Gut Jarsbek beginnen.
Elisabeth Bergner war liebenswert, wenn sie wollte, und ihr Fahrer hatte Glück. Und doch brachte sie auch ihn einmal, allerdings ungewollt, in arge Bedrängnis.
Sie wolle nach Drehschluß noch kurz in ein großes Kaufhaus in der Innenstadt. Wir treffen uns dann wieder genau hier. Ausgestiegen und von dort aus in Richtung Kaufhaus verschwunden war die kleine zierliche Frau, aber direkt an einer Bushaltestelle. Da konnte der Fahrer unmöglich warten, fand aber glücklicherweise bald einen Parkplatz in der Nähe. Den Ein- respektive Ausgang würde sie nie wiederfinden, das war dem Fahrer klar. Und doch durfte er sie nicht einfach ausrufen lassen. Frau Bergner hatte sich nämlich ausbedungen, inkognito zu bleiben. Der Chauffeur hatte seinen Schützling verloren.
Eine halbe Stunde verging, die dem Fahrer Höllenqualen verursachten. Da sah er über die Verkaufsstände hinweg eine Menschentraube sich in Richtung Ausgang schieben. In dieser Menge war seine Frau Bergner, genau in der Mitte, kaum erkennbar. Was war passiert?
Die berühmte kleine zierliche Frau war vorerst tatsächlich inkognito geblieben, hatte sich am ersten Stand hinter dem Eingang etwas gekauft und dort ihr Portemonnaie vergessen. Während ihres weiteren Bummels war Frau Bergner an ältere Verkäuferinnen geraten. Es dauerte nicht lange, bis aus einem ersten gewisperten: Das ist sie doch! ein nicht enden-wollendes Händeschütteln, Lachen und Autogrammeschreiben geworden war. Als die berühmte Kundin irgendwo im Innern des Kaufhauses bezahlen wollte, fiel ihr ihr eigenes Mißgeschick ein, und von immer weiteren Verehrerinnen und wohl auch einigen älteren Herren heimlich betrachtet, wurde der Gast zum ursprünglichen Eingang komplementiert, wo ihr Fahrer sie buchstäblich händeringend in Empfang nahm.
Ein andermal war Gert Fröbe Zielscheibe der Be- und Verwunderung. Frau Bergner hatte drehfrei, und so hatte ihr Fahrer auf dem Weg vom Studio zum Hotel zwei andere Fahrgäste im Wagen, die Herren Liebeneiner und Fröbe.
Nun gibt es auf dem Weg in die Stadt eine Konditorei mit einer Torte, an der man nicht so einfach vorbeikommt: der Zitronentorte. Was sonst nie passiert, geschah jetzt: Direkt vor der Konditorei fand der Fahrer einen Parkplatz. Er sollte drei Stück Zitronentorte kaufen, die seine Fahrgäste und er im Fahrzeug verzehren würden.
Wenig später saßen alle drei, Herr Fröbe vorn, Herr Liebeneiner dahinter, der Fahrer an seinem Arbeitsplatz mit jeder einem Stück Torte auf einem kleinen Pappteller in der Hand. Jeder von den Dreien versuchte nun, von der sehr hohen Zitronentorte ein Stück abzubeißen. Alle drei verrenkten sich dabei die Köpfe, mal nach rechts, mal nach links. Haltung zu bewahren, ist manchmal schwierig.
Das Verkaufspersonal hatte inzwischen Herrn Fröbe erkannt. Die jungen Mädchen und Frauen standen nun im Laden und beobachteten durch die Schaufensterscheibe die Verrenkungen der drei Männer in der teuren Limousine. Nachdem sie sich zusammen mit einigen Kunden ausgeschüttet hatten vor Lachen, siegte die praktische Vernunft. Eine der Damen kam heraus und brachte ihnen drei Gabeln und einen Stapel Servietten ans Auto. Herr Fröbe bedankte sich anschließend mit Autogrammen und seinem Charme, von dem er viel besaß.

Das Bergfest nach der halben Drehzeit verlief genauso harmonisch und liebevoll wie die Arbeit an sich. Viele im Team duzten sich, manche blieben aus Respekt beim Sie, alle achteten einander. Es herrschte ein angenehmer Ton, und wenn beispielsweise ein Fahrer, während er die Tür für den Gast öffnete, dabei die Hand in der Hosentasche behielt, galt das schon als ungehörig.
Nach dem Bergfest kam der Umzug ins Atelier und damit weniger Arbeits- und Fahrzeit für alle. Und nach zwei Wochen im Studio war es dann so weit: Adressen wurden getauscht, Autogrammwünsche überbracht und die nächste Produktion besprochen, bei der man sich eventuell wiedersehen würde. Das alles sollte aber nur ein Gefühl überdecken: daß in einer Woche alles vorbei ist, man auseinandergeht und traurig ist. Wenn eine Tournee zu Ende ist und sich alle gemocht hatten, tut das Ende weh. Das trifft im Theater zu oder bei einer Show (oder nach einer längeren Seereise) und manchmal auch wie hier beim Fernsehen.
Der lange Dünne mußte noch aus einem anderen Grund mit seinen Gefühlen zu Rande kommen. Er hatte nämlich einen Fahrfehler begangen und eine teure Limousine schwer beschädigt.
Nach Drehschluß des letzten Tages hielt Gert Fröbe als Abschiedsgeschenk eine Überraschung für alle bereit. Er schenkte dem Team einen Abend. Wie damals im Hotel mußte auch jetzt Frau Bergner in der ersten Reihe sitzen.
Wir bogen uns vor Lachen und allen kamen die Tränen. Gert Fröbe machte es uns leicht; denn zwischen Tränen des Lachens und denen der Trauer kann man nicht unterscheiden. Wir brauchten uns also nicht zu schämen. –
Seitdem sind vierzehn Jahre vergangen. Erst – 1985 – starb Frau Bergner in ihrer Wohnung am Eaton Square in London, zwei Jahre danach Herr Liebeneiner und 1988 auch Herr Fröbe.

Wenige Wochen nach dem gemeinsamen Abendessen in dem chinesischen (oder japanischen) Restaurant rief Gert Fröbe den langen Dünnen an. Ob er ihm das Negativ von dem einen Foto abkaufen könne, das mit der großen weißen Brust und dem verschmitzten Lächeln und der keck auf dem runden Kopf sitzenden Baskenmütze. Das wolle er als Autogrammkarte drucken lassen. Nun ist das Foto auch in einem Buch über den großen dicken Mann abgedruckt. Und das Bild von der kleinen zierlichen Frau liegt lose in ihrem Memoirenband. Herr Liebeneiner hatte dem Fahrer damals bei den Dreharbeiten strikt untersagt, Frau Bergner gerade dieses eine Foto zu zeigen. Es war von der falschen Seite aufgenommen worden. So gut kannte er seine Hauptdarstellerin und so wenig kannte der Fahrer die berühmte Frau.

Sie haben einmal, ein einziges Mal zusammen arbeiten können, die kleine zierliche Frau und der große dicke Mann, der fast ihr Sohn hätte sein können und der sie so sehr verehrt hatte. Nun sind sie beide nicht mehr, und auch ihr einfühlsamer Spielleiter ist nicht mehr da. „Der Garten“ aber ist unvergessen, man kann ihn sich immer wieder ansehen.

Text und Fotos: Peter Grage

Moritz Daniel Oppenheim: The first Jewish painter

Deutschland/Frankreich/Israel/Portugal 2016 | 101 Min. | Regie: Isabel Gathof
Mittwoch, 14.03.2018 19:30
Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) München, Bernd-Eichinger-Platz 1 / 80333 München

Im Rahmen der Woche der Brüderlichkeit Angst überwinden – Brücken bauen vom 11.-18.03.2018 wird der für den Hessischen Film- und Kinopreis nominierte Film als süddeutsche Premiere gezeigt. Zum ersten Mal widmet sich ein Dokumentarfilm dem „ersten jüdischen Maler der Moderne“, der mit seinen Darstellungen zum altjüdischen Familienleben ein jüdisches Selbstbewusstsein in der Kunstgeschichte etablierte und sich stark für den interkonfessionellen Dialog einsetzte – ein Thema, das auch heute aktueller kaum sein könnte.

Anschl. Filmgespräch mit Regisseurin Isabel Gathof (HFF Alumna), Prof. Bettina Reitz, Präsidentin der HFF München, Rabbiner Yehuda Aharon Horovitz M.A., Israelitische Kultusgemeinde München (Nachfahre des Hanauer Gemeinderabbiners zu Oppenheims Zeiten) und Dr. Peter Marinković, Vorstandsmitglied GcjZ und Direktor der Interfilm-Akademie.

Kooperationspartner: Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) München, Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit München-Regensburg e.V. (GcjZ)

Eintritt frei, keine Anmeldung erforderlich

 

Watch me if you can

Schau auf mich – das 37. Internationale Festival der Filmhochschulen München

Sehenswertes Kino im dunklen Novembertagen; Jungregisseure, die sich eine Karriere in Hollywood erhoffen; bester Branchentreff und kollegialer Austausch; ausgelassene Partystimmung; humorvolle und unermüdliche Moderatoren; liebevolle Gästebetreuung; viel Bier und gutes Essen. Alles das wird traditionell mit dem Internationalen Festival der Filmhochschulen verbunden.
„Die Woche war sehr interessant“, sagt Filmpfarrer Eckart Bruchner. „Es war eine gute Stimmung. Das Hochschulfestival ist zwar nicht so groß wie das Filmfest München, aber für die Zukunft eigentlich wichtiger. Große Regisseure haben hier ihre ersten Preise bekommen.“
Vielleicht ist das Münchner Hochschulfestival, das diesmal unter dem Motto Watch me if you can steht, beim Filmnachwuchs auch deshalb so beliebt, weil so viele Preise locken. In diesem Jahr wurden insgesamt Preisgelder in Höhe von kapp 70.000 Euro vergeben, dank langjähriger treuer Stifter, wie beispielsweise dem VFF. Die Verwertungsgesellschaft der Film- und Fernsehproduzenten vergab ihren Young Talent Award (7.500 Euro) in diesem Jahr an die 29jährige Filmemacherin Sinje Köhler von der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Ihr Beitrag Freibadsinfonie, ist ein kurzweiliger Episodenfilm in Schwarz-Weiß, der an einem Sommertag im Freibad dem Leben einer in einer Eiskugel versinkenden Wespe ebenso intensiv nachspürt, wie einer älteren Schauspielerin, die sich hinter großer Sonnenbrille und Bademantel so lange versteckt, bis ihr Schwimmlehrer kommt.
Die Nagelschneider-Stiftung, mit dem Climate Clip Award ebenfalls ein Veteran des Festivals, prämierte dieses Jahr Real News von Fabian Carl, A World Unseen von Kim Kreiser und Office Fish von Benjamin Vornehm mit 5.000, 3.000 bzw. 1.000 Euro.

Reformationspreis 2017

Es gab 2017 aber auch ganz neue Sponsoren, wie die Evangelisch-Lutherische Kirche, die besonders spendabel war und für die talentierten Filmemacher von morgen Preisgelder in Höhe von 15.500 Euro und eine Trophäe gestiftet hat: „Es ist das erste Mal, dass ich in dieser Form mit dem Filmschoolfest kooperiere“, sagt die Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler. Die ständige Vertreterin des Landesbischofs will mit dem von ihr anlässlich des aktuellen Reformationsjubiläums einmalig ausgelobten Reformationspreises junge Filmschaffende für ein Thema sensibilisieren, das ihr quasi berufsmäßig auf den Nägeln brennt.

V.l.n.r.: Fatih Tura („The Origin of Trouble“), Joren Molter („Greetings from Kropsdam“), Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, Julia Lindström („Mamma“), Festivalleiterin Diana Iljine, Jurymitglied Xaver Schwarzenberger

„Im 16. Jahrhundert sorgten besonders Flugschriften, Briefe und Bücher für die Verbreitung des Gedankenguts von Martin Luther. Heute sind es die modernen Medien, die unsere Diskurskultur beeinflussen“, betont Susanne Breit-Keßler. „Filme setzen ins Bild, womit Menschen sich befassen, was sie umtreibt. Sie machen anschaulich, worum es im Miteinander geht. Das kann unsere Botschaft, unser Evangelium unterstreichen, zur Diskussion stellen oder auch einmal konterkarieren. Der Diskurs ist für den eigenen Glauben fruchtbar“, sagt sie.
Bei der Entscheidungsfindung standen ihr neben dem international renommierten Regisseur und Kameramann Xaver Schwarzenberger auch der selbst kabarettistisch und schauspielerisch tätige Alt-Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München Christian Ude als Jurymitglieder zu Seite standen.
Seine Woche mit 44 Kurzfilmen aus 17 Ländern hat der Cineast Ude auf den Punkt gebracht: „Es war ein Eintauchen in eine andere Welt. Kino ist anders als Fernsehkonsum in der eigenen gewohnten Umgebung. Man lässt sich stärker darauf ein. Ich fand die Vielzahl der Handschriften erstaunlich; sie waren vollkommen unterschiedlich. Es gab überhaupt nichts, was nur entfernt an die jungen Protestfilme der 1970er Jahre erinnert hätte. Es war sehr viel privater, sehr viel intensiver, weniger bewertend, weniger protestierend, sehr stark orientiert am Familiären, an Beziehungen zwischen Einzelpersonen, aber trotzdem hat man Zeitprobleme durchschimmern sehen.“

Mit ihrer Dokumentation The Origin of Trouble machte Tessa Louise Pope von der niederländischen Filmakademie in Amsterdam dem Motto des Festivals alle Ehre. In einem sehr persönlichen Interview mit ihrem leiblichen Vater erfährt der Zuschauer, warum die Regisseurin ohne ihn aufgewachsen ist. Sie war die Gewinnerin des zweiten Preises (3.000 Euro) zum Thema Reformation.
Von derselben Filmschule eingereicht wurde auch Greetings from Kropsdam von Joren Molter, dem Hauptgewinner des Reformationspreises (7.500 Euro). Sein Film zeige einen Mann, so Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, der sorglos sein Leben lebt, freundlich gegenüber jedermann, interessiert an allem, was passiert. In den Augen seiner Mitmenschen macht er einen Fehler – sie strafen ihn gnadenlos dafür ab. Die Jury, lobt einen „unglaublich ehrlichen Film, der totalitäre Mechanismen von Sozial- und Geisteskontrolle aufdeckt und Mut macht, sich in Gottes Namen gegen Borniertheit und Enge durchzusetzen – und notfalls dann eigene Wege zu gehen, die in Weite und Freiheit führen.“

Mit dem Reformationspreis soll die Bedeutung der Reformation auch für das aktuelle Medienzeitalter unterstrichen werden. Auch Bildung sei ein wichtiges Thema der Reformation, weshalb sich der Preis auch an den Filmnachwuchs richtet.
Das Preisgeld sei deshalb so hoch, erklärt Breit-Keßler, damit sich die jungen Filmstudierenden auch finanziell für Ihre Auseinandersetzung mit Kernthemen der Reformation und Neuzeit, wie Freiheit, Mut und Zivilcourage, gewürdigt wissen. Da ist die Hoffnung groß, dass auch künftig das Thema Film eine Rolle in ihrem Kirchenkreis spielen wird, der sich von Freising bis Berchtesgaden erstreckt.

Eine fromme Liaison?

Ihr Verhältnis zur Interfilm-Akademie, dem internationalen Forum, das seit über 35 Jahren den Dialog zwischen Film, Kultur und Religion fördert und seit einem Jahr Dekan Peter Marinković als Nachfolger von Pfarrer Eckart Bruchner leitet, sieht sie positiv: „Ich schätze Direktor Peter Marinković sehr – ‚mein‘ Dekan ist ein Mann mit großem, sensiblen Gespür für Kunst. Mit der Jury hatten wir während des Festivals einen wunderbaren kollegialen und freundschaftlichen Kontakt. Aber wir haben uns natürlich gegenseitig nichts verraten über unsere Favoriten!“, so die Regionalbischöfin.

Dennoch haben beide Jurys unabhängig voneinander denselben Film prämiert: Mamma von der norwegischen Filmemacherin Julia Lindström, die an diesem Abend mit Siegertrophäe des Bildhauers Bernd Sauter und Preisgeld des Prix Interculturel für Verdienste um den interkulturellen Dialog (1.500 Euro) sowie mit dem dritten Preis (3.000 Euro) zum Thema Reformation beglückt wurde.
Lindströms 25-minütiger Spielfilm Mamma ist, so der Laudator Peter Marinković von der Interfilm-Akademie, „die kraftvolle Geschichte von drei Frauen auf der Suche nach dem so genannten normalen Leben. Eine Großmutter, eine Mutter und ihre Tochter. Alle noch jung und zerrissen zwischen Freiheitsdrang, Hingabe und Verantwortung.“ Mit „schönem Realismus, unprätentiösen Details und begrenzten Dialogen“ zeige der Film, dass – unabhängig von Kultur und Gesellschaft – „die Verhaltensmuster einer Generation auf die nächste vererbt werden können.“

V.l.n.r.: Bildhauer Bernd Sauter, Filmpfarrer Eckart Bruchner, Preisträgerin Julia Lindström und Jury-Präsident Dr. Peter Marinković. Credit: Ronny Heine

Aber es geht nicht immer nur um Preise oder Geld. Oder doch? Jedenfalls benötigte der Venezolaner Leandro Lioh Navarro für seinen großartigen Schauspielerfilm You Usually Leave Me nur 70 Dollar (das meiste davon soll für das Catering ausgegeben worden sein). Der Student der Nationalen Filmschule Venezuelas in Caracas verdichtet in seinem 22-minütigen Film das Ausklingen einer Liebesbeziehung zu einem poetischen Stimmungsbild seiner Heimat, deren Bewohner ihr Land verlassen wollen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben in der Fremde. Im Wettbewerb um die begehrten Preise ging sein Beitrag allerdings leer aus.

Angelika Irgens-Defregger