Thema: Mithu Sanyal

Zur Verleihung des One-Future-Preises 2026

ein Gastbeitrag von Andreja Ligna, München

Der One-Future-Preis ist ein Filmpreis der Interfilm Academy Munich. Er würdigt Filme, die sich ethisch und filmästhetisch mit dem Thema einer unteilbaren Zukunft für diese Welt auseinandersetzen. Der Preis wird seit 1986 jedes Jahr an einen Kinofilm aus dem Gesamtprogramm beim Filmfest München verliehen. Was läge also näher, als im kleinen Jubiläumsjahr 2026 auch einmal zwei gleichwertige Preise zu verleihen, anders als in früheren Jahren einen Ehrenpreis und/oder eine lobende Erwähnung?

Die Preise gehen also dieses Jahr an den Spielfilm Lieblingsmenschen – Die außergewöhnliche Freundschaft zwischen Agnes und Amir (Regie Helena Hufnagel, Kinostart 19. November 2026, mit Vorpremiere in Berlin) und die Dokumentation Was haben wir gelacht (Regie Eva Müller, Isabel Schneider, im Kino seit 16. Juli 2026). Der erstgenannte Film errang im Übrigen noch einen weiteren Preis, den Publikumspreis in der Kategorie „National“.

Die Preisträgerin Helena Hufnagel (Foto: Chris Hirschhäuser)

Im eben erst beendeten Filmfest München waren, heutzutage nicht mehr überraschend, zahlreiche Werke von Filmemacherinnen zu sehen, sowohl Erstlingswerke wie etwa Los Nadadores der jungen argentinischen Regisseurin Sol Iglesias SK – bereits im Wettbewerb „International Independents“, wie auch ein grandioses Alterswerk von Jutta Brückner (Im Spiegel meiner Mutter, im Kino 13. (Previews) / 20. August 2026). Doch ist die Wahl der beiden, nein drei Preisträgerinnen mehr als gerechtfertigt – auch wenn einige andere Titel, darunter der nicht unumstrittene Film über weibliche Emanzipation und deren mögliche Grenzen auch zeitweilig gut im Rennen lagen: Pfarrer Eckart Bruchner diskutierte mit mir kurz den Film Identitti der syrisch-deutschen Regisseurin Randa Chahoud (nach einer Bestsellervorlage von Mithu Sanyal).

Die besten Geschichten schreibt immer das Leben

Es ist mehr als eine Kinoweisheit: Die besten Geschichten lassen sich da finden, wo größtmögliche Wahrhaftigkeit auf größtmögliche Gegensätzlichkeit trifft. Fast jeder von uns könnte, nein kann solche Geschichten aus dem eigenen Erleben berichten. Und genauso hat es sich in der wahren Geschichte, die hier erzählt wird, zugetragen:

Agnes Jeschke aus Berlin (damals 101 Jahre) wollte niemals in ein Pflegeheim ziehen, war aber auf pflegerische Hilfe zu Hause angewiesen. Der syrische Geflüchtete Amir (damals 28 Jahre), ein Sportmediziner, war nach langer Flucht vor politischer Verfolgung und wegen seiner Homosexualität in Berlin gestrandet. Ein glücklicher Zufall brachte die beiden tatsächlich zusammen und führte zur Gründung einer – selbst heute – eher ungewohnten WG der besonderen Art: mit allen vorläufigen Problemen, die es zu bewältigen galt, aber auch so vielen neuen Glücksmomenten im geteilten Alltag.

Filmemacher aus Frankreich hatten, was Komödien mit oft ernstem Hintergrund anging, schon immer die Nase vorn: Olivier Nakache und Eric Toledo kreierten zunächst mit Ziemlich beste Freunde (2011) eine Reihe von Filmen mit Feel-Good-Charakter, wobei aber die Machart und Personencharakterisierung von Film zu Film immer subtiler wurde (Heute bin ich Samba, Alles außer gewöhnlich). Sie beschäftigten sich mit genau diesen Topoi (physische und psychische Erkrankungen, Autismus, Migrationsthematik) und feierten doch immer in leichtfüßig-französischer Lebensart das Aufeinanderprallen zweier oder mehrerer höchst unterschiedlicher Charaktere. Ziemlich beste Freunde war ein enormer Publikumserfolg erst in Frankreich, dann auch in Deutschland, wo sich Besucherschlangen um mehrere Häuserblocks wanden, um den Film zu sehen. Ich selbst war dabei. So soll es, so muss es auch im deutschen Kino, das nicht unbedingt für leichtfüßige Komödien mit tieferem Sinn bekannt ist, auch immer weitergehen.

Lieblingsmenschen hat absolut das Potenzial für einen nachhaltigen Kinoerfolg: Mit urkomischer Berliner Schnauze trägt die bereits Jahrzehnte für Theater und Film tätige Katharina von Thalbach die Hauptrolle der Hundertjährigen und erschreckt und bezaubert damit ihren Spielpartner Amir, dargestellt von Bardo Böhlefeld, gleichermaßen. Ich freue mich auf den Film, der leider erst im November 2026 in die Kinos kommt.

Bei der Verleihung war kurzfristig tatsächlich Regisseurin Helena Hufnagel anwesend (sie hatte erst am Tag der Preisverleihung morgens davon erfahren und war glücklicherweise noch in München) und erzählte den Anwesenden von Thalbachs realem Einswerden mit ihrer Rolle, was so weit ging, dass sich die Schauspielerin eine Glatze scheren ließ, um den Krankheitsprozess im Rollenverlauf noch glaubhafter zu machen.

Bevor in eher kurzer Weise die zweite Preisvergabe bekannt wurde, gab Jurymitglied Christine Weissbarth, Schauspielerin, Regisseurin und zertifizierte Yoga- und Mediationslehrerin, uns noch einen selbst geschriebenen Song mit auf den Weg, zum Nachdenken anregend, was eine verhängnisvolle Strömung unserer Zeit uns anstelle von mitmenschlichem Handeln ersatzweise vorschlagen will: Gier statt dem Streben für das Gemeinwohl, Krieg statt der Befriedung von Konflikten, der Sorge für das Leben aller Arten auf unserem Planeten. Und das alles wohl wissend, dass wir letzten Endes alle sterblich sind und kein Reichtum und Ruhm je von Dauer sein werden.

Was haben wir gelacht ist der gekonnt zweideutige Titel des Dokumentarfilms über die Rolle von Kabarettistinnen in den 90-er Jahren des 20. Jahrhunderts, als patriarchale Strukturen in allen Fernsehsendungen „für die Familie“ vorherrschten, und sich Quizmaster oder Unterhaltungskünstler aller Art, wie die damaligen Showmaster genannt wurden, auf Kosten weiblicher Mitarbeiter profilierten. Diese trugen im Übrigen so wertfreie Beinamen wie „Glücksfee“ oder schlicht „Assistentin“. Alles „völlig normal“. Unter den ersten Comediennes der Szene waren Hella von Sinnen, Bettina Böttinger und Gaby Köster, aber auch Esther Schweins und Maren Kroyman. Sie kommen im Film ausführlich zu Wort und berichten von einer nicht abreißenden Serie von Peinlichkeiten auf Kosten aller Frauen, die damals in den audiovisuellen Medien der Rundfunksender künstlerisch tätig waren.