Thema: HER WILL BE DONE

Cannes 2025 – Beobachtungen von Franz Indra

Heute beginnt die Berlinale – Anlass für einen Rückblick auf die letztjährige Ausgabe des wichtigsten Filmfestivals der Welt, des Festival de Cannes. Der Text ist ursprünglich gedruckt erschienen und kann hier als PDF heruntergeladen werden:

Die Filmfestspiele von Cannes sind nicht nur das wichtigste, sondern sicherlich auch das bekannteste Filmfestival der Welt. Sie bringen verlässlich nicht nur die größten Stars an die Croisette, sondern Prominente jeglicher Coleur, Schaulustige, Fans und den (YouTube-)Boulevard.

Cannes und die Berlinale – gemeinsam mit Venedig die alten A-Festivals – bilden gewissermaßen Antipoden: Die Berlinale findet im eisig kalten Februar im großen Berlin statt und versteht sich als Publikumsfestival, zu dem die Bevölkerung in die Säle strömt. Das vergleichsweise winzige Cannes lockt mit der sonnigen Côte d’Azur, steht aber nur dem Fachpublikum offen, und die Akkreditierungen werden nicht leichtfertig vergeben.

So bleibt Cannes ein Sehnsuchtsort für Filmleute aus allen Gewerken, Regie und Drehbuch, Schauspiel, Musik und Kostüm, und natürlich Produktion und Verleih. Man ist unter sich, alle wollen Geschäfte machen, alle freuen sich über das schöne Wetter. So kommt man sofort miteinander ins Gespräch. Der Luxusumgebung mit ihren Yachten und sündteuren Hotels zum Trotz begegnen sich die Menschen auf Augenhöhe. Auf dem angeschlossenen Filmmarkt Marché du Film werden nicht nur Arthouse-, sondern auch viele Genre-Filme angeboten. Gerade im Horrorbereich hat sich Cannes interessanterweise in den letzten Jahren zu einem wichtigen Branchentreff entwickelt.

Die Yachten in der Bucht von Cannes sind kein Klischee.

Im Wettbewerb feiert dagegen das Weltkino Premieren. Richard Linklater ist nach A SCANNER DARKLY und FAST FOOD NATION (beide 2006) zum dritten Mal dabei und gewann mit seinem neuem Projekt sicher gleich bei der Sichtung die Herzen der Franzosen für sich: eine fiktionale Nacherzählung der Entstehung von Godards Erstling, und das ganze heißt auch noch NOUVELLE VAGUE. Guillame Marbeck ignoriert als Jean-Luc Godard kettenrauchend einfach alle Hindernisse, bis er endlich wie seine Kritikerkollegen von der Gazette du cinéma selber einen Film drehen kann. À BOUT DE SOUFFLE (AUßER ATEM, 1960) sprengte dann gleich mal die damaligen Kinokonventionen und wurde mit Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg (dargestellt von Aubry Dulin und Zoey Deutch) auch noch ein Überraschungserfolg beim Publikum.

NOUVELLE VAGUE merkt man die jugendliche Energie von damals leider nicht an. Godard ist hier eine Figur wie bei Aki Kaurismäki, ein Held, der mit unbewegter Miene und Sentenzen von sich gebend gegen Windmühlen kämpft. Die anderen Figuren verzweifeln vielleicht manchmal an ihm, bleiben aber genauso stoisch. Jean Seberg erscheint hier ganz anders als in der gleichnamigen Biographie mit Kristen Stewart von 2019, schlagfertig, aber auch ein wenig oberflächlich.

Das alles hat natürlich seinen Witz, das Ganze ist unterhaltsam anzuschauen. Linklater hat im alten Bildformat und schwarz/weiß gedreht. Die Franzosen im Film (also fast alle Personen) sprechen sogar Französisch, eine Seltenheit bei US-Produktionen. Aber trotzdem fühlt es sich ein bisschen wie ein Schulprojekt an, wie eine Fleißarbeit. Warum wird bei hundert Figuren der Name eingeblendet? Der Film gräbt nicht in die Tiefe und wird gerade Godard damit nicht gerecht. Danach hat man aber immerhin Lust, sich AUßER ATEM wieder anzuschauen und am besten gleich noch mehr von der echten Nouvelle Vague.

Von vielen Hausfassaden grüßt die Filmgeschichte, hier Jean-Paul Belmondo.

Cannes ist streng und nimmt sich Dinge heraus, die sich andere Festivals nicht leisten könnten. So hört man immer noch Geschichten über Leute, die trotz Badge und Ticket nach langem Anstehen in der Warteschlange am Ende nicht zur Abendpremiere in den Festivalpalast eingelassen wurden, weil sie keine Fliege trugen. Immerhin wurde der Dresscode zuletzt etwas gelockert. Statt Smoking sind nun auch Anzüge erlaubt, und Frauen dürfen flache Schuhe tragen.

Vergleichsweise harmlos nimmt sich da die 24-stündige Sperrung aus dem Ticketsystem aus, sollte man zwei gebuchte Vorstellungen nicht besucht (und zuvor nicht storniert) haben. Damit geht man gegen die auf Festivals verbreitete Unsitte vor, sich blindlings mit so vielen Tickets wie möglich einzudecken, obwohl man aus Zeitmangel niemals alle Veranstaltungen besuchen können wird. Echte Interessenten haben dann oft das Nachsehen, weil die Filme schon ausverkauft sind. Trotzdem bleiben auch in Cannes im Kinosaal immer noch überraschend viele Plätze leer.

Dafür werden nach den Vorführungen im Palast die Toiletten gesperrt (und bewacht), damit die Leute zügig Platz machen für das Folgepublikum. Einerseits ist Cannes besonders elitär mit seinen Abstufungen von Akkreditierungen und Sondervoraussetzungen, um eingelassen zu werden. Andererseits sind die Besucher gut gelaunt und entspannt. Selbst die Last-Minute-Warteschlange für die größte Premiere kommt ohne Absperrung am vorderen Ende aus, weil man sich hier zivilisiert verhält.

Schick herausgeputzt im Supermarkt

Wes Anderson muss man wohl niemandem mehr vorstellen – entweder man liebt ihn, oder man kann mit seinem Werk nichts anfangen. Er war mit THE PHOENICIAN SCHEME (DER PHÖNIZISCHE MEISTERSTREICH) zu Gast, der gleich nach dem Festival auch in den deutschen Kinos angelaufen ist. Und mit der Beschreibung „der neue Film von Wes Anderson“ ist eigentlich schon alles gesagt.

Benicio der Toro spielt den sinistren Tycoon Zsa-Zsa Korda, der beständig Anschlägen auf sein Leben entgeht. Er möchte den namensgebenden gewaltigen Deal abschließen, den er beständig den Gegebenheiten und Widrigkeiten anpasst und der für den Zuschauer zu keinem Zeitpunkt nachvollziehbar ist. Als einzige Vertrauensperson überredet er seine Tochter Liesl (Mia Threapelton), ihn dabei zu begleiten, obwohl sie seine unehrlichen Geschäftspraktiken ablehnt und kurz davor steht, ihr Gelübde als Nonne abzulegen.

Der ebenso kauzige Hauslehrer Björn (Michael Cera) begleitet die beiden auf ihrer Abenteuerreise, während namenlose Bürokraten und alte Geschäftspartner (eher Geschäftsfeinde) ihnen Steine in den Weg legen. Am Gefährlichsten erweist sich Kordas Halbbruder Nubar (Benedict Cumberbatch mit Rauschebart), der sie als finaler Gegenspieler erwartet.

Das Ganze hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Wes Anderson ist spätestens nach seinem Meisterwerk THE GRAND BUDAPEST HOTEL (2014) zu seiner eigenen Parodie erstarrt. Auch DER PHÖNIZISCHE MEISTERSTREICH ist bis zum Bersten vollgestopft mit unvergleichlich liebevoll und kunstfertig erstellten Bildkompositionen. (Die dabei häufig eingesetzten Miniaturen lässt Anderson seit Jahren beim Spezialisten seines Vertrauens in Deutschland fertigen.) Dazu kommen seinen älteren (symmetrische Bildachse) und neueren Manierismen (Information in Dialog, Lesetexten und Untertiteln übereinander geschichtet).

Schon längst stehen die größten Stars Schlange, um in zum Teil winzigen Rollen bei Anderson mitzuspielen. Diesmal seien Tom Hanks, Scarlett Johansson, Willem Dafoe, Bryan Cranston, Charlotte Gainsbourg, Matthieu Amalric, F. Murray Abraham, Karl Markovics und natürlich Dauergast Bill Murray (als Gott) genannt. Mia Threapelton, die die weibliche Hauptrolle spielt, ist kein so bekanntes Gesicht. Allerdings ist sie Kate Winslets Tochter und kann neben all den berühmten Namen bestehen.

So ist auch DER PHÖNIZISCHE MEISTERSTREICH durchaus wieder ein Vergnügen, wenn auch ein recht formales. Alle Figuren agieren nüchtern, geradezu mechanisch und rattern in Höchstgeschwindigkeit Sentenzen herunter, ohne die Miene zu verziehen, selbst bei einer Liebeserklärung. Das Kino ist aber eine Emotionsmaschine, und Wes Anderson hat ähnlich wie diesmal auch Richard Linklater mit NOUVELLE VAGUE das Problem, dass vollkommen durchironisierte und distanzierte Filme nicht so richtig funktionieren. Das Ende immerhin berührt einen.

Die Stadt Cannes verströmt eher ein italienisches Flair.

Cannes kann weiterhin große Premieren und Hollywoodstars im Überfluss bieten. Iris Knobloch, die Tochter von Charlotte Knobloch, ist seit 2022 Präsidentin der Filmfestspiele, als erste Frau und erster Nichtfranzose überhaupt. Zuvor leitete sie das Europa-Geschäft von Warner Bros. und kann nun ihre sicher vielfältigen Verbindungen dafür einsetzen, Cannes‘ Platz als Nummer Eins am Festivalhimmel zu festigen.

Bei aller Internationalität bleibt trotzdem ein gewisser französischer Trotz, Englisch als Weltsprache nicht anzuerkennen. Bei den Einheimischen kommt man tatsächlich mit Deutsch meistens weiter, und man kann nicht bei jeder Vorführung englische Untertitel erwarten – in der Reihe Cannes Classics wurde John Woos HARD BOILED (LAT SAU SAN TAAM, 1992) auf Kantonesisch mit französischen Untertiteln gezeigt.

Palmen prägen so sehr das Stadtbild, dass sogar der Filmpreis nach ihnen benannt wurde.

Nawojka hat Probleme. Nicht nur, dass sie ihre Jugend auf einem schmucklosen Bauernhof in einem öden Kaff verbringt, ihre Mutter tot ist und ihre Brüder sie hänseln. Sie ist auch davon überzeugt, vom Teufel besessen zu sein, der sie zu Gewalt und Verderben anleiten will. Sie klammert sich an ihr Kreuz und spricht Gebete, damit sie nicht das gleiche Schicksal erleidet wie ihre Mutter, die – auch daran glaubt sie unerschütterlich – eine Hexe war. Ihr Vater weiß nicht so recht, wie er mit der Situation umgehen soll, ihr einziger Vertrauter ist der Außenseiter im Dorf. Eine Frau taucht wieder im Dorf auf, um das Haus ihrer verstorbenen Eltern zu verkaufen. Sie war einst vor der Enge und Bigotterie geflohen. Ihre Rückkehr löst Dynamiken in der Gemeinschaft aus, die nicht mehr einzufangen sind.

HER WILL BE DONE (QUE MA VOLONTÉ SOIT FAITE) ist Julia Kowalskis Langfassung des Kurzfilms I SAW THE FACE OF THE DEVIL (J’AI VU LE VISAGE DU DIABLE), mit dem sie vor zwei Jahren zu Gast in Cannes war. In beiden Versionen spielt Maria Wróbel die wunderbare gestörte Protagonistin. Es handelt sich hier nicht direkt um female body horror, aber es ist interessant, wie bekannte Typen anders gedeutet werden. Die weibliche Hauptfigur ist so, weil die Filmemacherin sie so haben wollte, und nicht, um irgendwelche gerade angesagten Vorgaben zu erfüllen. Das ist echte Vielfalt.

Wirkt die Musik im Vorspann noch aufgesetzt, so entwickelt sie später immer wieder große Kraft und dominiert ganze Szenen. Höhepunkt ist eine nächtliche Rehjagd, zu dem ein zusammengewürfelter Trupp aufbricht, während gerade eine Hochzeit gefeiert wird. Am Ende haben alle Schuld auf sich geladen, die nicht mehr getilgt werden kann.

das Cinéma de la Plage bei Tag

Obwohl viele Mitwirkende der gezeigten Filme vor Ort sind, finden in Cannes eigentlich keine Q&As nach den Vorführungen statt, nur ein paar „Masterclasses“, in denen Robert De Niro oder Guillermo del Toro Anekdoten erzählen. Aber sie wissen hier die Filmemacher in Szene zu setzen: Während der Abspann läuft, wird ein Spotlight auf die Sitzreihe gerichtet, in der Cast und Crew Platz genommen haben. Sie stehen unter Applaus auf und verbeugen sich.

Nach Sonnenuntergang gibt es auch echte Midnight-Screenings am Strand, man macht es sich in Strandliegen vor der riesigen Leinwand gemütlich. (Auch diese werden natürlich streng bewacht, so dass sich zu spät Kommende ein paar Meter dahinter in den Sand setzen müssen.) Das ist eine sehr schöne Idee, aber auch die nächtliche Croisette ist von zu viel Lärm und Spektakel erfüllt, um es wirklich genießen zu können. Immerhin bietet das Gelände tagsüber das einzige Stück frei zugänglichen Badestrands zwischen lauter teuren Clubs.

das Cinéma de la Plage bei Nacht

Lynne Ramsays Romanverfilmung DIE MY LOVE erzählt von Grace, einem misfit, der sich den menschlichen Konventionen einfach nicht anpassen kann. Dabei hat sie scheinbar alles, Liebe, Glück. Grace und ihr Freund Jackson sind schwer verliebt, sie ist schwanger, die beiden ziehen in die ländliche Idylle nahe seiner Mutter. Grace ist ihren Mitmenschen sympathisch, zumindest anfangs, aber sie stößt alle vor den Kopf.

Einige Rezensenten schreiben ihr Verhalten postnataler Depression zu, aber das greift zu kurz. Das ist die Erklärung, an die sich Graces Umgebung klammert. „Über die Schwierigkeiten als junge Mutter redet niemand“, meint eine Nachbarin vorgeblich verständnisvoll. „Ich habe den Eindruck, es wird nur darüber geredet“, antwortet Grace. Sie kriecht wie ein Raubtier durch’s Gras und fühlt sich ihrerseits von den Menschen bedrängt und attackiert. Auf einer Hausparty reißt sie sich zusammen, hat sich adrett hergerichtet und lächelt tapfer alle an. Das Kompliment „du siehst aber viel besser aus“ wird so oft wiederholt, bis es nur noch giftig wirkt, und sie zornig antwortet: „Und du siehst auch viel besser aus!“

Auch in DIE MY LOVE ist der Musikeinsatz besonders. Ähnlich wie in HER WILL BE DONE haben einige Szenen so ungewöhnliche und dominante Musik, dass man von „damit unterlegt“ gar nicht mehr sprechen kann. Seine Wirkung verfehlt das nicht. Eine unangenehme Atmosphäre, eine Unbehaustheit macht sich auch beim Zuschauer breit. Anders als im School-Shooting-Drama WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN von 2011, das sein Thema eher wie eine Behauptung vor sich her trug als darin einzudringen, gelingt es Lynne Ramsay hier, einem die enigmatische Hauptfigur näherzubringen, obwohl sie fremd bleiben muss.

Jennifer Lawrence erfüllt Grace mit archaischer Wucht, still, aber mit Gewaltausbrüchen, meist gegen sich selbst. Robert Pattinson übernimmt tapfer die undankbare Rolle des verständnisvollen, aber überforderten Freunds. Neben Nick Nolte ist auch Sissy Spacek eindrucksvoll mit von der Partie. Sie spielt die greisenhafte Schwiegermutter Pam, die ihrem verstorbenen Ehemann nachtrauert und nicht mehr ganz richtig im Kopf ist. Auch dieser Tod bleibt rätselhaft: Hat er sich wirklich selbst erschossen – „in den Arsch“, wie es heißt? Oder hat ihn Pam getötet, war es ein Unfall?

Die Schwiegermutter, die selbst beschädigt ist, ist auch die Einzige, die eine echte Verbindung zu Grace aufbauen kann. Sie sagt immer wieder zu ihrem Sohn: „Lass‘ sie gehen.“ Helfen kann sie ihr aber auch nicht.

der Festivalpalast mit dem Auditorium Louis Lumière und dem schönen diesjährigen Doppelplakat

Tickets sind sehr schwer zu ergattern, die meisten Vorstellungen sind nach Sekunden ausverkauft. Viele reisen dann auch bloß als (Luxus-)Touristen an, um sich und das Festival abends in den Bars und auf der Straße zu feiern. Geht man zur morgendlichen Vorstellung im Lumière, wird noch der Partymüll der letzten Nacht beiseite geräumt.

Ab Nachmittag setzt dann eine erhöhte Smoking-Dichte ein, dem heißen Wetter zum Trotz. Die Altstadt voller Besucher in feiner Abendgarderobe im strahlenden Sonnenschein ist schon ein besonderes Erlebnis. Und Cannes bietet genügend Erfrischungsmomente: Von den Pavillons und anderen Räumlichkeiten, in denen Präsentationen und Events stattfinden, kann man meistens auf der Rückseite direkt an den Strand gehen. Da stehen dann die Filmleute im Sand und genießen es, hier zu sein.

Stunden vor der Ankunft von Tom Cruise steht bereits eine Batterie Leitern für die Fotografen bereit.

Mit viel Spannung erwartet wurde ALPHA. Julia Ducournau hat vor vier Jahren mit ihrem alle Grenzen überschreitenden Geniestreich TITANE Cannes gerockt und in der Dankesrede nach dem Gewinn der Goldene Palme gesagt: „Danke, dass Sie die Monster herein gelassen haben!“ Ihr Nachfolgefilm ist kein (body) horror, aber Ducournau blickt erneut auf das Fleisch.

Alpha (Mélissa Boros) lebt als Dreizehnjährige in Paris. Ihre pubertären Experimente sorgen ihre alleinerziehende Mutter (Golshifteh Farahani), eine Ärztin. Die Oma beklagt das Vergessen der Berber-Traditionen in der Diaspora, der drogensüchtige Onkel Amin (Tahar Ramin) crasht die Wohnung. Trotzdem ist die Familie im Grunde intakt. Zu Beginn wird nebenbei erzählt, dass wir uns in den Achtziger Jahren befinden. Alle haben Angst vor einer neuen, unheimlichen Krankheit. Kaum denkt man dabei an Aids, bricht das Fantastische herein.

Die Epidemie ist visuell so dramatisch, dass sie einen viel stärker packt als jeder Realismus. Ein wenig erinnert das Ganze an den bizarren Film ELSE (2023), in dem alles miteinander zu verwachsen beginnt, Menschen, Tiere, Gegenstände, Häuser. ALPHA geht dabei aber viel kunstvoller vor, mehr mit dem Skalpell als mit dem Hammer, obwohl auch hier eine Ahnung der Apokalypse über dem Geschehen liegt.

Alle Figuren ringen mit sich und der Welt, hier gibt es keinen klassischen Bösewicht, den die Heldin überwinden muss. Dies ist auch kein „Aidsfilm“ oder „Migrantenfilm“. Diese Themen begleiten Alphas Coming-of-Age im Hintergrund und fangen einen so viel stärker ein als mancher Film, der sie wie eine Monstranz vor sich her trägt.

So perfekt wie TITANE ist ALPHA freilich nicht. Selbst bei Ducournau ist die fantastische Komponente hier nicht immer geglückt, am Ende wird es ein bisschen viel Symbolik. Die Rückblenden geraten etwas verwirrend, da nur Alpha jünger aussieht, die Erwachsenen dagegen wie in der Gegenwart. Das mag aber auch Absicht sein, gegen Ende vermischen sich die Zeitebenen sowieso.

Die einzelnen Szenen sind aber weiterhin hervorragend konstruiert, das beherrscht Ducournau meisterlich. Auch die Effekte sind sehr überzeugend und halten den Film auf einer realistischen Ebene. In ALPHA gibt es deutlich weniger Gewalt als in TITANE, Musik wird immer wieder pointiert eingesetzt. Der Anfang und das Ende sind in roten Wind getaucht.

Beim Verlassen des Cineums, in dem die Wiederholungstermine stattfinden