Filmanalysen

Auf diesen Seiten veröffentlicht die Interfilm Academy e.V. Filmanalysen und -rezensionen.

Quo vadis, Kulturpolitik?

Die diesjährige Berlinale warf ein Schlaglicht darauf, wie die zeitgenössische Kunst in den großen Kulturkämpfen unserer Zeit zu zerrieben werden droht, und war der Auftakt einer Reihe fragwürdiger Entscheidungen des Kulturstaatsministers Wolfram Weimer.
Text und Fotos von Franz Indra

Die Berlinale findet sich wieder einmal in einer Zeit des Übergangs. Moritz de Hadeln und Dieter Kosslick haben sie nacheinander von 1979 bis 2019 geleitet. Nur zwei Direktoren in 40 Jahren, das sorgt für viel Konstanz (im Guten wie im Schlechten) und einen monolithischen Eindruck nach außen. Die folgende Doppelspitze aus Mariette Rissenbeek als Geschäftsführerin und Carlo Chatrian als Künstlerischem Leiter blieb unvollendet. Durch die Beschränkungen der Corona­Pandemie sowieso schon schwer getroffen, wog der Vorwurf zu schwer, dass sie nicht genügend Hollywoodglamour und Stargäste nach Berlin holen konnte, da half auch ihre Beliebtheit in Filmkreisen nicht. Der Status der Berlinale als drittes großes Festival neben Cannes und Venedig hatte allerdings zuvor schon gelitten, die Relevanz der Preise abgenommen.

Seit 2024 soll Tricia Tuttle das nun richten. Als frühere Leiterin des London Film Festivals gilt sie als gut vernetzt. Jedenfalls traf sie mit ihren öffentlichen Äußerungen den richtigen Ton, und man kann auch nicht sagen, dass man das Fachpublikum auf der Berlinale über einen Niedergang des Festivals lamentieren hören würde. Das Publikum strömt auch weiterhin in Massen. 2026 wurden 350.000 Tickets verkauft, der Trend geht nach oben. Große Weltpremieren konnte Tuttle freilich auch dieses Jahr nur sehr wenige an Land ziehen, selbst im Wettbewerb fanden sich viele Filme, die bereits woanders gezeigt worden waren. Allerdings hatte Tricia Tuttle ja auch noch nicht viel Zeit, das Ruder herumzureißen.

Tricia Tuttle beim Empfang der AG Kino (und neben ihr Christian Bräuer von der AG Kino, nicht ein verjüngter Olaf Scholz)

Überhaupt findet in Berlin gerade auch ein räumlicher Umbruch statt. Nach einem Multiplex haben nun auch die Deutsche Kinemathek, das Kunstkino Arsenal und die Filmhochschule DFFB den Potsdamer Platz verlassen. Beide Kinos waren Festivalspielstätten und mit der Kinemathek über eine thematisch passende Sonderausstellung fest eingebunden. Und die paar netten Lokale, die es gab, sind längst weg. Aus den Arkaden, wo früher der zentrale Kartenvorverkauf stattfand, wurde „The Playce“ – ein Wortspiel, das es mit der „Mall of Berlin“ gleich gegenüber aufnehmen kann. Übrig blieben ein Merchandise Shop und die Roter Teppich Fankurve, was auch immer das genau sein soll. Wäre es nicht an der Zeit, sich so langsam vom Potsdamer Platz, diesem unglaublich hässlichen Un-Ort, zu verabschieden?

Ein neues Festivalzentrum wäre auch ein psychologisches Signal, die Krise als Chance zu Nutzen und sich neu zu erfinden.

Das Festival begann aber mit einem Paukenschlag ganz anderer Art. Auf der Pressekonferenz, bei der die Wettbewerbsjury vorgestellt wurde, warf der Journalist Tilo Jung der Berlinale vor, die Berlinale habe immer wieder Solidarität mit der Bevölkerung in Iran und in der Ukraine gezeigt, aber nie mit Gaza, und fragte: „Unterstützen Sie als Jurymitglieder diesen selektiven Umgang mit Menschenrechten?“ Obwohl solche Vorwürfe und Attacken bei Kulturveranstaltungen inzwischen zu erwarten sind, waren die Jurymitglieder offenbar überrumpelt und reagierten recht defensiv.

Jurypräsident Wim Wenders sagte: „Wir können nicht in die Politik hineingehen. Wir müssen uns aus der Politik heraushalten.“ Das ließ sich danach in den Sozialen Medien gut ausschlachten.

Ausschilderung zur „Red Carpet Fan Zone“

Natürlich bleibt m.E. festzuhalten, dass die Palästinenser schon zu Zeiten des Völkerbundes und der britischen Kolonialherrschaft, lange vor der Gründung des Staates Israel, systematisch benachteiligt wurden. Weit über hundert Jahre blieben sie eine Bevölkerung ohne mächtige Lobbygruppe, deren Unterdrückung und Diskriminierung die große Politik nicht interessierte. Ebenso ist offensichtlich, wie Ministerpräsident Benjamin Netanjahu seit Jahren ohne Bedenken mit Rechtsextremisten zusammenarbeitet und versucht, die Gewaltenteilung in Israel zu beschädigen, um Korruptionsanklagen zu entgehen. Seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023, einem Höhepunkt des Terrorismus seit dem Zweiten Weltkrieg, lässt er militärische Angriffe sicher auch mit dem Hintergedanken führen, dass während eines Krieges sein Amt nicht in Gefahr ist. Auch die dabei begangenen Kriegsverbrechen sind für die Weltöffentlichkeit klar zu sehen.

Die moralisch gebotene und auch überfällige Kritik am Vorgehen Israels gegen die Palästinenser erfüllt manche Leute aber mit einer solchen Begeisterung, dass man sich fragen sollte, ob sich dahinter nicht auch andere Motive verbergen. Die oft geheuchelte Solidarität mit den Palästinensern war schon immer ein Versuch von Antisemiten weltweit, damit Judenhass zu befördern.

Man sieht einerseits Menschen, die diskutieren, und andererseits Menschen, die brüllen

Es ist nicht so schwer, das eine vom anderen zu unterscheiden, man muss sich nur Art und Weise anschauen, wie die eigene Position vorgebracht wird. Ähnlich wie bei Klimaschutz, Impfungen und anderen Reizthemen sieht man einerseits Menschen, die diskutieren, und andererseits Menschen, die brüllen. Wenn jemand ohne momentanen Anlass, dafür voll missionarischen Eifers an einen herantritt und – sofern man nicht sofort zu hundert Prozent zustimmt – einem bizarre Behauptungen an den Kopf wirft, ist recht deutlich, woher der Wind weht. Beliebt ist zum Beispiel der auch bei der genannten Pressekonferenz geäußerte Vorwurf, „die Medien“ würden nie über das Leiden der Palästinenser berichten – womöglich aufgrund von Anweisungen der Regierung! Wer auch nur hin und wieder tatsächlich einen Blick ins öffentlich-rechtliche Programm wirft, wird feststellen, dass es eigentlich keinen Bericht über Terror gegen Israel gibt, ohne dass auf Unrecht und Gewalt gegen die Palästinenser hingewiesen wird. Umgekehrt nehmen diese plötzlichen Verfechter der palästinensischen Sache nur mit Schulterzucken zur Kenntnis, dass am 7. Oktober auf Berliner Straßen Bonbons an Kinder verteilt wurden, um die Ermordung so vieler Juden wie nie seit Ende des Zweiten Weltkriegs zu feiern

Der European Film Market am Martin-Gropius-Bau

Mal abgesehen von der Frage, wann man von Tilo Jung denn jemals etwas zur Lage der Uiguren in China oder gar zur Situation im Sudan gehört hat, ist es sein Geheimnis, wie er den Eindruck gewonnen hat, die Berlinale hätte nie Solidarität mit Gaza gezeigt. Die Abschlussveranstaltung letztes Jahr fiel dadurch auf, dass wiederholt und ausschließlich mit den Palästinensern Solidarität geübt wurde. Zuvor war auf dem Instagram-Kanal des Festivals vorübergehend sogar ein zur Zeit häufiger gehörter Slogan gepostet worden, der zur Vernichtung Israels aufruft. Generell sind auf der Berlinale mit ihrer starken Gewichtung politischer Filme seit jeher viele Filme zu sehen, die sich mit dem Nahost-Konflikt mal aus der einen, mal der anderen, oft aus mehreren Perspektiven auseinandersetzen.

In diesem Zusammenhang folgten sofort zwei Offene Briefe, u.a. unterzeichnet von Tilda Swinton und Javier Bardem. Das ist umso bemerkenswerter, als Tilda Swinton, eine durchaus lautstarke Aktivistin, gerade letztes Jahr einen Preis auf der Berlinale verliehen bekam und ihre Rede für Attacken auf Israel nutzte. Man kann seine Zweifel haben, ob die Ehrung ihres künstlerischen Schaffens dafür der geeignete Rahmen ist, aber das ist zweifellos ihre Sache. Nur warum sie nun ihre Unterschrift unter die Behauptung setzt, die Berlinale würde sich „an der Zensur von Künstlern, die sich gegen den anhaltenden Völkermord Israels an den Palästinensern im Gazastreifen aussprechen“ beteiligen, fragt man sich schon.

Alleine, dass den Fragenden überhaupt nicht auffiel, wie selbstverständlich sie weiterhin jedes Filmgespräch kapern durften, zeigt ihr spezielles Verständnis von Zensur

Das Thema war damit jedenfalls gesetzt. Bei so gut wie jeder Pressekonferenz eines angereisten Filmteams ging es spätestens nach ein, zwei Fragen zum eigentlichen Film über die anscheinend allgegenwärtige Zensur zugunsten Israels. Alleine, dass den Fragenden überhaupt nicht auffiel, wie selbstverständlich sie weiterhin jedes Filmgespräch kapern durften, zeigt ihr spezielles Verständnis von Zensur. Wie in den letzten Jahren zeigten viele Gäste von vorneherein ihre Solidarität mit den Palästinensern durch das Tragen eines Wassermelonen­­-Ansteckers. Auf die scheinheilige Frage nach seiner Bedeutung gingen die Künstler in der Regel nicht weiter ein und verzichteten auf billigen Applaus.

Souverän reagierte Ethan Hawke, der den Film „The Weight“ präsentierte, der m.E. nichts mit der Thematik zu tun hat. Erst scherzte er, ein betrunkener, von Jetlag geplagter Künstler, der über seinen Film sprechen will, sei wirklich der Letzte, den man um Rat bitten sollte. Dann fuhr er fort, das Kino und Festivals bauten mit an einer Art „internationaler Traumwelt“, die den Menschen bei der Verarbeitung der Wirklichkeit helfen könne, und endete mit den Worten: „Ich habe das Gefühl, dass Ihre Frage eine Agenda hat, die sich von meiner eigenen unterscheidet. Aber ich respektiere Sie und ich respektiere die Frage.“

Viel Technik beim Berlinale Brunch der Assistant Directors Union

Nachdem die diesjährige Berlinale 2026 die Stürme einigermaßen überstanden hatte, begann ein überraschender zweiter Akt. Wo die Kultur droht, zwischen Ideologen verschiedener Couleur und ihren eschatologisch betriebenen Kulturkämpfen zerrieben zu werden, wäre ein schützendes Eingreifen des Kulturstaatsministers geboten. Dies entspräche auch der Aufgabe und Verantwortung seines Amtes. Stattdessen sah sich Wolfram Weimer bemüßigt, die Leiterin Tricia Tuttle nun selbst mit grotesken Vorwürfen zu attackieren.

Erkennbar war nur, dass Kulturstaatsminister Weimer ein Problem mit Tuttle hatte

Als sie mit einem der Filmteams für ein Foto posierte, hielt jemand nämlich eine Palästina­Fahne vor die Kameras. Abgesehen davon, dass auch hier der eigentliche Vorwurf höchst unklar blieb, ist selbstverständlich, dass Tuttle nicht alle Fotos bei ihren unzähligen Terminen kontrollieren kann. Erkennbar war nur, dass Weimer ein Problem mit ihr hatte. Nun ist er durch sein Amt aber viel mächtiger und damit bedrohlicher für Tricia Tuttle als es Tilo Jung oder auch Tilda Swinton wären. Nach nur drei Berlinalen sah es tatsächlich nach ihrer Abberufung aus. Wer würde die Berlinale in diesem Zustand übernehmen wollen? Die möglichen Folgen seiner Äußerung waren Weimer vermutlich nicht so ganz bewusst.

Daraufhin kamen Stellungnahmen und erneute Offene Briefe, diesmal aus der deutschen Filmwirtschaft, unter anderem auch von mir unterschrieben. Es meldeten sich so viele Stimmen für die Unabhängigkeit der Berlinale zu Wort, dass dem Kulturstaatsminister wohl dämmerte, er könne die nächste Berlinale dann alleine feiern. Nach längerem Schweigen folgte jedenfalls eine dünne Erklärung, so sei das doch nicht gemeint gewesen. Tricia Tuttle und das Festival hat er damit aber beschädigt.

Der Holzmarkt 25, ein geradezu klischeehaftes Berliner Kulturquartier, im Positiven wie im Negativen

Damit ging es aber erst so richtig los. Nur wenige Tage später ließ Weimer kurz vor der Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises drei Buchläden von der Liste der nominierten Preisträger streichen, wegen „verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse“, die nicht weiter ausgeführt wurden. Es steht zu vermuten, dass die Buchläden zu links geraten sind; aber wie gesagt, was ihnen vorgeworfen wird, wird nicht verraten, nicht einmal ihnen selbst. Stattdessen erhielten sie E­Mails, in denen stand, sie wären sowieso nicht ausgezeichnet worden. Dem widersprach umgehend die Jury. Nachdem – anscheinend zu seiner Überraschung – sich auch die ihm genehmen Buchhandlungen mit den so ausgeschlossenen solidarisierten, sagte Kulturstaatsminister Weimer die Preisverleihung kurzerhand ab. Zuvor hatte er noch in einem Grußwort geschrieben, die Freiheit des Wortes sei „eines der höchsten Güter unserer demokratischen Gesellschaft, das wir um jeden Preis erhaltenund schützen müssen“.

Stattgefunden hat dagegen die Leipziger Buchmesse. Sebastian Guggolz, seit kurzem Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, betonte in seinem Grußwort, an den anwesenden Kulturstaatsminister gerichtet, er sei stolz auf seine Branche, „weil wir Ihren autokratischen Gestus nicht klaglos akzeptieren.“ Wann hat man je so lauten Protest in dieser eigentlich sehr leisen Branche gehört? Sebastian Guggolz steht damit nicht allein, ganz im Gegenteil. Wolfram Weimer als Kulturstaatsminister hat im Rekordtempo im Kulturbetrieb Glaubwürdigkeit und Sympathie verloren. Für den ersten Aufreger hatte Wolfram Weimer bereits im November 2025 gesorgt. Man mag es kaum glauben, aber er ließ aus der Gedenkstättenkonzeption des Bundes den Kolonialismus streichen, im exakten Widerspruch zum Koalitionsvertrag übrigens. Über die lästigen Verbrechen der Kolonialzeit soll lieber nicht mehr gesprochen werden. Wer braucht bei dieser erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad noch eine Brandmauer?

Die Deutsche Kinemathek nach ihrem Umzug

Unserem Bundeskanzler wird wohl niemand ein übermäßiges Interesse an Kultur nachsagen. Wolfram Weimer bekam seinen Posten vermutlich einfach deshalb, weil er Nachbar von Friedrich Merz am Tegernsee war und ihn mit ein paar gelehrt klingenden Zitaten beeindruckte.

Der Ludwig-­Erhard­-Gipfel und die Weimer Media Group

In den Zeitraum nach seiner Berufung fiel der Ludwig-­Erhard­-Gipfel seiner Weimer Media Group, bei dem sich junge Start­Up­Unternehmer für viel Geld Kontakt zu Größen aus Wirtschaft und Politik erkaufen. Warum gerade diese Veranstaltung jährlich mit mehreren hunderttausend Euro Steuergeld aus Bayern gefördert wird, bleibt wohl das Geheimnis höherer Lobbyarbeit. In seiner Beteiligung an der Bundesregierung und der gleichzeitigen Einnahme durch Kontakt zu dieser konnte Weimer keinen Interessenkonflikt erkennen. Im Gegenteil warb die Veranstaltung offensiv damit, für welche Beträge man Verbindungen zu welchen Ministern erhalten würde. Erst als diesen das zu sehr nach offener Korruption aussah, überließ er in einer etwas beleidigt klingenden Erklärung die Leitung seiner Frau, verdient natürlich aber weiterhin an der Teilnahme prominenter Politiker mit.

Man sollte meinen, nach diesen Skandalen und dem gewaltigen Schaden, den Weimer in so kurzer Zeit in der Kulturlandschaft Deutschlands angerichtet hat, wäre er nicht mehr zu halten. Friedrich Merz sagte aber Ende März, Wolfram Weimer habe sein Vertrauen, sein Agieren stoße bei ihm auf „große Zustimmung“. Es steht zu befürchten, dass es Weimers Bestreben ist, den Kulturbetrieb zu einer der Regierung genehmen Gefälligkeitsveranstaltung umzuformen.

Zurück zur Berlinale

Den Goldenen Bären gewann Gelbe Briefe von Ilker Çatak, dessen letzter Film Das Lehrerzimmer eine Oscarnominierung für den besten Internationalen Film erhalten hatte. Ein erfolgreiches Künstlerehepaar gerät in berufliche, finanzielle und schließlich auch private Krisen, als beide wegen ihrer kritischen Haltung in politische Ungnade fallen. Wie sollten, wie können sie mit der Situation umgehen? Der Regisseur sagt dazu: „Oft gibt es Filme, die wie Parolen daher kommen. aber ich will fragen.“

Wer hat Zugang zum Festivalplatz?

Erdogan wird nicht beim Namen genannt, aber Çatak, selbst Deutscher, arbeitete mit türkischen oder türkischstämmigen Darstellern und auf türkisch. Gedreht wurde in Deutschland, mit kurzen Einblendungen: „“Berlin als Ankara“, „Hamburg als Istanbul“. Das funktioniert hervorragend, man nimmt die Fähre über die Elbe wie über den Bosporus, im Gerichtssaal steht „Im Namen des Volkes“, die Allgemeingültigkeit des Dramas ist augenfällig. Man wünscht sich, unser Bundeskanzler und unser Kulturstaatsminister würden sich diesen Film ansehen.

Der Produzent Ingo Fließ sagte in seiner Dankesrede: „Wir Filmschaffende sind keine Feinde. Wir sind Verbündete. Lasst uns nicht gegeneinander kämpfen. Lasst uns die wahren Feinde bekämpfen, die Autokraten, die rechtsextremen Parteien, die Nihilisten unserer Tage.“


Die Ökumenischen Filmpreise auf der Berlinale 2026

Die Ökumenische Jury zeichnet auf Filmfestivals hervorragende Filme aus, die wichtige soziale und interreligiöse Themen aufnehmen. Ökumenische Jurys gibt es auf über 30 Festivals, sie werden konfessionell paritätisch besetzt.

Auf der Berlinale 2026 wurden von ihr folgende Filme prämiert:

Moscas von Fernando Eimbcke (Mexiko)

Bucks Harbor von Pete Muller (USA), Dokumentarfilm in der Sektion Panorama

River Dream von Kristina Mikhailova (Kasachstan), Dokumentarfilm in der Sektion Forum

Jury des Ökumenischen Filmpreises: Douglas P. Fahleson (Vorsitz, IRL), Ingrid Stapf (DE), Lea Wohl von Haselberg (DE), Daria Pezzoli-Olgiati (IT/DE), Jean-Jacques Cunnac (FR), Stephen Brown (CH)

Unser 200-Kritiken-Mann

In der KI-Reihe bei Filme, Serien und Stars diskutiert Stefan Preis mit Werner Fassrainer, Jan Planinic und Rolf vom Kanal Rolfs Filmkritiken Wirkung und Zukunft von KI in unserem Leben anhand ausgewählter Beispiele aus dem Film „Der 200-Jahre-Mann“ (1999) von Chris Columbus.

Für den Lovecrafter Online hat Stefan Preis gleich eine ganze Reihe von Artikeln geschrieben: In Die Sperlinge fliegen wieder widmet er sich Stephen Kings „Stark – The Dark Half“ und setzt das Werk in Bezug zu Lovecrafts „Dunwich Horror“. Außerdem schreibt er über die Lovecraftsche Antikenrezeption in „Crouch End“ und Lovecraftsche Momente in der „Freitag der 13.“-Reihe. Schließlich zeigt er noch in Unheimliche Wesen in den tiefen Wäldern Parallelen zwischen Lovecraft und M. Night Shyamalans „The Village“ auf.

Darüber hinaus hat Stefan für den Fluxkompensator eine Kritik zu Das Geheimnis der fliegenden Teufel (1980) verfasst und last, but not least eine zu Wenn die Gondeln Trauer tragen (1973) wiederum bei Filme, Serien und Stars.

Laurin und die Nouvelle Vague

Beim Filmportal Fluxkompensator ist eine Filmkritik von Franz Indra zu NOUVELLE VAGUE von Richard Linklater erschienen, der zur Zeit im Kino läuft.

Guillame Marbeck ignoriert als Jean-Luc Godard kettenrauchend einfach alle Hindernisse, bis er endlich, wie seine Kritikerkollegen von der Gazette du cinéma selber einen Film drehen kann. À BOUT DE SOUFFLE (AUSSER ATEM, 1960) sprengte dann gleich mal die damaligen Kinokonventionen und wurde mit Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg (dargestellt von Aubry Dulin und Zoey Deutch) auch noch ein Überraschungserfolg beim Publikum.

Aber es fühlt sich ein bisschen wie ein Schulprojekt an, wie eine Fleißarbeit. Warum wird bei hundert Figuren der Name eingeblendet? Der Film gräbt nicht in die Tiefe und wird gerade Godard damit nicht gerecht. Danach hat man aber immerhin Lust, sich AUSSER ATEM wieder anzuschauen

-> zur vollständigen Kritik

Stefan Preis wiederum hat eine ausführliche Kritik zu LAURIN (1989) von Robert Sigl für den Lovecrafter Online gerschrieben.

Filmkritik zu „Alpha“

Beim Filmportal Fluxkompensator ist eine Filmkritik von Franz Indra zu ALPHA von Julia Ducournau erschienen. Der Film kommt am 2. April in die deutschen Kinos.

Julia Ducournau hat vor vier Jahren mit ihrem alle Grenzen überschreitenden Geniestreich TITANE Cannes gerockt und in der Dankesrede nach dem Gewinn der Goldene Palme gesagt: „Danke, dass Sie die Monster herein gelassen haben!“ Ihr Nachfolgefilm ist kein (body) horror, aber Ducournau blickt erneut auf das Fleisch.

Alpha (Mélissa Boros) lebt als Dreizehnjährige in Paris. Ihre pubertären Experimente sorgen ihre alleinerziehende Mutter (Golshifteh Farahani), eine Ärztin. Wir befinden uns in den Achtziger Jahren, alle haben Angst vor einer neuen, unheimlichen Krankheit. Kaum denkt man dabei an Aids, bricht das Fantastische herein.

-> zur vollständigen Kritik

Hitchcock als Vorbild

Was machte den Film damals so besonders? Wie fügt er sich in seine Entstehungszeit ein? Und warum wirkt er heute vielleicht anders als bei seiner Veröffentlichung? Bei Filme, Serien und Stars sprechen Jan Planinic und Stefan Preis über Die 27. Etage (1965) von Edward Dmytryk mit Gregory Peck.

Für den Lovecrafter Online hat Stefan Preis eine Kritik zu Die krumme Janet (1881) von Robert Louis Stevenson geschrieben.

Q&As auf der Berlinale 2026

Auch zur diesjährigen Berlinale gibt es auf Franz Indras Vimeo-Kanal einige Q&As:

Regisseur James Benning spricht über EIGHT BRIDGES.

Regisseurin Koxi, Sar Adina Scheer, Ben Münchow und Stephanie Stremler aus dem Cast, Co-Autor und Komponist Antonio de Luca sowie Editor Andreas Menn sprechen über LIEBHABERINNEN nach dem gleichnamigen Roman von Elfriede Jelinek.

Regisseurin Hanna Bergholm und die Hauptdarsteller Seidi Haarla und Rupert Grint präsentieren NIGHTBORN (Yön Lapsi).

Regisseur Hong Sang-soo und Hauptdarstellerin Song Seon-mi sprechen über THE DAY SHE RETURNS (Geunyeoga Doraon Nal).

Einige Ausschnitte aus dem Talents Panel Mixed Feelings: Empathy for the Monster in Genre mit Edwin, dem Regisseur von SLEEP NO MORE (MONSTER PABRIK RAMBUT). Hanna Bergholm, die Regisseurin von NIGHTBORN (Yön Lapsi), musste ihre Teilnahme leider absagen, da sie sich die berüchtigte Berlinale-Erkältung eingefangen hatte.

Regisseurin Ralitza Petrova, Hauptdarstellerin Snejanka Mihaylova und das Team sprechen über LUST.

When Reiner met King

Nach seinem tragischen Tod ist bereits am 26. Dezember ein Video über die Filme von Rob Reiner von David Dietrich, Christoph Niederberger und Stefan Preis bei Filme, Serien und Stars erschienen, das hiermit endich nachgereicht wird. Der Coming-of-Age-Klassiker STAND BY ME (1986), die romantische Kömodie HARRY UND SALLY (1989), der Psycho-Thriller MISERY (1990) und das Gerichtsdrama EINE FRAGE DER EHRE (1992) – Rob Reiner bewegte sich scheinbar mühelos zwischen den Genres.

David Dietrich und Stefan Preis sprechen bei Filme, Serien und Stars außerdem über Die Wahrheit hinter Conjuring 2 (2016). Für die Fantastische Antike hat Stefan Preis einen Artikel über Stephen King und die nordeuropäische Folklore geschrieben, von dem bekanntlich auch die Romanvorlage zu MISERY stammt. Und bei Splatting Image schließlich erschien seine Kritik zu Nightmare II – Die Rache.

Dario Aguirre spricht über „Wir, die Wolfs“

Mein ehemaliger und sehr geschätzter Kommilitone Dario Aguirre sprach am 22. Januar 2026 im Hamburger Studio Kino über seinen neuen Film WIR, DIE WOLFS. Nach FIVE WAYS TO DARIO (2010), CESARS GRILL (2013) und IM LAND MEINER KINDER (2018) führt er damit seine Reflexionen darüber fort, was Identität bedeuten mag.

Leider war es im Saal recht dunkel, so dass das Bild vor allem zu Beginn etwas unscharf ist. Wir bitten, das zu entschuldigen! Dafür ist der Ton sauber 🙂

Seltsame Träume

Zum 250. Geburtstag von E.T.A. Hoffmann ist bei Splatting Image, dem „Magazin für den unterschlagenen Film“, ein Essay von Stefan Preis und Franz Indra erschienen. Diesmal geht es um Seltsame Träume in BLUE VELVET (1986) und A NIGHTMARE ON ELM STREET (1984). Letztes Jahr hatten sie anlässlich des Todes von David Lynch ein Hamburger Filmgespräch zu BLUE VELVET veranstaltet.

Stefan Preis hat außerdem einen Artikel über Nikolai Gogols Hexengeschichte Der Wij für den Lovecrafter Online geschrieben sowie Kritiken zu Todesträume (1989) beim Fluxkompensator und bei Warp Core zu The Midnight Meat Train (2008), der in ersterer erwähnt wird. Am 13. März schließlich präsentiert er X-Tro im Rahmen der Reihe Bizarre Cinema im Hamburger Kommunalen Kino Metropolis.

Cannes 2025 – Beobachtungen von Franz Indra

Heute beginnt die Berlinale – Anlass für einen Rückblick auf die letztjährige Ausgabe des wichtigsten Filmfestivals der Welt, des Festival de Cannes. Der Text ist ursprünglich gedruckt erschienen und kann hier als PDF heruntergeladen werden:

Die Filmfestspiele von Cannes sind nicht nur das wichtigste, sondern sicherlich auch das bekannteste Filmfestival der Welt. Sie bringen verlässlich nicht nur die größten Stars an die Croisette, sondern Prominente jeglicher Coleur, Schaulustige, Fans und den (YouTube-)Boulevard.

Cannes und die Berlinale – gemeinsam mit Venedig die alten A-Festivals – bilden gewissermaßen Antipoden: Die Berlinale findet im eisig kalten Februar im großen Berlin statt und versteht sich als Publikumsfestival, zu dem die Bevölkerung in die Säle strömt. Das vergleichsweise winzige Cannes lockt mit der sonnigen Côte d’Azur, steht aber nur dem Fachpublikum offen, und die Akkreditierungen werden nicht leichtfertig vergeben.

So bleibt Cannes ein Sehnsuchtsort für Filmleute aus allen Gewerken, Regie und Drehbuch, Schauspiel, Musik und Kostüm, und natürlich Produktion und Verleih. Man ist unter sich, alle wollen Geschäfte machen, alle freuen sich über das schöne Wetter. So kommt man sofort miteinander ins Gespräch. Der Luxusumgebung mit ihren Yachten und sündteuren Hotels zum Trotz begegnen sich die Menschen auf Augenhöhe. Auf dem angeschlossenen Filmmarkt Marché du Film werden nicht nur Arthouse-, sondern auch viele Genre-Filme angeboten. Gerade im Horrorbereich hat sich Cannes interessanterweise in den letzten Jahren zu einem wichtigen Branchentreff entwickelt.

Die Yachten in der Bucht von Cannes sind kein Klischee.

Im Wettbewerb feiert dagegen das Weltkino Premieren. Richard Linklater ist nach A SCANNER DARKLY und FAST FOOD NATION (beide 2006) zum dritten Mal dabei und gewann mit seinem neuem Projekt sicher gleich bei der Sichtung die Herzen der Franzosen für sich: eine fiktionale Nacherzählung der Entstehung von Godards Erstling, und das ganze heißt auch noch NOUVELLE VAGUE. Guillame Marbeck ignoriert als Jean-Luc Godard kettenrauchend einfach alle Hindernisse, bis er endlich wie seine Kritikerkollegen von der Gazette du cinéma selber einen Film drehen kann. À BOUT DE SOUFFLE (AUßER ATEM, 1960) sprengte dann gleich mal die damaligen Kinokonventionen und wurde mit Jean-Paul Belmondo und Jean Seberg (dargestellt von Aubry Dulin und Zoey Deutch) auch noch ein Überraschungserfolg beim Publikum.

NOUVELLE VAGUE merkt man die jugendliche Energie von damals leider nicht an. Godard ist hier eine Figur wie bei Aki Kaurismäki, ein Held, der mit unbewegter Miene und Sentenzen von sich gebend gegen Windmühlen kämpft. Die anderen Figuren verzweifeln vielleicht manchmal an ihm, bleiben aber genauso stoisch. Jean Seberg erscheint hier ganz anders als in der gleichnamigen Biographie mit Kristen Stewart von 2019, schlagfertig, aber auch ein wenig oberflächlich.

Das alles hat natürlich seinen Witz, das Ganze ist unterhaltsam anzuschauen. Linklater hat im alten Bildformat und schwarz/weiß gedreht. Die Franzosen im Film (also fast alle Personen) sprechen sogar Französisch, eine Seltenheit bei US-Produktionen. Aber trotzdem fühlt es sich ein bisschen wie ein Schulprojekt an, wie eine Fleißarbeit. Warum wird bei hundert Figuren der Name eingeblendet? Der Film gräbt nicht in die Tiefe und wird gerade Godard damit nicht gerecht. Danach hat man aber immerhin Lust, sich AUßER ATEM wieder anzuschauen und am besten gleich noch mehr von der echten Nouvelle Vague.

Von vielen Hausfassaden grüßt die Filmgeschichte, hier Jean-Paul Belmondo.

Cannes ist streng und nimmt sich Dinge heraus, die sich andere Festivals nicht leisten könnten. So hört man immer noch Geschichten über Leute, die trotz Badge und Ticket nach langem Anstehen in der Warteschlange am Ende nicht zur Abendpremiere in den Festivalpalast eingelassen wurden, weil sie keine Fliege trugen. Immerhin wurde der Dresscode zuletzt etwas gelockert. Statt Smoking sind nun auch Anzüge erlaubt, und Frauen dürfen flache Schuhe tragen.

Vergleichsweise harmlos nimmt sich da die 24-stündige Sperrung aus dem Ticketsystem aus, sollte man zwei gebuchte Vorstellungen nicht besucht (und zuvor nicht storniert) haben. Damit geht man gegen die auf Festivals verbreitete Unsitte vor, sich blindlings mit so vielen Tickets wie möglich einzudecken, obwohl man aus Zeitmangel niemals alle Veranstaltungen besuchen können wird. Echte Interessenten haben dann oft das Nachsehen, weil die Filme schon ausverkauft sind. Trotzdem bleiben auch in Cannes im Kinosaal immer noch überraschend viele Plätze leer.

Dafür werden nach den Vorführungen im Palast die Toiletten gesperrt (und bewacht), damit die Leute zügig Platz machen für das Folgepublikum. Einerseits ist Cannes besonders elitär mit seinen Abstufungen von Akkreditierungen und Sondervoraussetzungen, um eingelassen zu werden. Andererseits sind die Besucher gut gelaunt und entspannt. Selbst die Last-Minute-Warteschlange für die größte Premiere kommt ohne Absperrung am vorderen Ende aus, weil man sich hier zivilisiert verhält.

Schick herausgeputzt im Supermarkt

Wes Anderson muss man wohl niemandem mehr vorstellen – entweder man liebt ihn, oder man kann mit seinem Werk nichts anfangen. Er war mit THE PHOENICIAN SCHEME (DER PHÖNIZISCHE MEISTERSTREICH) zu Gast, der gleich nach dem Festival auch in den deutschen Kinos angelaufen ist. Und mit der Beschreibung „der neue Film von Wes Anderson“ ist eigentlich schon alles gesagt.

Benicio der Toro spielt den sinistren Tycoon Zsa-Zsa Korda, der beständig Anschlägen auf sein Leben entgeht. Er möchte den namensgebenden gewaltigen Deal abschließen, den er beständig den Gegebenheiten und Widrigkeiten anpasst und der für den Zuschauer zu keinem Zeitpunkt nachvollziehbar ist. Als einzige Vertrauensperson überredet er seine Tochter Liesl (Mia Threapelton), ihn dabei zu begleiten, obwohl sie seine unehrlichen Geschäftspraktiken ablehnt und kurz davor steht, ihr Gelübde als Nonne abzulegen.

Der ebenso kauzige Hauslehrer Björn (Michael Cera) begleitet die beiden auf ihrer Abenteuerreise, während namenlose Bürokraten und alte Geschäftspartner (eher Geschäftsfeinde) ihnen Steine in den Weg legen. Am Gefährlichsten erweist sich Kordas Halbbruder Nubar (Benedict Cumberbatch mit Rauschebart), der sie als finaler Gegenspieler erwartet.

Das Ganze hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Wes Anderson ist spätestens nach seinem Meisterwerk THE GRAND BUDAPEST HOTEL (2014) zu seiner eigenen Parodie erstarrt. Auch DER PHÖNIZISCHE MEISTERSTREICH ist bis zum Bersten vollgestopft mit unvergleichlich liebevoll und kunstfertig erstellten Bildkompositionen. (Die dabei häufig eingesetzten Miniaturen lässt Anderson seit Jahren beim Spezialisten seines Vertrauens in Deutschland fertigen.) Dazu kommen seinen älteren (symmetrische Bildachse) und neueren Manierismen (Information in Dialog, Lesetexten und Untertiteln übereinander geschichtet).

Schon längst stehen die größten Stars Schlange, um in zum Teil winzigen Rollen bei Anderson mitzuspielen. Diesmal seien Tom Hanks, Scarlett Johansson, Willem Dafoe, Bryan Cranston, Charlotte Gainsbourg, Matthieu Amalric, F. Murray Abraham, Karl Markovics und natürlich Dauergast Bill Murray (als Gott) genannt. Mia Threapelton, die die weibliche Hauptrolle spielt, ist kein so bekanntes Gesicht. Allerdings ist sie Kate Winslets Tochter und kann neben all den berühmten Namen bestehen.

So ist auch DER PHÖNIZISCHE MEISTERSTREICH durchaus wieder ein Vergnügen, wenn auch ein recht formales. Alle Figuren agieren nüchtern, geradezu mechanisch und rattern in Höchstgeschwindigkeit Sentenzen herunter, ohne die Miene zu verziehen, selbst bei einer Liebeserklärung. Das Kino ist aber eine Emotionsmaschine, und Wes Anderson hat ähnlich wie diesmal auch Richard Linklater mit NOUVELLE VAGUE das Problem, dass vollkommen durchironisierte und distanzierte Filme nicht so richtig funktionieren. Das Ende immerhin berührt einen.

Die Stadt Cannes verströmt eher ein italienisches Flair.

Cannes kann weiterhin große Premieren und Hollywoodstars im Überfluss bieten. Iris Knobloch, die Tochter von Charlotte Knobloch, ist seit 2022 Präsidentin der Filmfestspiele, als erste Frau und erster Nichtfranzose überhaupt. Zuvor leitete sie das Europa-Geschäft von Warner Bros. und kann nun ihre sicher vielfältigen Verbindungen dafür einsetzen, Cannes‘ Platz als Nummer Eins am Festivalhimmel zu festigen.

Bei aller Internationalität bleibt trotzdem ein gewisser französischer Trotz, Englisch als Weltsprache nicht anzuerkennen. Bei den Einheimischen kommt man tatsächlich mit Deutsch meistens weiter, und man kann nicht bei jeder Vorführung englische Untertitel erwarten – in der Reihe Cannes Classics wurde John Woos HARD BOILED (LAT SAU SAN TAAM, 1992) auf Kantonesisch mit französischen Untertiteln gezeigt.

Palmen prägen so sehr das Stadtbild, dass sogar der Filmpreis nach ihnen benannt wurde.

Nawojka hat Probleme. Nicht nur, dass sie ihre Jugend auf einem schmucklosen Bauernhof in einem öden Kaff verbringt, ihre Mutter tot ist und ihre Brüder sie hänseln. Sie ist auch davon überzeugt, vom Teufel besessen zu sein, der sie zu Gewalt und Verderben anleiten will. Sie klammert sich an ihr Kreuz und spricht Gebete, damit sie nicht das gleiche Schicksal erleidet wie ihre Mutter, die – auch daran glaubt sie unerschütterlich – eine Hexe war. Ihr Vater weiß nicht so recht, wie er mit der Situation umgehen soll, ihr einziger Vertrauter ist der Außenseiter im Dorf. Eine Frau taucht wieder im Dorf auf, um das Haus ihrer verstorbenen Eltern zu verkaufen. Sie war einst vor der Enge und Bigotterie geflohen. Ihre Rückkehr löst Dynamiken in der Gemeinschaft aus, die nicht mehr einzufangen sind.

HER WILL BE DONE (QUE MA VOLONTÉ SOIT FAITE) ist Julia Kowalskis Langfassung des Kurzfilms I SAW THE FACE OF THE DEVIL (J’AI VU LE VISAGE DU DIABLE), mit dem sie vor zwei Jahren zu Gast in Cannes war. In beiden Versionen spielt Maria Wróbel die wunderbare gestörte Protagonistin. Es handelt sich hier nicht direkt um female body horror, aber es ist interessant, wie bekannte Typen anders gedeutet werden. Die weibliche Hauptfigur ist so, weil die Filmemacherin sie so haben wollte, und nicht, um irgendwelche gerade angesagten Vorgaben zu erfüllen. Das ist echte Vielfalt.

Wirkt die Musik im Vorspann noch aufgesetzt, so entwickelt sie später immer wieder große Kraft und dominiert ganze Szenen. Höhepunkt ist eine nächtliche Rehjagd, zu dem ein zusammengewürfelter Trupp aufbricht, während gerade eine Hochzeit gefeiert wird. Am Ende haben alle Schuld auf sich geladen, die nicht mehr getilgt werden kann.

das Cinéma de la Plage bei Tag

Obwohl viele Mitwirkende der gezeigten Filme vor Ort sind, finden in Cannes eigentlich keine Q&As nach den Vorführungen statt, nur ein paar „Masterclasses“, in denen Robert De Niro oder Guillermo del Toro Anekdoten erzählen. Aber sie wissen hier die Filmemacher in Szene zu setzen: Während der Abspann läuft, wird ein Spotlight auf die Sitzreihe gerichtet, in der Cast und Crew Platz genommen haben. Sie stehen unter Applaus auf und verbeugen sich.

Nach Sonnenuntergang gibt es auch echte Midnight-Screenings am Strand, man macht es sich in Strandliegen vor der riesigen Leinwand gemütlich. (Auch diese werden natürlich streng bewacht, so dass sich zu spät Kommende ein paar Meter dahinter in den Sand setzen müssen.) Das ist eine sehr schöne Idee, aber auch die nächtliche Croisette ist von zu viel Lärm und Spektakel erfüllt, um es wirklich genießen zu können. Immerhin bietet das Gelände tagsüber das einzige Stück frei zugänglichen Badestrands zwischen lauter teuren Clubs.

das Cinéma de la Plage bei Nacht

Lynne Ramsays Romanverfilmung DIE MY LOVE erzählt von Grace, einem misfit, der sich den menschlichen Konventionen einfach nicht anpassen kann. Dabei hat sie scheinbar alles, Liebe, Glück. Grace und ihr Freund Jackson sind schwer verliebt, sie ist schwanger, die beiden ziehen in die ländliche Idylle nahe seiner Mutter. Grace ist ihren Mitmenschen sympathisch, zumindest anfangs, aber sie stößt alle vor den Kopf.

Einige Rezensenten schreiben ihr Verhalten postnataler Depression zu, aber das greift zu kurz. Das ist die Erklärung, an die sich Graces Umgebung klammert. „Über die Schwierigkeiten als junge Mutter redet niemand“, meint eine Nachbarin vorgeblich verständnisvoll. „Ich habe den Eindruck, es wird nur darüber geredet“, antwortet Grace. Sie kriecht wie ein Raubtier durch’s Gras und fühlt sich ihrerseits von den Menschen bedrängt und attackiert. Auf einer Hausparty reißt sie sich zusammen, hat sich adrett hergerichtet und lächelt tapfer alle an. Das Kompliment „du siehst aber viel besser aus“ wird so oft wiederholt, bis es nur noch giftig wirkt, und sie zornig antwortet: „Und du siehst auch viel besser aus!“

Auch in DIE MY LOVE ist der Musikeinsatz besonders. Ähnlich wie in HER WILL BE DONE haben einige Szenen so ungewöhnliche und dominante Musik, dass man von „damit unterlegt“ gar nicht mehr sprechen kann. Seine Wirkung verfehlt das nicht. Eine unangenehme Atmosphäre, eine Unbehaustheit macht sich auch beim Zuschauer breit. Anders als im School-Shooting-Drama WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN von 2011, das sein Thema eher wie eine Behauptung vor sich her trug als darin einzudringen, gelingt es Lynne Ramsay hier, einem die enigmatische Hauptfigur näherzubringen, obwohl sie fremd bleiben muss.

Jennifer Lawrence erfüllt Grace mit archaischer Wucht, still, aber mit Gewaltausbrüchen, meist gegen sich selbst. Robert Pattinson übernimmt tapfer die undankbare Rolle des verständnisvollen, aber überforderten Freunds. Neben Nick Nolte ist auch Sissy Spacek eindrucksvoll mit von der Partie. Sie spielt die greisenhafte Schwiegermutter Pam, die ihrem verstorbenen Ehemann nachtrauert und nicht mehr ganz richtig im Kopf ist. Auch dieser Tod bleibt rätselhaft: Hat er sich wirklich selbst erschossen – „in den Arsch“, wie es heißt? Oder hat ihn Pam getötet, war es ein Unfall?

Die Schwiegermutter, die selbst beschädigt ist, ist auch die Einzige, die eine echte Verbindung zu Grace aufbauen kann. Sie sagt immer wieder zu ihrem Sohn: „Lass‘ sie gehen.“ Helfen kann sie ihr aber auch nicht.

der Festivalpalast mit dem Auditorium Louis Lumière und dem schönen diesjährigen Doppelplakat

Tickets sind sehr schwer zu ergattern, die meisten Vorstellungen sind nach Sekunden ausverkauft. Viele reisen dann auch bloß als (Luxus-)Touristen an, um sich und das Festival abends in den Bars und auf der Straße zu feiern. Geht man zur morgendlichen Vorstellung im Lumière, wird noch der Partymüll der letzten Nacht beiseite geräumt.

Ab Nachmittag setzt dann eine erhöhte Smoking-Dichte ein, dem heißen Wetter zum Trotz. Die Altstadt voller Besucher in feiner Abendgarderobe im strahlenden Sonnenschein ist schon ein besonderes Erlebnis. Und Cannes bietet genügend Erfrischungsmomente: Von den Pavillons und anderen Räumlichkeiten, in denen Präsentationen und Events stattfinden, kann man meistens auf der Rückseite direkt an den Strand gehen. Da stehen dann die Filmleute im Sand und genießen es, hier zu sein.

Stunden vor der Ankunft von Tom Cruise steht bereits eine Batterie Leitern für die Fotografen bereit.

Mit viel Spannung erwartet wurde ALPHA. Julia Ducournau hat vor vier Jahren mit ihrem alle Grenzen überschreitenden Geniestreich TITANE Cannes gerockt und in der Dankesrede nach dem Gewinn der Goldene Palme gesagt: „Danke, dass Sie die Monster herein gelassen haben!“ Ihr Nachfolgefilm ist kein (body) horror, aber Ducournau blickt erneut auf das Fleisch.

Alpha (Mélissa Boros) lebt als Dreizehnjährige in Paris. Ihre pubertären Experimente sorgen ihre alleinerziehende Mutter (Golshifteh Farahani), eine Ärztin. Die Oma beklagt das Vergessen der Berber-Traditionen in der Diaspora, der drogensüchtige Onkel Amin (Tahar Ramin) crasht die Wohnung. Trotzdem ist die Familie im Grunde intakt. Zu Beginn wird nebenbei erzählt, dass wir uns in den Achtziger Jahren befinden. Alle haben Angst vor einer neuen, unheimlichen Krankheit. Kaum denkt man dabei an Aids, bricht das Fantastische herein.

Die Epidemie ist visuell so dramatisch, dass sie einen viel stärker packt als jeder Realismus. Ein wenig erinnert das Ganze an den bizarren Film ELSE (2023), in dem alles miteinander zu verwachsen beginnt, Menschen, Tiere, Gegenstände, Häuser. ALPHA geht dabei aber viel kunstvoller vor, mehr mit dem Skalpell als mit dem Hammer, obwohl auch hier eine Ahnung der Apokalypse über dem Geschehen liegt.

Alle Figuren ringen mit sich und der Welt, hier gibt es keinen klassischen Bösewicht, den die Heldin überwinden muss. Dies ist auch kein „Aidsfilm“ oder „Migrantenfilm“. Diese Themen begleiten Alphas Coming-of-Age im Hintergrund und fangen einen so viel stärker ein als mancher Film, der sie wie eine Monstranz vor sich her trägt.

So perfekt wie TITANE ist ALPHA freilich nicht. Selbst bei Ducournau ist die fantastische Komponente hier nicht immer geglückt, am Ende wird es ein bisschen viel Symbolik. Die Rückblenden geraten etwas verwirrend, da nur Alpha jünger aussieht, die Erwachsenen dagegen wie in der Gegenwart. Das mag aber auch Absicht sein, gegen Ende vermischen sich die Zeitebenen sowieso.

Die einzelnen Szenen sind aber weiterhin hervorragend konstruiert, das beherrscht Ducournau meisterlich. Auch die Effekte sind sehr überzeugend und halten den Film auf einer realistischen Ebene. In ALPHA gibt es deutlich weniger Gewalt als in TITANE, Musik wird immer wieder pointiert eingesetzt. Der Anfang und das Ende sind in roten Wind getaucht.

Beim Verlassen des Cineums, in dem die Wiederholungstermine stattfinden